21.05.2003 19:26
Die hohe Kunst stilbildender Antikunst
Die Marcel-Duchamp- Kollektion von Sammler und Galerist Julius Hummel -
zu sehen im Heiligenkreuzerhof in Wien
Der Sammler und Galerist Julius Hummel besitzt eine
Marcel-Duchamp-Kollektion, welche nun im Heiligenkreuzer-Hof der Wiener
Universität für angewandte Kunst zu sehen ist.
Wien - Das hat es in Wien noch nie gegeben: 120 Jahre nach seiner Geburt
wurde doch glatt eine Duchamp-Ausstellung auf die Beine gestellt. Der
Universität für angewandte Kunst und dem Duchamp-Sammler und Galeristen Julius
Hummel verdankt nun auch die Donaumetropole eine Schau mit Druckgrafik und
Objekten des berühmtesten Antikunst-Künstlers der Kunstgeschichte. Obwohl
Antikunst, hat er dennoch laufend produziert, aber keine Laufmeter Ölschinken,
davon hatte er früh genug, sondern Ideen, die Stoff liefer(t)en für Generationen
von Künstlern mit und nach ihm.
"Er verkündete, die Kunst killen zu
wollen, aber seine ständigen Versuche, Referenzrahmen zu zerstören, änderte
unser Denken, begründete neue Denkeinheiten", lobte etwa Pop-Artist Jasper Johns
in einer Würdigung.
Das lieferte auch Stoff für das von Martin Zeiller
geleitete Symposion über einen der einflussreichsten Kulturproduzenten des 20.
Jahrhunderts. Zeiller bezeichnet ihn "neudeutsch einfach als cool". Und:
"Praktisch jeder Künstler bezieht sich auf Duchamp." Und der wiederum beschrieb
mühevolle, humorige Wege rund um die Frage: "Kann man Werke machen, die nicht
Kunst sind?" Eine brisante Frage auch für den kommerziellen Kunstmarkt, den
Duchamp naturgemäß verachtete und zu umgehen trachtete.
Duchamp schaffte
es als einer der Ersten, sich und sein Werk permanent zu modifizieren, es zu
differenzieren, zu repetieren. Diese verschiedenen Perspektiven auf sein Werk,
die selbstreflexive Vorgangsweise wirkten stilbildend. Duchamp, der sein
Künstler-Ego in Duchamp, in Frau Rose Sélavy oder etwa die fingierte Person
Richard Mutt (siehe: das berühmte signierte Urinoir) aufteilte, recyelte etwa
sein Gemälde "Nackte, die Treppe herabsteigend" folgendermaßen: Zum 50. Jubiläum
der New Yorker "Armory Show" 1963 bugsierte der von Paris nach New York
Emigrierte einen Ausschnitt der Nackten als Skulptur auf das Plakat.
Der
Erfinder des Readymade hinterließ keine, alle gelten als verschollen. Die Schau
zeigt das Bild eines signierten Hundekamms: Was ist das Original, was
Reproduktion? Das darf man sich im Falle Duchamp nicht fragen (trauen). Das
poppige Plakatmotiv Flatternde Herzen sei original am Heft der Cahiers d'Art,
hieß es vonseiten des Künstlers.
Bitte berühren!
Witzig die Beispiele der Kunstgeschichte-Paraphrasen auf
Radierungen, indem er etwa bei Rodins Kuss die Hand des Mannes deutlich
verschiebt. Für und mit den Surrealisten gestaltete er einen Katalog, quasi
Volks- und Luxusausgabe. Auf letzterer klebt eine bemalte Schaumstoffbrust.
Prière de toucher: Bitte berühren! Dada-Humor und weit darüber hinaus. Wir
wollen ja nicht vom Großen Glas sprechen oder von der Grünen Schachtel, die
allein 130 Arbeiten in sich vereint.
So schön kann Verweigerung sein -
das zeigt auch die Sammlung Hummel deutlich. Der Sammler, immer schon
Duchamp-Fan, gibt bescheiden zu, dass das, was er im Laufe von Jahrzehnten
erwarb, eher ideellen denn tatsächlichen Wert besitze. Duchamp ist mindestens so
wichtig wie Picasso, aber nicht so dekorativ und kunstmarktkompatibel. (DER
STANDARD, Printausgabe, 22.5.2003)