


Jörg Immendorf ist tot, sein Café Deutschland, jener immer wieder erweiterte Bilderzyklus, den er in den späten 1970ern begann, endgültig abgeschlossen. Im Café Deutschland platzierte Immendorf immer wieder jene Typen, die eben bestimmten, was Sache ist – bzw. er ließ die Akteure in Abwesenheit wirken. Sein Bildpersonal, das waren die Helden der (Kunst-)Geschichte, die politischen Akteure und Manipulateure, die Malerfürsten von seinem Kaliber. Malerei war bei Immendorf stets gleichzusetzen mit einer Debatte über Malerei. Wenn Bilder von Bildern kommen, dann waren das bei ihm stets Historien-, Moritatenbilder.
Reibung als Prinzip
Bei Joseph Beuys hat er studiert, vom Schamanen vielleicht das eminent wichtige Politische in der Kunst übernommen. Vor Immendorffs Zielen, der Ästhetik der Umsetzung ins Bild, seinen Vorstellungen, wie zu unterrichten denn das Beste wäre (die Reibung am Professorengott als quasi natürliches Selek_tionsprinzip), hat und hätte Joseph Beuys gegraust. Als Student wurde Immendorff von der Düsseldorfer Akademie verwiesen. Als Professor sollte er 1996 dorthin zurückkommen. Schon 1972 nimmt er, dessen "Ausbildung" nach seinen Rausschmiss autodidaktisch verlief, an der documenta 5 in Kassel teil, fünf Jahre später an der Biennale von Venedig. 1976 kommt es zu einer – für beide – prägenden Begegnung: Jörg Immendorf lernt den in Dresden lebenden A.R. Penck (Ralf Winkler) kennen. Es beginnt eine nachhaltige, und damals höchst ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen einem "Ost-" und _einem "Westkünstler". Penck und Immendorff verfassen ein Manifest zur Arbeit als Kollektiv, im Jahr darauf ein Aktionsbündnis, dessen Folge gemeinsame Ausstellungen unter dem Titel Penck mal Immendorff. Immendorff mal Penck waren.
Etwa zeitgleich mit der Diagnose seiner Krankheit verändert sich sein Werk. Er versucht alles Erzählerische abzulegen, das "inhaltliche Lametta" loszuwerden. Er entlehnt Leitmotive aus dem Werk Hans Baldung Griens, die an schwere Kugeln gebundenen Füße einer nackten Frau, malt Bilder mit Labyrinthen, Weltkugeln, dem Turm von Babylon. Rätselhafte Allegorien und das Thema des steten Wechsels bestimmen das nunmehrige Spätwerk. Im September 2005 wurde Jörg Immendorff mit einer letzten großen Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie Berlin geehrt. Er selbst rief noch eine Stiftung zur Erforschung von ALS ins Leben. (Markus Mittringer/ DER STANDARD, Printausgabe, 29.05.2007)