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29.08.2003 - Ausstellung
Das Temperament der strengen Regeln
Die Abstraktion hat die Moderne digital verdaut. Das Künstlerhaus zeigt junge Kunst jenseits vom eigenen Spiegelbild.
VON ALMUTH SPIEGLER


Am liebsten sehen wir uns selbst. Die digitale Nabelschau mobilisiert die Massen, Daten schwirren uns um die Ohren, setzen sich auf den Displays der Handys zu lustigen Bildchen zusammen, werden durch Datenleitungen zum nächsten Empfänger gejagt. Eine ganze Generation archiviert sich fröhlich in der virtuellen Gegenwelt. Auch zeitgenössische Kunst spielt mit, Megarealismus wird inszeniert und abfotografiert, Marketingstrategien werden übernommen, Event-räume gestaltet und Hochglanzwerbung abgemalt. Junge Kunst frönt Lifestyle und Gegenstand, wie Gruppenausstellungen, Kunstmarkt, die heurige Biennale Venedig oder Rundgänge durch Kunstakademien bestätigen.

Ob Bild, Objekt, Video, Aktion: leicht konsumierbar soll es sein, zeitweise mit Humor (Werner Reiterer), politisch (Christoph Schlingensief) oder durchaus bewusst abstoßend (Elke Krystufek). Nicht, dass diese Tendenzen neu wären, mindestens seit Pop Art darf Kunst ruhig populär sein. Kopflastigkeit verkauft sich heute nicht besonders, wir wollen unterhalten werden - und das bietet Kunst auf hohem Niveau.

Diesem wilden Verlangen nach schneller Ablenkung entzieht sich die Abstraktion naturgemäß. Und man könnte fast glauben, sie überwintert frustriert in Bank-Foyers, Politiker-Vorzimmern, Volkshochschulen, hängt so angeödet wie vergessen hinter der Couch und starrt aufs Fernsehbild vis à vis. Ein typisches Staudacher-Schicksal. Ausreißer gibt es natürlich wie überall.

Doch gelassen mit sich selbst beschäftigt, irgendwo im Untergrund zwischen Sounds und Minimal-Techno, hat das Abstrakte die lastende Tradition der Moderne schon längst gründlich verdaut. Die Ars Electronica lässt alljährlich einen sehr spezifischen Teil der Medienkunst im öffentlichen Bewusstsein auftauchen, das Wiener Künstlerhaus machte sich jetzt mit der Ausstellung "Abstraction Now" an eine Standortbestimmung der jungen Multimedia-Szene. Dabei ging man radikal vor, beschränkte sich auf die geometrische Abstraktion, verzichtete mit einem strengen Jahrgangslimit (ab 1960) auf die großen österreichischen Namen wie Heimo Zobernig und Gerwald Rockenschaub. Immerhin: 72 heimische wie internationale Künstler werden aufgelistet.

Insgesamt eine nicht immer greifbare Präsentation, für die man sich ordentlich Zeit nehmen muss: Von 90 Exponaten sind allein 30 Videoarbeiten, die im benachbarten Kino laufen, und weitere 30 Beiträge existieren nur im Internet oder auf CD-ROM - sie sind in einer eigenen Medialounge abrufbar. Der greifbar sinnliche Rest dagegen ist im Künstlerhaus-Erdgeschoß verteilt, eingekastelt durch einen weißen unregelmäßigen Raster aus Klebestreifen am Boden, der den Skulpturen, Bildern, Projektionen, Objekten auch originell ihre Daten zuordnet, zumindest den Künstlernamen.

Titel findet man eher selten. Der reduzierten Formensprache, Punkt, Strich, Fläche, antwortet hauptsächlich auch eine reduzierte Farbigkeit. Im klassischen Bildformat aber enttäuscht diese elektronische Ästhetik eher. Eingefrorene Frequenzen wie bei Raphael Moser driften fast schon ins Dekorative ab. Nicht fehlen dürfen hier natürlich Florian Pumhösl und Esther Stocker. Stockers optisch irritierende Muster und Raster fassen diese Richtung der Abstraktion im Bildnerischen wohl am besten zusammen. Poetisch überzieht Gerhard Mayer eine Wand mit erstaunlichen Wirbeln aus Tusche. Natürlich streng geometrisch mit einer Ellipsen-Schablone entworfen. Das Serielle nimmt überhaupt den Platz des Originären ein. Alles ist wiederholbar, richtet sich nach Regeln, dem Zufall im Chaos.

Showdown dann im digitalen Untergangsszenario von "reMI": Die Projektionen rasen, flimmern, rollen, es rauscht und krächzt. Der gesteuerte Computerabsturz, ein Inferno zerrinnender Farben und Töne.

Die Medien haben der Abstraktion wieder Temperament eingehaucht. Und dem Künstlerhaus einen pulsierenden Höhepunkt beschert. Das Beste kommt anscheinend immer wieder erst am Schluss. (bis 28. 9., tägl. 10-18, Do. bis 21 Uhr, Eintritt: 7 €)



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