| Annette Messagers
"Balance" im ehemaligen Brauerei-Gebäude |
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Documenta11 Labyrinthischer Kunst-Parcours: Documenta11 in der
ehemaligen Binding-Brauerei Von Katja
Blomberg, Kassel 8. Juni
2002 Fast die Hälfte aller Werke
der Documenta11 finden sich in einem Labyrinth aus hellen und
dunklen Kammern unter dem Dach der ehemaligen Binding-Brauerei am
Rand der Kasseler Innenstadt. Eine Wiener Architektengruppe hat das
Gebäudeareal für die Zwecke der teilnehmenden Künstler und nach den
Vorstellungen der Kuratoren kürzlich umgebaut. Für die Besucher
eröffnet sich ein abgehobener Ort.
Statt großer Hallen reihen sich gefangene Räume
ohne Tageslicht verschachtelt aneinander. Zwischen schmalen Fluren
wird die natürliche Welt mit Sonnenlicht und Regen, mit Tag und
Nacht und Natur ausgeblendet. (Wie hatte man in den Museumsneubauten
der 80er- und 90er-Jahre noch um Größe und Tageslicht gekämpft.) Die
jüngere Kunst klammert die Welt aus, um sie zu betrachten -
mediengestützt, versteht sich. Altmeister wie Louise Bourgeois oder
Annette Messager wirken mit ihren handwerklich hergestellten
Körperattrappen dazwischen wie Dinosaurier.
Ortlos die Welt
betrachten
Modelle, Fotografien und
Videos erzählen von der Gleichzeitigkeit des Gleichen, von einer
globalisierten Welt, die sich eher durch Nähe als durch Differenz
auszeichnet: Konflikte an den Grenzen zu Mexiko und Pakistan,
Minderheiten- und Migrationsprobleme werden mit dokumentarischer
Schärfe ins Visier genommen.
Die meisten hier versammelten
Künstler haben auch an diesem zweiten Ausstellungsplatz der
Documenta11 ihren eigenen Raum erhalten. Das steigert den Genuss und
bremst die Überdrehtheit üblich gewordener Informationsfluten
wohltuend aus. „Entschleunigung“ heißt das Stichwort.
Spätestens nach dem dritten
Dunkel-Raum hat der Besucher allerdings die Übersicht verloren, so
als schlendere er über den Markt einer orientalischen Altstadt. Man
lässt sich weitertreiben, braucht aber an dunklen Ecken nicht um
sein Leben zu bangen. Nur die Regeln der alles beherrschenden
Videokultur muss einhalten, wer nicht aus der Rolle fallen will: So
wird der Besucher eine raumfüllende, dreiteilige Projektion
keinesfalls als plastisches Ereignis aus der Mitte des Raumes heraus
betrachten, sondern mit dem Rücken zur Wand, um anderen nicht im
Blick zu stehen.
Mit dem Rücken zur
Wand
Die Videoinstallation des
russischen Paares Igor & Svetlana Kopystiansky zeigt schwimmende
Plastiktüten, die leicht und schön wie Quallenwesen ortlos über die
Leinwand „schweben“ und heiter stimmen, obwohl sie nichts anderes
als die allgemeine Verschmutzung der Weltmeere dokumentieren. Hier
steht man ebenso mit dem Rücken zur Wand wie bei der Betrachtung von
Eija-Liisa Athilas Geschichte einer Frau, die isoliert von der
Außenwelt in einem finnischen Landhaus Stimmen zu hören beginnt:
Eine Kuh läuft durchs Wohnzimmer, ein Spielzeugauto fährt wie ein
Insekt an der Wand entlang, die Protagonistin fliegt wie ein Vogel
durch den Wald. Raum- und Zeiterfahrungen geraten in der
Bild-Erzählstory der prominenten Künstlerin an den Rand logischer
Wahrnehmung und loten so mit suggestiver Intensität die Ränder der
Normalität aus.
Grenzgebiete der
Erlebisfähigkeit
In dieses Grenzgebiet
extremer Erlebnisfähigkeit führt auch die zweiteilige Arbeit des
schwarzen Videokünstlers Steve McQueen, „Western Deep“.
Während die eine Projektion in den Weg durch einen dunklen Tunnel
zeigt, der sich als Einstieg in die tiefste Goldmine der Welt
entpuppt, verfolgt die zweite Sequenz den Weg aus himmlischen Lüften
rund um eine Insel im Meer. McQueen bezieht sich auf ein
historisches Ereignis, als indianische Ureinwohner in der Karibik
1651 den Tod wählten statt sich von französischen Kolonialisten
domestizieren zu lassen.
Von leisen Gesängen
begleitetet, übertragen die laufenden Bilder das Glücksgefühl der
Freiheit, während ein Mann durch den Himmelsraum schwimmt und jeder
Betrachter sofort spürt, dass nur noch der Tod wartet. Die Ästhetik
dieser bewegten Bilder scheint Gemälde von Monet und Feuerbach, aber
auch Fotografien von McQueens Londoner Kollegen Wolfgang Tilmanns
aufzunehmen.
Halb zerfallen, halb
aufgebaut
Millionenmetropolen vergehen
durch kulturellen Fortschritt ebenso wie durch Naturgewalten. Ryuji
Miyamotos beklemmende Fotografien der japanischen Stadt Kobe nach
dem verheerenden Erdbeben des Jahres 1995 lassen den Betrachter vor
Ruinen der Zivilisation zurück, während die Architekturmodelle des
Kubaners Carlos Garaicoa verfallende Rohbauten computergestützt in
nie erreichter Vollendung zeigen.
Waren-Umschlagplätze sind das
Thema von Allan Sekulas „Fish-Story“, die in einer mehrteiligen
Raumfolge großzügig in der Binding-Brauerei ausgebreitet wird. Um
welchen Hafen es auf den Bildern geht, ist zweitrangig. So wie
konkrete Orte auf dieser documenta der Dokumentation weniger
Relevanz haben als Regionen. Das Verschiffen, Verteilen, Umbenennen,
Verschwinden, Neuauftauchen von Waren (und Informationen) wird in
der Bildfolge von Sekula zur Metapher für eine Gegenwart, die vom
beschleunigten Austausch des immer Gleichen lebt, während Candida
Höfer mit ihrer Fotosequenz zu Rodins „Bürger von Calais“ den zwölf
existierenden Bronzegüssen in ihrem jeweiligen Kontext nachgeht und
damit die Wirkung des Gleichen in unterschiedlicher Umgebung
dokumentiert.
Die Gleichzeitigkeit des
Gleichen ist auch das Thema von Lorna Simpson, die 1960 in New York
geboren wurde und eine Wand mit 31 Monitoren zur Beobachtung von
zwei jungen Frauen aufgebaut hat. Tagesabläufe ähneln sich bis ins
Detail, während die eine schon am Computer sitzt, putzt sich die
andere noch die Zähne, aber die Handlungen bleiben ähnlich und
lassen Rückschlüsse auf Abertausende ähnlicher, gleichzeitiger
Handlungsweisen zu.
Text: @blo Bildmaterial: AP
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