DIE ZEIT


33/2003

Festspiele

Im Kabinett des Dr. Stromboli

Salzburger Festspiele II: Hans Kresnik inszeniert „Peer Gynt“ als Vulkanausbruch, und der Künstlergruppe Gelatin gelingt ein kleiner Skandal

Von Peter Kümmel

Das Salzburger Nachtleben läuft derzeit ein bisschen aus dem Ruder. Die Stadt liegt brodelnd zwischen ihren Felsen. Gegröle in allen Weltsprachen, schwere Zungen aus vielen Ländern, 15-Jährige im Vollrausch. Vor einer überfüllten Bar sah ich eine Balgerei zwischen zwei Halbwüchsigen. Der Unterlegene bäumte sich auf mit scharrenden Füßen, das Gesicht unter der Schulter des Stärkeren vergraben, die Kehle auf der Bordsteinkante. Vor der Bar saß schönste Salzburger Jugend, schlürfte Cocktails und warf kennerische Blicke auf die Kampfhandlungen. Als ich mich alarmiert über die Balgenden beugte, sagte ein Eingesessener vom Hocker herab: „Keine Sorge. Dös is net so ernst. Ös is Festspielzeit.“ Im nächsten Augenblick kam ein pferdeschwänziger Kellner, kniete am Kampfplatz nieder und sprach: „Buabn, Auszeit, I möcht bitte kassieren.“ Die Kämpfer reichten Scheine empor und nahmen Münzen entgegen. Ruhig verstauten sie ihre Geldbeutel – und kämpften weiter.

Es ist eine beruhigende Salzburger Lehre, dass hier immer nur so lange gekämpft wird, bis einer „Zahlen!“ ruft.

Vom Max-Reinhardt-Platz hat man eine Skulptur der Künstlergruppe Gelatin entfernt, als die örtlichen Wirte und Politiker Aufruhr witterten. Die Jungs von Gelatin hatten aus Plastilin einen Männerkörper gebaut, der sich in einer Brücke so weit nach hinten beugte, dass er sich selbst in den Mund pinkelte. Das geschlossene Flüssigkeitssystem hieß Arc de Triomphe und war fröhlich gemeint, als Feier des menschlichen Körpers, als endloser Natursektempfang. Der Pissbogen störte aber die örtliche Ruhe, indem er aus braven Salzburgern wütende „Sauerei!“-Brüller machte. Solche Volksaufläufe schaden dem polyglotten Gleiten des Festivals. Also hat man den Bogen abgeräumt und weit fortgebracht, nach Wien. Der Abtransport war der Kronen-Zeitung einen Aufmacher wert: „Skandal-Statue endlich weg!“

Hinaus nach Hallein auf die Perner-Insel fährt die Kronen-Zeitung offenbar nicht. Dabei geht es dort noch skandalöser zu. Nackte, Kopulierende, Onanisten. Allerdings dient hier das Lüsterne nicht zur festlichen Beleuchtung des Lebens, sondern es illustriert einen großen Abgesang. Hans Kresnik, der Kärntner Tanztheatermann, hat (in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Hannover) Ibsens Peer Gynt inszeniert. Wo Ibsen die Lebensflucht eines exemplarischen Einzelnen ausbreitet, der uns allen bloß den Spiegel vorhält, da weist Kresnik von Beginn an ins Massenhafte, er zeigt die ganze Menschheitsgeschichte als eine ins Irre und Leere rasende Gyntiade.

Die Bühne (Martin Zehetgruber) besteht aus riesigen Büsten, Denkmalsresten, über die man einen Rasenteppich gedeckt hat. Auf dieser Gesichts- und Geschichtslandschaft ereignet sich das Spiel. Später wird man sehen, welche Schädel hier begraben liegen. Und es werden Tausende von Knochen und Tausende von leeren Energy-Drink-Dosen hier niederregnen.

Bei Kresnik ist der Weltgeist ein Vulkan; er produziert nicht Epochen, sondern Eruptionen. Die Geschichte entsteht im Kabinett des Dr. Stromboli. Requisiten prasseln vom Himmel, Menschen treten nicht auf, der Berg spuckt sie aus. Alles prasselt, scheppert, havariert – Fallout-Theater.

Zivilisation ist bei Kresnik nur eine Knochenmühle, ein Sieb, durch welche die Menschheit passiert wird. Und der Eros erscheint als das Lockmittel in die Richtung, wo die Abgründe sind. All das wird entwickelt mit der Anschaulichkeit der Kresnikschen Küchenpsychologie: Aase, Peers Mama und Frau seines Lebens, reibt ihrem Jungen gleich zum Auftakt das Glied und schlackert dann das Ejakulat von den Fingern wie eine Hausfrau, die Eier für den Kuchen aufschlug. So prägt ihn die eigene Mutter, und bis zum Ende locken ihn die Weiber, die zwar wie stets bei Kresnik massenhaft und gern nackt auftreten, aber immer die etwas traurige, gehetzte Keuschheit des Symbolischen bewahren. Und noch am Ende raffen seine Tänzerinnen ihre Kleider in die Höhe und zeigen dem Peer ihre Scham. So haben in vergangenen Zeiten die Frauen ihre Krieger für den Kampf gegen den Feind heiß gemacht, sie zeigten ihnen die Vulva und dann den Weg zum Schlachtfeld, und so ist auch bei Kresnik die Lust auf immer an den Untergang gekoppelt.

Mit nacktem Hintern steht Peer auf, blickt zum Gebirge und sagt: „Kaiser will ich werden.“ Aus den Windeln und aus seinem Pyjama kommt er sein Leben lang nicht raus. Die drei Peer-Darsteller, die Hans Kresnik einsetzt, teilen sich den Schlafanzug: der Junge (Benjamin Höppner) trägt die Jacke, der Reife (Roland Renner) die Hose, der Alte (Erhard Marggraf) kommt im Mantel.

Da Kresniks Spieler inneres Leben weder entwickeln noch vorschützen, geht viel Bedeutung und Macht auf die Requisiten über. Sie werden von den Spielern nicht benutzt, sondern regelrecht apportiert. Vom Himmel poltern zwei Riesenstiefel, Symbole der Peerschen Weltflucht, des lebenslangen „Außenrum“. Die Stiefel wandern von einem Peer zum anderen, man kann zwar nur Clownsschritte mit ihnen machen, aber eigentlich sind es Waffen: Ihr Sohlenprofil ist das von Panzerketten.

Zwei Figuren haben Kresnik und sein Dramaturg Christoph Klimke hinzuerfunden: eine nackte, goldbestäubte Tänzerin, vielleicht ein gefallener Engel, und einen „boxenden Raben“. Der nackte Engel dient unserer Schaulust. Der boxende Rabe befriedigt unseren Hunger nach Geheimnissen. Er scheint ein Mischwesen zu sein aus Walter Benjamins Engel der Geschichte, der hilflos in die Zukunft geweht wird, und aus Edgar Allan Poes Raven, der mit seinem „Nevermore“ uns alle Hoffnung austreibt, wir könnten einen Weg zurück ins Paradies und zur verlorenen Liebe finden.

Im Programmheft hat Benjamins Engel der Geschichte einen prominenten Platz, und vielleicht ist die ganze Inszenierung ein brausender Nachtflug auf den Schwingen dieses Engels. Ein Sturm, so Benjamin, treibt den Engel „unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Da, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ Hans Kresnik will zu diesem Sturm das Theater machen. Leider kommentiert er eitel das Sturmgeheul; er schwätzt dazwischen. Er flüstert Fremdtext hinein, Bedeutendes und Pompöses vor allem von Heiner Müller (Der Auftrag) sowie von Pasolini, Nietzsche und anderen. Wenn die Grasdecke von den Büsten auf der Bühne gezogen wird, sehen wir lauter Männerköpfe, vermutlich Stalin, Lenin, Kennedy. Genau sind sie nicht zu identifizieren, aber man hat Ahnungen. Das ist die Symptomatik des Kresnik-Theaters: Man denkt an die üblichen Verdächtigen und liegt sicher richtig.

Als dann der Kernsatz der Aufführung fällt, „Was Gutes mir bisher geschah, verdank ich meist Amerika“, muss Peer nur noch Stichwörter der aktuellen Amerika-Kritik nennen: Guantánamo, Kohlenmonoxid, Kyoto-Protokoll, und wir alle fühlen uns sehr zufrieden und alteuropäisch. Dies ist Checklisten-Theater nach dem Schema; „Jetzt muss alles auf den Tisch!“ Den Präsidenten George W. Bush nennt Peer einen „Analphabeten und Alkoholiker von Gottes Gnaden“, und das klingt schon arg nach Leserbrief oder Kabarett; wer so spricht, weiß sich auf der richtigen, der langweiligen Seite.

Im Programmheft dieses globalisierungskritischen Abends findet sich auch die Werbung eines globalisierungstüchtigen Festivalsponsors: „Nestlé and The Salzburg Festival: A shared passion for quality.“ Ein Blatt, das Kresnik mit bloßen Krallen herausreißen müsste. Aber schon die Salzburger Jugend weiß: „Ös is Festspielzeit. Dös is alles net so ernst.“