11.12.2001 19:50:00 MEZ
Tiroler Wiesen am Ufer des Tiber
Weinberger, Walde und Penone in Rom

Ein Gefängnis als Ausstellungsort: Das suggeriert Strenge, Vollzug. Betritt man das um 1700 errichtete Jugendgefängnis San Michele am römischen Tiberufer, erhellt sich schlagartig der Titel der Ausstellung von Lois Weinberger, Martin Walde und Giuseppe Penone Costrizione. Il lutto nel bello - Züchtigung. Eine Trauer im Schönen. Nichts könnte Züchtigung symbolhafter verkörpern als die drei Stockwerke enger Zellen, deren Gitter alle in einen 20 Meter hohen Saal blicken. Trauer und Schönheit treffen sich hier in perfekter Harmonie. In dieser beeindruckenden Kulisse haben Weinberger und Penone durch spärliche Eingriffe Zeichen gesetzt. Beide Künstler arbeiten seit Jahren mit Pflanzen.

Der aus Turin stammende Giuseppe Penone, dreimal auf der Documenta und fünfmal auf der Biennale von Venedig vertreten, gehört zu den bekanntesten Vertretern italienischer Gegenwartskunst. Doch es bedurfte der österreichischen Kuratoren Christoph Bertsch und Heidrun Sandbichler, um ihn erstmals nach Rom zu bringen.

Eine der Zellen hat er völlig mit Lorbeerblättern ausgekleidet, deren Duft sich der Strenge des engen Raums widersetzt, eine andere hat Penone mit einer Marmorplatte verschlossen, deren freigelegte Adern ausgeleuchtet werden: Erinnerung des Steins.

Weinberger hat mehrere Zellen mit bemalten Tüchern ausgelegt. Darauf legt der Künstler Konsumartikel als eine Art Wegzehrung: Kokosnüsse, Zigaretten, Kekse. Eines der Tücher zeigt den Grundriss des Gefängnisses, über den Wörter aus Pasolinis Freibeuterschriften gestreut sind. Martin Walde zeigt in der riesigen Halle seine bereits in Tokio und Madrid ausgestellten Berge aus bunten Schiffstauen - ein Work in Progress, an dem jeder Besucher Veränderungen vornehmen kann.

Römische Erde

Zweiter Ausstellungsort ist der Garten des österreichischen Kulturinstituts mit seiner für den geplanten Besuch Mussolinis errichteten großen Freitreppe zum Viale delle Belle Arti. Dort hat Weinberger Plastiktaschen mit römischer Erde abgestellt, die Samen und Pflanzen der Alpen enthalten. Seine Aktion hat er auch auf das Stadtgebiet um das Jugendgefängnis ausgedehnt, wo am Tiberufer im Frühling Samen aus Tiroler Wiesen treiben sollen.

Penone widmet sich im österreichischen Kulturinstitut seinem bevorzugten Thema: dem Baum. Einen echten Baumstamm versteckt er hinter einer so täuschenden Bronzeattrappe, dass der Betrachter verwirrt auf das Wasser blickt, das aus einem Ast tropft. Martin Walde zeigt erste Bestandteile seines Projekts Chair/Death/Universe, an dem er seit zehn Jahren arbeitet.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 12. 2001)


Quelle: © derStandard.at