Künstlerhaus Wien: (re)designing nature.
Positionen der Naturgestaltung
In der Unkrautgesellschaft
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Ein Blatt wie ein Rorschachtest: Regula Dettwilers "Schläft ein Lied in
allen Dingen". Foto: Regula Dettwiler
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Die wachsende
Begeisterung der Städter am Gärtnern ist nicht erst seit dem Phänomen
brachliegender Industriegebiete ein Thema. Von der antiken Königin
Semiramis und ihren hängenden Gärten in Babylon hat sich der Traum vom
Begrünen bis zum "Landschafts-Urbanismus" in Zeiten des Klimawandels
gerettet. In der Künstlerhaus-Ausstellung "(re)designing nature" geht es
nun nicht nur um grüne Utopie und ökologische Grundsätze, sondern auch
um partizipatorische Projekte, gezeigt an konkreten Beispielen.
So wurde ein Slum von Dhaka in Bangladesch – mit positiven Folgen für
die Lebensqualität – begrünt. In heimischen Gefilden wiederum setzen
etwa Christine und Irene Hohenbüchler soziale Projekte um, bei denen
Betroffene als Ko-Autoren fungieren.
Die Land-Art wächst in die Stadtplanung
Dass im Künstlerhaus Wien von Design mit vitaler Materie die Rede
ist, klingt wesentlich besser als die heroische Behauptung, "grün" zu
(ver-)bauen; denn der Begriff Design berücksichtigt sozialpolitische
Prozesse und urbane Veränderungen. Die Land-Art ist in die Ideen der
Stadtplaner eingewachsen.
Besonderen Einfluss hatte Österreichs Beitrag auf der
Documenta X
im Jahr 1997 durch Lois Weinberger. Sein poetischer Bepflanzungsauftritt
auf der
unspektakulären Bühne eines aufgelassenen Bahngleises in
Kassel ist nun im Künstlerhaus fotografisch dokumentiert, zudem auch
sein Projekt, eine
"Ruderal Society" als "mobile Landschaften" in
Kübel, Säcke und bewegliche Metallcontainer zu pflanzen. Ruderale sind
jene wild wachsenden Unkrautpflanzen, die an jeder Peripherie zufliegen
und anpassungsfähig mit wenig Wasser eigene Ökosysteme bilden.
Lois Weinbergers Handlungsweisen folgen viele Kollegen wie Mark Dion,
der in London mit dem Designteam Gross.Max
einen "Hanging Garden" in
die Todey Street brachte und andere parasitäre Initiativen auf Dächern
und Brachen. Selbst die Gestaltung der Ausstellung greift mit ihren
wiederverwertbaren Gemüsekisten – statt schlussendlich zu entsorgender
Vitrinenteile – ökologische Gedanken auf.
Paula Haynes wandelt sogar Schmuck – an Wand und Körper – in tragbare
Blumentöpfe um, Tomas Saraceno verwendet technische Membranen mit
saisonabhängigem Bewuchs zum Überdecken urbaner Wüstenei, Bert Theis
will Münchens Innenstadt überwuchern lassen: allesamt Öko-Alternativen
zu Christos Verpackungs-Kunstwerken.
Regula Dettwiler, in Wien lebende Schweizerin, führt uns mit ihrem
saumverzierten Gummibaum "Rüdiger" und Rorschachtest-artigen Blättern in
psychologische Gefilde. Die seltsamsten Wesen wachsen auf dem
Bauschuttberg von Reiner Maria Matysik: ein Traum vom Leben nach dem
Menschen.
Verparkte Flächen als Eisschollen aus Styropor
Urbane "Space Stations" plant Natalie Jeremijenko für die Dächer der
Städte; ebenfalls Utopisches, nämlich Schiffsfarmen oder Flugobjekte,
findet sich bei Vincent Callebaut; etwas realer sind die mobilen Inseln
für Flussufer in Städten der Landschaftsarchitektin Diana Balmori und
ihres New Yorker Teams Balmori Associates.
Die niederländische Künstlergruppe "Observation" schneidet in einer
Installation große Flächen, die Autos verparken, aus Styropor aus und
schichtet sie
in eine Art von Eisschollen zu einem wüsten Berg.
Danach ist man endgültig zumindest zum Blumentopf-Fetischisten geworden.
Ausstellung
(re)designing nature
Aktuelle Positionen der
Naturgestaltung in Kunst und Landschaftsarchitektur
Susanne Witzgall,
Florian Matzner, Iris Meder (Kuratoren)
Künstlerhaus
bis 23. Jänner
Printausgabe vom Mittwoch, 15.
Dezember 2010
Online seit: Dienstag, 14. Dezember 2010 19:31:00
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