



Birgit Jürgenssen Gretchen von Faust, 1988

Eine weitere, durchaus gelungene Etappe auf dem Weg, die übersehene Künstlerin posthum international zu etablieren.
Wien - "Empfindsamkeit nach außen gekehrt. Sensibilität wird als Brosche eingefasst. Mit einer Nadel Sehnsüchte, Wünsche, Schizophrenie zusammengehalten", notierte Birgit Jürgenssen in einem ihrer Notizbücher: einfache karierte Hefte, von denen einige Dutzend im Nachlass der 2003 gestorbenen österreichischen Künstlerin erhalten sind. Handschriftlich formulierte Gedanken oder Textstellen aus Theoriebänden geben Einblick, wie sich Jürgenssens Bilder entwickeln, wie Worte zu Formfindungen führen.
"Es war für mich unmöglich zu zeichnen, ohne ein Stück Literatur im Kopf zu haben", sagte sie einmal über ihr Arbeiten als Wechselspiel zwischen Literatur und Lebensalltag, meist subtile, aber auch selbstironische Reflexionen zum Frausein. Feministin war sie keine. Verbund-Sammlungsleiterin Gabriele Schor, die gemeinsam mit Heike Eipeldauer vom Kunstforum nun die erste posthume Retrospektive zum Werk Jürgenssens kuratierte, umschreibt die Notizhefte als "Archiv ihres Begehrens".
Sie dokumentieren aber auch den Dialog mit aktuellen philosophischen und kunsttheoretischen Strömungen und der Psychoanalyse. "In diesem Sinne ist das Abnehmen der Maske Selbsterkenntnis", vermerkte die Künstlerin, in deren Werk maskierte, aber auch gesichtslose Frauen häufig wiederkehrende Motive sind, zu Vilém Flussers Essay Gesten.
Zeit ist reif für Jürgenssen
Die in einer Vitrine mit weiteren Schätzen präsentierten Notizen geben eine leise Ahnung davon, wie viel Potenzial für kommende Jürgenssen-Forschungen darin schlummert. Und die wird zwangsläufig einsetzen: Dass Jürgenssen sehr bald international als führende Avantgardistin der 1970er- und 1980er-Jahre anerkannt wird, davon ist man im Kunstforum überzeugt.
Die 2009 publizierte Monografie und der Ausstellungskatalog sind auf diesem Kurs freilich gewichtige Argumente. In den 1970ern waren Künstlerinnen wie Valie Export oder Yoko Ono, die agitatorischer, politischer arbeiteten, wichtiger, so Eipeldauer. Jetzt sei die Zeit reif für die Rezeption von Jürgenssens stillerem, lange unterbewertetem Werk.
Sehr umfangreich, obwohl nur Bruchteile ihres Schaffens abbildend, ist die Präsentation geraten. Jürgenssen wird als heterogene, experimentierfreudige Künstlerin vorgestellt. Nicht alle Experimente sind jedoch gleich gut gelungen: bescheiden die kameralosen Fotografien, ausdrucksstark hingegen die Polaroid-Serien, die Jürgenssen sehr intim und nahe zeigen. Eine Technik, die ihr erlaubte, selbst in den Prozess der Entwicklung einzugreifen und der scheuen Künstlerin obendrein fremde Blicke im Fotolabor ersparte.
Neben Bekanntem wie den Variationen zum Fetisch Schuh oder der Hausfrauenserie, gilt es etwa, die (un)heimeligen, überschatteten Interieurs oder den auf Notenblättern gezeichneten Zyklus Evelyne zu entdecken. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2010)
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