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| Der Stille Rausch der Erkenntnis: Zur Documenta
11 Licht im Schacht von Babel: Die Documenta 11 Es gibt viel Fisch in Kassel. Und der ist immer frisch. Denn so saftig-geruchsfrei wie auf einem Bild kann ein lebendes Exemplar nie sein. Nicht nur, wenn man, Blicke wie Netze werfend, Alan Sekulas "Fish Story" folgt, die als Block ins Wege- und Raumlabyrinth der ehemaligen Binding-Brauerei geschoben wurde. Natürlich geht es um mehr als Fisch - nicht nur hier. Wer fängt was und wen in welchen Netzen? Wer verdient daran? Wie schwer ist die Arbeit? Wie prägt die Ökonomie Mensch und Welt? Ist es etwa kein Menetekel, wenn irgendwo in Sekulas fotografischem Essay über einem ausgebrannten Laden oder Amüsierschuppen das Werbebild einer perfekt gestylten Frau schwebt, als throne der täuschende Glamour ungerührt über allen Katastrophen? Es gibt auf dem Territorium der Kunst kein bloßes Registrieren. Und so erkennt man neben dem mächtigen Rumpf eines Tankers einen seltsam geschuppten Fischleib, der keiner ist, sondern das Modell eines Sitzungssaals, entworfen von Frank Gehry. Alles steht mit allem in Verbindung. Irgendwie - und schwer zu fassen. Oder offenbart erst die Kunst, wie die Dinge zusammenhängen? Kann sie die gewohnten Codes durchbrechen und Wissen schaffen, das anderswo nicht zu haben ist? Glaubt man Okwui Enwezor und seinem Team, so will die Documenta 11 ebendas zeigen: wie aus Kunst Wissen entsteht. Wissen über die Welt, über die Gesellschaft, über mich selbst - im Körper ebenso wie im Kopf. Auch wenn eine große Maschinerie wie die Documenta in Schwung gebracht werden muß, von einem besonderen Willen zum Spektakel spürt man dieser Tage in Kassel zum Glück wenig. Es wird Kunst präsentiert, ruhig und solide, fast wie in einem Museum der hundert Tage, das die Documenta immer auch gewesen ist. Was zählt, ist die Sensation des Faktischen, der stille Rausch der Erkenntnis. So ist Kunst: Sie läßt Dinge anwesend sein, die zugleich abwesend bleiben. "Die postkoloniale Gegenwart", schreibt Enwezor im Katalog, "ist eine Welt der Nähe, nicht eine Welt des Anderswo." Also rückt einem manches auf die Pelle, vor dem man gern die Augen verschließen möchte - in Fotografie, Film, Video. Und schon sitzen wir in einem dunklen Kinosaal und fahren mit Steve McQueen rumpelnd in die schwarze Tiefe eines südafrikanischen Bergwerks. Im Kopf graben wir den Schacht von Babel, von dem Kafka sprach. Was empfinden wir im flackernden Licht der Grubenlampen? Was beim Anblick der auf das Kommando aufleuchtender Lampen und schnarrender Sirenen exerzierenden oder tanzenden Kumpels? Dunkel und stickig muß es in diesem Purgatorium sein. Und McQueen bedient keine Fernsehspielästhetik, die es leichtmacht, zu entfliehen. Wenn Kendell Geers andererseits Zäune, Mauern und Verbotsschilder an Wohnhäusern in Südafrika zeigt, Lisl Ponger daneben Graffiti von Globalisierungsgegnern und verschweißte Kanaldeckel im menschenleeren Genua dokumentiert, so klopft man sich allzuleicht gegenseitig auf die Schulter. Keiner will bestreiten, daß all dies so war und ist. Doch ist es genug, wenn es nun als gutgemeintes Bilddokument in den Distributionssystemen des Kunstbetriebs zirkuliert, in seiner Ästhetik kaum unterscheidbar von Bildern in Magazinen? Manchmal kommt einem diese Mischkultur und Menschen-Bild-Kunde vor wie eine erstarrte Ethnologie ohne wildes Denken. Wenig Wut, aber viele Belege. Auch Fotografien können schreien, nur hört man das in Kassel meist nicht. Dafür gibt es sehr wenig und zugleich viel, sehr viel Zeit. "One Million Years (Past and Future)" rückt On Kawara, der heute 25 765 Tage alt ist, in unser Bewußtsein. Dabei wissen wir: Erfassen können wir solche Dimensionen nicht. Also lesen eine Frau und ein Mann, in einer gläsernen Kabine sitzend, die Jahreszahlen abwechselnd vor. Und was geschieht? Die Ungeheuerlichkeit des Zeitraums verliert an Schrecken. Das Jahr 9785 bleibt nicht länger abstrakt, fern. Vergangenheit und Zukunft treten vielmehr ein in das vielstimmige, murmelnde, kreischende, mal von Lachen und mal von Weinen unterbrochene Selbstgespräch der Gegenwart. Zusammen mit Hanne Darbovens schreibend-rechnender Zeit-Aneignung, die dahinter drei Stockwerke hoch die Apsis des Fridericianums mit den fast viertausend Blättern ihres "Kontrabassolo opus 45" füllt, wurde dem heterogenen Heute ein chronometrisches Rückgrat eingezogen. Eines aber, bemerkt der Besucher, wird er nie genug haben: Wahrnehmungszeit. Seit sich Künstler mit Vorliebe "zeitbasiert" ausdrücken, steigt man meist nur einmal kurz in den Fluß. Wer die Laufzeit aller Videos der D11 addierte, dem würde klar: Die Moderne wird auch durch Überfülle und Entzug erledigt. Nur manchmal zwingt der lange Atem des Films den Betrachter, seinen Blick zu verlangsamen. Dann sieht er, im Film von Amar Kanwar, wie Böcke krachend ihre Köpfe gegeneinanderschlagen, wie sich die Rituale der Trennung in einem absurden Ballett wiederholen, das Soldaten aufführen, während sie die Grenze zwischen Indien und Pakistan öffnen und wieder schließen. Thematisch einheitlich strukturiert ist allein der Kulturbahnhof. Hier geht es um das Ausfransen des urbanen Raumes, um den schönen Schein einer modellhaften Zukunft und ironische Kommentare zur Moderne. Isa Genzkens gibt den ihren in "Neuen Gebäuden für Berlin" ab, acht spielerischen, wunderbar leicht und perfekt aus Glasplatten und Klebeband gezauberten Variationen der transparenten Moderne eines Mies van der Rohe. Leider stören sich die Visionen gegenseitig, wenn sich gleich daneben die phantasmagorischen, in ornamentalen Formen sich ausbreitenden Städte von Bodys Isek Kingelez erheben - gleich neben "Kimbeville" eine orientalisierte "New Manhattan City 3021". Eine Frage aber bleibt: Ist Erfahrung vermittelbar? Kann man an Freud und Leid der Welt mittels Kunst teilhaben und dabei eine nachhaltige Erfahrung machen? Sich in den Datenbestand einlesen und trotzdem empfänglich bleiben, wie schafft man das? Eine mögliche Antwort sucht Eija-Liisa Ahtila in ihrem Film "The House". Mit wenig optimistischem Ende. Aus unterschiedlichen Perspektiven, die auf drei Leinwände projiziert werden, erzählt der Film die Geschichte einer jungen Frau, die Stimmen hört, sich nicht mehr gegenüber dem Draußen abzugrenzen vermag. Überall wartet das Dröhnen der Welt. Eine Kuh, eben noch im Fernseher, geht durchs Zimmer. Vollkommene Entgrenzung. Also näht Ariadne schwarze Tücher, die Fenster zu verhängen. Ahtilas Film basiert auf Gesprächen mit Frauen, die eine Psychose überwunden haben. Der Zusammenbruch einer kohärenten Wahrnehmung, die zwischen Ding und Bild, real oder medial Anwesendem zu unterscheiden vermag, bedroht heute jeden. Einzig Thomas Hirschhorn setzt sich mit seinem "Bataille-Monument" der heißen Sonne sozialer Energien aus, ohne vorab zu wissen, was auf diesem realen, vor Interkulturalität berstenden Feld geschehen wird. Teilnehmen kann jeder. So mischen sich jenseits eines Denkens in Oppositionen zwar postkolonial die Kulturen, Sprachen und Symbole. Eine Erfahrung aber, zumal jene, die den Betrachter nicht nur überrascht und moralisch ergreift, bleibt die Ausnahme. Blickt man auf die D11 nicht durch die Brille eingeübter Kategorien, so scheint sie als Ausstellung vor allem eines zu versuchen: Elemente unterschiedlicher Kulturen kollidieren, Verschmelzungen und neue Standardisierungen, Verklumpungen und Zerfallsprozesse sichtbar und fühlbar werden zu lassen und in Wissen zu überführen. Dabei gilt es, beide Seiten der Globalisierung im Auge zu behalten: Denn einerseits ist Globalisierung gleichmacherisch, ebnet Differenzen ein; andererseits aber treibt sie neue Unterschiede hervor, und zwar so zahlreich und schnell, daß noch keine Kategorien bereitstehen, diese einzuordnen. Sarat Maharaj, einer der Co-Kuratoren, sprach bei der Pressekonferenz von Kunstwerken als "epistemologischen Maschinen". Zu Recht versteht er darunter Werkzeuge, "um Differenzen anzulocken, herbeizuführen, auf sie zuzugehen, um das ,Fremde', ,Unbekannte', ,Andere' zu erkennen". Es geht also auch auf "Plattform 5" mehr um Turbulenzen, um Wirbel als darum, eine neue Ordnung zu kreieren. "Die Kunst", so Maharaj, "ist weniger ein Replikator als ein Schredder für vorgegebene Theorien." Welcher Kopf aber soll all die Splitter, in welche die Erfahrung der Welt zerlegt wurde, erfassen? Wie wird die Gleichzeitigkeit der Kulturen erlebt? Wie ihre Desaster? Wie sieht der neue Mensch aus, der in allen Welten unterwegs und überall zu Hause ist? Stammt er aus der Karibik, studiert in London, lebt in New York und arbeitet mal in Paris, mal in Schanghai? Auch die Wiederkehr eines Diskurses der Authentizität ist in Kassel zu beobachten: van Gogh redivivus. Denn Kriterium der Auswahl ist vor allem die Biographie. Ob sich das neue Heroentum der Patchwork-Identitäten, ob sich die Besonderheiten multipler Identitäten auch im Werk wiederfinden lassen, mag dahingestellt sein. Doch selbst in der Abweichung wird Identität abermals standardisiert. Dreierlei also umkreist die D11: die postkolonialen Veränderungen des Raumes als Untersuchung machtbestimmter Territorien; das Aufeinanderprallen unterschiedlicher, nicht synchronisierbarer Zeiten, also die Frage nach Einheit oder Vielheit der Geschichte(n); schließlich die Frage, wie Subjektivität heute bestimmt werden kann. Was soll man nun von der D11 halten? Ein Überraschungscoup ist Okwui Enwezor zweifellos geglückt: Theorie als Teil des interkulturellen Diskurses der Gegenwart in die Documenta einzubinden, die Ausstellung auf "Plattform 5" aber nicht damit zu beschweren. Die D11 ist nicht aus Papier - und viele Werke, die sie zeigt, sind künstlerisch differenziert und anspruchsvoll. Neuen Atem schöpft sie dank des hinzugewonnenen Areals der Binding-Brauerei, auch wenn die D11 aufgrund ihrer Fixiertheit auf den Blickwinkel des Postkolonialismus in ihrem intellektuellen Anspruch nicht an die dX Cathérine Davids heranreicht. Diese scheiterte freilich an der Präsentation. Auch wenn der Mund manchmal überquillt von Vokabeln wie Subversion, Hybridisierung, Kreolisierung, Transkulturalität und Deterritorialisierung, Okwui Enwezor hat mit Bravour geschafft, was von ihm erwartet wurde: eine Documenta, die sich all den Veränderungen öffnet, die durch die globalen Transformationen herbeigeführt werden. THOMAS WAGNER Documenta 11, Kassel, bis 15. September. Täglich von 10 bis 20 Uhr. Der Katalog, erschienen bei Hatje Cantz, kostet 55, der Kurzführer 15 Euro. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.06.2002, Nr. 131 / Seite 43 © Frankfurter Allgemeine Zeitung 2001 All rights reserved. Reproduction in whole or in part is prohibited. |