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15. März 2003,  03:10, Neue Zürcher Zeitung

Dürers Hase - neu interpretiert

Die alte Albertina eröffnet als jüngstes Kunstzentrum Wiens

Wer kennt ihn nicht, den Hasen von Albrecht Dürer - das Wahrzeichen der Wiener Albertina, so berühmt wie Davids Michelangelo oder Leonardos Mona Lisa. Und doch war die Albertina, als sie vor rund zehn Jahren für das Publikum geschlossen wurde, zwar der Ort einer der bedeutendsten graphischen Sammlungen der Welt, kaum jedoch ein touristischer Anziehungspunkt. Die Wiener Albertina hingegen, die nun gestern feierlich wiedereröffnet wurde, ist ganz darauf angelegt, ein Publikumsmagnet ersten Ranges zu werden. Sehenswürdig für allgemein kulturinteressierte Touristen, die hier zwischen Lipizzaner- Museum und Kapuzinergruft etwas klassizistischen Hofprunk und ein paar Sterne der Kunstgeschichte «mitnehmen» können. Sehenswürdig aber auch für ein spezialisierteres Publikum, dem die neue Albertina ein modernes Museum und auch eine Art Kunsthallenbetrieb mit Gegenwartsanschluss bietet.

Die Albertina war immer schon vieles: ein nobles Palais mit einer wechselvollen Geschichte, eine Legende aus den Zeiten der Monarchie, ein Stück Habsburg usw. Aus einer Kunstperspektive heraus aber war das Kerngeschäft der Albertina immer ihre Sammlung von mehr als 60 000 Zeichnungen und knapp einer Million druckgraphischen Blättern. Nun führen ja Arbeiten auf Papier meist eher ein Dasein in den halbschattigen Zonen des Kunstbetriebs. Das hat einerseits damit zu tun, dass sie im Flutlicht der grossen Publikumsausstellungen Schaden nehmen würden - andererseits sind sie von ihren Formaten und manchmal auch ihren Inhalten her eher dazu bestimmt, im intimen Rahmen etwa eines Kabinetts mit ihren Betrachtern in einen Dialog zu treten. Arbeiten auf Papier und grosse Publikumsausstellungen schliessen sich also bis zu einem gewissen Grad gegenseitig aus.

Auch die neue Albertina ist vieles, ja sie ist weit mehr, als es die alte je war. Zunächst wurde der Bau innen und aussen umfassend restauriert: Kilometerweise wurden Leisten neu vergoldet, Tonnen von Stein verlegt und viel Rio-Palisander verarbeitet. So tritt uns der Piano Nobile mit seinem Musensaal und seinen farbigen Salons heute so frisch wie wohl vor zweihundert Jahren entgegen. Der Palast liegt auf einer grossen Bastei, in die unterirdische Studienräume und Werkstätten sowie ein sogenannter «Tiefenspeicher» eingelassen wurden. Auch eine grosse Ausstellungshalle ist hier entstanden, die man vom Eingangsbereich aus über Rolltreppen erreicht. Als zweiter Ausstellungssaal dient die sogenannte Pfeilerhalle im Erdgeschoss, ein dritter Schauraum ist gegenüber den Prunkräumen eingerichtet. Die neue Albertina empfängt den Besucher in einem mit Glas überdeckten Hof, sie bietet ein elegantes Café- Restaurant und einen Museumsshop, der vom britischen Designer Callum Lumsden eingerichtet wurde, der auch den Shop in Londons Tate Modern realisiert hat.

Dass die neue Albertina einen mit der Londoner Tate vergleichbaren Erfolgskurs durch den Publikumsozean steuern will, lässt schon das grosse Titandach erahnen, das der Architekt Hans Hollein als Markenzeichen der von ihm gestalteten Eingangssituation entworfen hat. Wie ein Spinnaker-Segel wird sich dieses Dach, an dem sich derzeit noch ein paar russische Raumfahrtingenieure die Zähne ausbeissen, dereinst über die Stadt hinaus wölben - und wohl jeden Windhauch nutzen, das Unternehmen Albertina voranzutreiben. Der neue Kurs machte es allerdings auch nötig, die Aufgabe der Institution neu zu interpretieren. So ist die gigantische Sammlung in den Hintergrund getreten - was sich schon daran zeigt, dass die Schätze all den baulichen Massnahmen zum Trotz immer noch in der nahen Nationalbibliothek und nicht in der Albertina selbst aufbewahrt werden. Der Schwerpunkt der Albertina liegt neu im Bereich von Wechselausstellungen. Direktor Klaus Albrecht Schröder betonte zwar, dass das Programm «aus der Perspektive der Sammlung heraus festgelegt wird». Angesichts der Breite der Albertina-Collection kann dies aber alles und nichts bedeuten. Ja nimmt man die gegenwärtige Ausstellungs-Trias zum Massstab, so scheinen die Sammlungsschwerpunkte für die Themenwahl wohl eher sekundär.

Die Albertina ist berühmt für ihre Blätter von Dürer und Michelangelo, Rembrandt oder Rubens. Sie besitzt auch wichtige Exemplare aus dem Bereich der klassischen Moderne - und natürlich auch Blätter von Edvard Munch. Trotzdem mag man beim Gang durch die Haupt-Eröffnungsschau «Edvard Munch - Thema und Variation» (bis 22. Juni) kaum daran glauben, dass dieses Thema wirklich aus der Sammlung heraus entwickelt worden sein soll - zu mager sind da doch die Beiträge aus den «hauseigenen» Beständen. Ziel des Unternehmens war es wohl eher, mit einem besonders zugkräftigen Namen eine publikumswirksame Ausstellung anbieten zu können. Dagegen ist nichts zu sagen. Auch ist die Ausstellung wirklich äusserst attraktiv, gerade weil sie Werke in Öl und ihre Varianten auf Papier mit viel Sorgfalt zueinander bringt. Indem sich das Haus mit dieser Schau so weit von seinem Kerngeschäft entfernt, gibt es allerdings auch eine Möglichkeit aus der Hand: Es verzichtet nämlich auf das Spezifische, das sich aus dem zugegeben wohl nicht immer nur attraktiven Umgang mit den positiven und schwierigen Seiten der Sammlung hätte ergeben können. Die Entdeckung des spezifisch Eigenen wird da zugunsten einer erfolgreichen Position im allgemeinen politisch-gesellschaftlichen Diskurs unserer Tage aufgegeben.

Auch die beiden anderen Ausstellungen machen deutlich, dass die Albertina diese und keine andere Wahl getroffen hat. In der Pfeilerhalle gibt es den Sigmund-Freud-Zyklus von Robert Longo zu sehen (bis 8. Juni). Nach Fotos, die Edmund Engelmann kurz vor Freuds Exilierung nach London in der Wohnung des Psychoanalytikers aufgenommen hatte, fertigte der Künstler grosse Kohlezeichnungen an - phantastische, unheimliche Blätter, die unter den massiven Gewölben gut zur Geltung kommen. Die Art und Weise, wie hier ein Arbeitszyklus eines Zeitgenossen präsentiert wird, erinnert allerdings auch ein wenig an die Präsentationsform einer Kunsthalle. Die dritte Ausstellung beleuchtet nicht etwa, wie man erwarten könnte, Aspekte der graphischen Sammlung, sondern entwickelt unter dem Titel «Das Auge und der Apparat» eine «Geschichte der Photographie» (bis 8. Juni).

Ministerin Elisabeth Gehrer sprach von einem «neuen Geist», der durch diese Albertina weht. Man muss ihr Recht geben, vieles wirkt frisch, und studiert man Schröders Programm für die kommenden Monate, so kommt man ins Staunen: Von Brassaï über Dürer und Raffael bis Goya, Paul Klee und Anselm Kiefer will die Albertina unverkennbar einen Publikumserfolg nach dem anderen landen. Und doch gibt es da und dort seltsame Kleinigkeiten in dieser neuen Albertina, die zumindest für Aussenstehende leicht irritierend sein können. Zum Beispiel die Uniformierung der Hostessen, die mit ihren knapp geschnittenen Röcken und vor allem den sichtbaren Strumpfbändern eher wie die «Bunnys» auf einer Playboy-Party wirken. Aber vielleicht ist gerade das ja nun doch noch ein Tribut an Dürers berühmten Hasen.

Samuel Herzog

 
 
 

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