Sein Essel-Museum in Klosterneuburg zählt zu den schönsten europäischen
Museumsbauten der letzten Jahre, die Kirche "Christus Hoffnung der Welt"
in der Wiener Donaucity wurde nicht nur in internationalen
Fachzeitschriften, sondern auch in der "Zeit" als bedeutender Sakralbau
gewürdigt. Dennoch steht Heinz Tesar in Österreich etwas im Schatten
publicityfreudiger Zampanos. Die erste große Personale findet denn auch in
München in der Pinakothek der Moderne statt. Titel der Schau: "Architektur
beginnt vor der Architektur".
Ohne Bauwelt
Kein Flimmern, keine Videos, auch keine virtuelle Bauwelt. Statt dessen
riesige Holzmodelle, zarte Aquarelle, Zeichnungen, nur ein paar Fotos der
Bauten, dazu Pläne. So ungewöhnlich wie die Präsentation des Architekten,
so ungewöhnlich und eigenständig sind seine Arbeiten und Reflexionen über
Architektur. Für Traditionalisten wie Modernisten "gleichzeitig ein
Ärgernis und eine Herausforderung", sagt Friedrich Achleitner, der die
Entwicklung Tesars von den frühen Malereien bis zu den jüngsten Projekten
kennt.
Was diese unterschiedlichen Bauten in Dresden und Berlin, in St.
Gallen, Wien, Klosterneuburg und demnächst in Innsbruck auszeichnet: die
Auseinandersetzung des Architekten mit dem individuellen Ort. Nicht am
Papier, sondern aus dem jeweiligen Ort entstehen seine Formen, wobei es
ihm immer um ganzheitliche Zusammenhänge geht. "Ich nähere mich langsam
der Architektur und erforsche alle Formen, öffne sie und schaue, was sie
bringen", beschreibt er den Arbeitsprozess. In einem "poetischen" Vorgang
im ursprünglichen Sinne des Wortes, als "poiesis", das heißt als
"Hervorbringung", kommen diese architektonischen Formen zustande.
Was etwas pathetisch und zugleich abstrakt klingen mag, lässt sich in
der Schau nachvollziehen. Tesars Aquarelle in sanften Rosé- und Brauntönen
fließen, verändern, verfestigen sich. Sie stehen am Anfang von erdachten
oder tatsächlich gebauten Projekten. Es folgen Raumzeichnungen, weiters
grafische Fixierungen von Gedanken, dann Holzmodelle, die aus Werkstätten
Leonardos stammen könnten, und schließlich – nach den von seinen Teams in
Wien und Berlin erstellten Plänen – das Bauwerk.
Keine Monumente
Auch wenn diese Bauten manchmal groß und mächtig in der Landschaft
stehen, distanziert sich Tesar vom Monument. Als "Pass-Stücke" oder
Stadtpartikel möchte er sie verstanden wissen, Kommentare zu Stadt- und
Naturlandschaften. Was damit gemeint ist, lässt sich an einem der
prominentesten Bauplätze Deutschlands erleben. Auf dem Gelände des
großteils zerstörten historischen Zentrums von Dresden errichtete Tesar
das Büro- und Geschäftshaus am Zwinger: 170 Meter lang, 15 Meter tief,
18,5 Meter Höhe. Dank der geschickten Situierung, der Durchlässigkeit und
dem Rhythmus des Gebäudes ist es gelungen, einen dynamischen Stadtraum zu
schaffen, der authentisch ist und der Geschichte des Dresdner Zentrums mit
Zwinger, Semperoper und Palais Taschenberg gerecht wird. In Berlin
arbeitet er zudem am Großprojekt der Museumsinsel, gehört zur
Planungsgruppe für den Masterplan.
"Weises Spiel"
In Museen kann er Räume schaffen, in denen zwischen Architektur und
Menschen eine Resonanz entsteht. "KlangLichtRäume" nennt er sie, denn
Licht ist ihr prägendes Element. Ganz im Sinne Le Corbusiers, der meinte,
dass Architektur "das weise Spiel von Licht und Schatten mit Raumkörpern"
sei.
Wer die Säle in der Sammlung Essel durchwandert oder die
protestantische Kirche in Klosterneuburg besucht, spürt dieses "weise
Spiel". In Klosterneuburg kann man im kommenden Jahr auch in Tag und Nacht
eintauchen. Vor dem barocken Stift wurde ein Hügel aufgeschüttet, der im
Inneren ein Bio-Kraftwerk beherbergt.
Oben führt ein Weg mit sieben, von Tesar gestalteten Betonstelen zum
neuen Eingang des Stiftes. "Teichgartencalvario" heißt das Projekt, das in
der Schau bereits präsentiert wird.
Was Wer Wo Wie
Architektur beginnt vor der Architektur
(Winfried Nerdinger, 2005)
Pinakothek der Moderne
Barer Straße 40
80333 München
noch bis 8. Jänner 2006
Glänzende Schau über einen einmaligen Künstler.
Freitag, 07. Oktober
2005