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| 24.10.2003 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Ausstellung: Die Königin unter Strom | ||
| "Go Johnny Go": Die Kunsthalle Wien zeigt eine - nicht nur durch Sammlerwut glänzende - Ausstellung über "Kunst & Mythos" der E-Gitarre. | ||
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Die bunten Lämpchen an der klei nen Girlande blinken noch, über den
niedergetretenen Verstärkern, den zerschundenen Effektkästchen, den
zerschlagenen Gitarren. Lee Renaldo, Gitarrist des New Yorker
Noise-Rock-Quartetts Sonic Youth, hat die Bühne hergerichtet - zuerst
historisch realistisch - als Nachstellung einer Sonic-Youth-Bühne vom
Anfang der Achtziger -, dann idealisierend: durch gezielte, zerstörerische
Tritte, knapp vor Eröffnung der Ausstellung. "Sie waren immer mörderisch", schrieb Nik Cohn in seiner
klassischen, leider längst vergriffenen "Rock History" über die britische
Band "The Who": "Pete Townshend pflegte seine Gitarre voll in die Boxen zu
knallen, sie zu Brennholz zu zertrümmern, und die Lautsprecher wimmerten
im Feedback, jaulten und kreischten und explodierten.
( . . .) Oder er schwang seinen Arm in einem großen,
langsamen Kreis wie eine Windmühle, und er benutzte seine Gitarre wie ein
Maschinengewehr, zielte langsam über die Gesichterreihen im Publikum,
mähte alle nieder, einen nach dem anderen, und die Leute an den Gängen
kauerten sich zusammen, wurden immer kleiner, versuchten sich vor der
Kugelgarbe in Deckung zu bringen. Sie wollten noch nicht sterben. Und zum
Schluss sah die Bühne aus wie ein Schlachtfeld, übersät mit Trommelstücken
und zusammengeschlagenen Gitarren und Teilen von zertrümmerten
Lautsprecherboxen, in Rauch gehüllt. Alle schwitzten. Die Who waren wild
in jenen Tagen." Das muss 1966 gewesen sein, im selben Jahr, als
Michelangelo Antonioni für seinen Film "Blow Up" den
"Yardbirds"-Gitarristen Jeff Beck nötigte, ebenfalls eine Gitarre zu
zerstören und den zertrümmerten Hals ins Publikum zu werfen. Wilde
Rangelei, der erst distanzierte Modefotograf kommt zum umfochtenen Stück
Holz wie der Pontius ins Credo, rettet es auf die Straße - und wirft es
weg, wie eine leere Batterie. Es hat seine Magie des Zerstörungsaktes
verloren. Solche Szenen muss Lee Renaldo vor Augen gehabt haben,
als er - wohl ohne entflammtes Publikum - seine Bühne zertrat. Nun, im
Dickicht der Kunsthalle, spürt man keinen Rauch, keinen Schweiß, keinen
Wahn. Eine Installation halt. Nur ein kleines Detail rührt: An einer roten
Gitarre mit gebrochenem Hals sieht man am Körper das Holz, das gequälte
Pressholz. Von der stolzen Königin der Instrumente bleibt das nackte Brett
- ohne Loch, denn dieses hat sie schon im Lauf ihrer Evolution verloren,
und dazu ihre Leibeshöhle: Eine elektrische Gitarre ist kein Schallkörper,
nur ein Steuergerät für den Strom. Erst durch diese Entleiblichung, durch
diese Abstraktion konnte sie zum wichtigsten und mächtigsten Instrument
der Jetztzeit werden. Die Abstraktion hat den gewaltigen sound ermöglicht, aber
auch die ebenso gewaltige vision, die Fülle an Images, die bis heute vor
allem die Buben in Proberäume lockt. (Jeff Walls "The Guitarist" fängt
diese Kontinuität liebevoll und detailreich ein.) Einmal noch sieht man in
der Kunsthalle die biedere, ältere, akustische Schwester - in David
Hockneys Ölbild "Selbstbildnis mit blauer Gitarre": Der beschauliche
Künstler im geschmackvollen Atelier zeichnet die Umrisse einer hübschen
Gitarre. Diese Idylle, die richtig nach gutem Rotwein riecht, wäre mit
E-Gitarre undenkbar. Oder? Wie die visuelle Kunst an diesem Motiv
scheitern kann, illustriert George Segals Gipsplastik "Rock and Roll
Combo": Die drei Figuren sehen in Bewegung und Anmutung nach sanftem
Bar-Jazz aus, geradezu wie die Antithese zur Videocollage aus Aufnahmen
von Beatbands aus demselben Jahr (1964). In diesen Sequenzen - klugerweise ohne Musik präsentiert
- sieht man, wie innig die E-Gitarren mit den Körpern schwingen, an denen
sie noch vergleichsweise weit oben hängen: In der Geschichte des
Gitarrenrocks sind die Instrumente immer tiefer gewandert, bis sie mit
normal langen Armen kaum mehr zu spielen waren, auch das hat den Punks
beim Hüten der reinen Lehre geholfen. In der Sammlung von Covers mit
Gitarrenmotiven sieht man einen Hüter: Joe Strummer von den Clash, wie er
mit wie devot gebeugtem Rücken und gesenkten Kopf die Gitarre als
Streitaxt schwingt. "This machine kills fascists" (Woody Guthrie), "My
guitar wants to kill your mama" (Frank Zappa): Solche Motive klingen mit
im Cover von "London Calling" - und doch zeigt es auch die Verletzlichkeit
der Waffe. Erstaunlich wenig kommt in der Ausstellung ein Motiv vor,
das die Rockmusik-Kritik der siebziger Jahre genauso liebte wie viele
Feministinnen: die - wesentlich bisexuelle - Gitarre als phallisches
Instrument, als potente Maschine. Christian Marclay - dessen Video "Guitar
Drag" (siehe Bild) eine der eindrücklichsten Darstellungen der Gitarre als
heulendes Opfer ist - greift dieses Thema noch einmal spöttisch in
"Prosthesis" auf: die erschlaffte Gitarre, offenbar traurig nach dem
Verkehr. Aber selbst wenn die E-Gitarre in absentia verhöhnt wird - wie in
Heimo Zobernigs "Video Nr. 3" - oder ein wenig plump als
Gewehr-Surrogat in einen Actionfilm transferiert wird - wie in Hans
Weigands "Z" -, hat sie nicht alle Würde verloren. Und sogar aus dem
Gartenhäuschen, in das sie der manische Heavy-Metal-Ansichtskarten-Sammler
Steven Shearer gesteckt hat, dröhnt sie noch stolz. Auch die Kuratoren Wolfgang Kos und Thomas Miessgang sind
Jäger und Sammler im besten Sinn und haben u. a. in Randgebieten der
E-Gitarren-Kultur gesammelt: Afrika, Ostblock, Vorarlberg. Hier wird die
Ausstellung fast ethnografisch, so, wie sie in den Bildern der Anfänge
historisch und in der langen Reihe von 150 Gitarren liebhaberisch wird.
Doch schon durch das allgegenwärtige Dröhnen behält sie die Aufregung, die
Chuck Berrys "Johnny B. Goode" am Ein- und Ausgang einfordert und die
visuelle Künstler - die bekanntlich alle, alle eigentlich Gitarristen
werden wollten - so schwer einfangen konnten. Einzig Barnaby Furnas kam
ihr in seinen Gemälden nahe, und der musste dafür ganz schön Farbe aus den
Köpfen spritzen lassen. Bis 7. März 2004, täglich 10 bis 19 Uhr. |
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