Am liebsten sehen wir uns selbst. Die digitale Nabelschau mobilisiert
die Massen, Daten schwirren uns um die Ohren, setzen sich auf den Displays
der Handys zu lustigen Bildchen zusammen, werden durch Datenleitungen zum
nächsten Empfänger gejagt. Eine ganze Generation archiviert sich fröhlich
in der virtuellen Gegenwelt. Auch zeitgenössische Kunst spielt mit,
Megarealismus wird inszeniert und abfotografiert, Marketingstrategien
werden übernommen, Event-räume gestaltet und Hochglanzwerbung abgemalt.
Junge Kunst frönt Lifestyle und Gegenstand, wie Gruppenausstellungen,
Kunstmarkt, die heurige Biennale Venedig oder Rundgänge durch
Kunstakademien bestätigen.
Ob Bild, Objekt, Video, Aktion: leicht konsumierbar soll
es sein, zeitweise mit Humor (Werner Reiterer), politisch (Christoph
Schlingensief) oder durchaus bewusst abstoßend (Elke Krystufek). Nicht,
dass diese Tendenzen neu wären, mindestens seit Pop Art darf Kunst ruhig
populär sein. Kopflastigkeit verkauft sich heute nicht besonders, wir
wollen unterhalten werden - und das bietet Kunst auf hohem Niveau.
Diesem wilden Verlangen nach schneller Ablenkung entzieht
sich die Abstraktion naturgemäß. Und man könnte fast glauben, sie
überwintert frustriert in Bank-Foyers, Politiker-Vorzimmern,
Volkshochschulen, hängt so angeödet wie vergessen hinter der Couch und
starrt aufs Fernsehbild vis à vis. Ein typisches Staudacher-Schicksal.
Ausreißer gibt es natürlich wie überall.
Doch gelassen mit sich selbst beschäftigt, irgendwo im
Untergrund zwischen Sounds und Minimal-Techno, hat das Abstrakte die
lastende Tradition der Moderne schon längst gründlich verdaut. Die Ars
Electronica lässt alljährlich einen sehr spezifischen Teil der Medienkunst
im öffentlichen Bewusstsein auftauchen, das Wiener Künstlerhaus machte
sich jetzt mit der Ausstellung "Abstraction Now" an eine
Standortbestimmung der jungen Multimedia-Szene. Dabei ging man radikal
vor, beschränkte sich auf die geometrische Abstraktion, verzichtete mit
einem strengen Jahrgangslimit (ab 1960) auf die großen österreichischen
Namen wie Heimo Zobernig und Gerwald Rockenschaub. Immerhin: 72 heimische
wie internationale Künstler werden aufgelistet.
Insgesamt eine nicht immer greifbare Präsentation, für
die man sich ordentlich Zeit nehmen muss: Von 90 Exponaten sind allein 30
Videoarbeiten, die im benachbarten Kino laufen, und weitere 30 Beiträge
existieren nur im Internet oder auf CD-ROM - sie sind in einer eigenen
Medialounge abrufbar. Der greifbar sinnliche Rest dagegen ist im
Künstlerhaus-Erdgeschoß verteilt, eingekastelt durch einen weißen
unregelmäßigen Raster aus Klebestreifen am Boden, der den Skulpturen,
Bildern, Projektionen, Objekten auch originell ihre Daten zuordnet,
zumindest den Künstlernamen.
Titel findet man eher selten. Der reduzierten
Formensprache, Punkt, Strich, Fläche, antwortet hauptsächlich auch eine
reduzierte Farbigkeit. Im klassischen Bildformat aber enttäuscht diese
elektronische Ästhetik eher. Eingefrorene Frequenzen wie bei Raphael Moser
driften fast schon ins Dekorative ab. Nicht fehlen dürfen hier natürlich
Florian Pumhösl und Esther Stocker. Stockers optisch irritierende Muster
und Raster fassen diese Richtung der Abstraktion im Bildnerischen wohl am
besten zusammen. Poetisch überzieht Gerhard Mayer eine Wand mit
erstaunlichen Wirbeln aus Tusche. Natürlich streng geometrisch mit einer
Ellipsen-Schablone entworfen. Das Serielle nimmt überhaupt den Platz des
Originären ein. Alles ist wiederholbar, richtet sich nach Regeln, dem
Zufall im Chaos.
Showdown dann im digitalen Untergangsszenario von "reMI":
Die Projektionen rasen, flimmern, rollen, es rauscht und krächzt. Der
gesteuerte Computerabsturz, ein Inferno zerrinnender Farben und Töne.
Die Medien haben der Abstraktion wieder Temperament
eingehaucht. Und dem Künstlerhaus einen pulsierenden Höhepunkt beschert.
Das Beste kommt anscheinend immer wieder erst am Schluss. (bis 28. 9.,
tägl. 10-18, Do. bis 21 Uhr, Eintritt: 7 €)
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