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derStandard.at | Kultur | Kultur & Politik 
18. Jänner 2008
18:17 MEZ
Foto: Hendrich
Im Konflikt mit der IG Theater: Sigrid Gareis

"Ich bin keine Jeanne d’Arc des TanzQuartiers"
Trotz Höhenflugs der Tanzszene ist die Künstlerschaft gespalten: Ein Teil kämpft für eine Neuausschreibung des DirektorInnenpostens im TQW - Mit Analyse

Wien – Gründungsdirektorin Sigrid Gareis gelang es binnen weniger Jahre, das Tanzquartier Wien international zu positionieren. Die Kuratoriumssitzung am kommenden Freitag (25. Jänner) verspricht dennoch Brisanz: Die fünf Mitglieder wollen sich der Frage widmen, ob der Ende Juni 2009 auslaufende Vertrag von Gareis ein zweites Mal verlängert werden soll oder nicht.

Die Diskussion losgetreten wurde von einer Gruppe heimischer Tanzschaffender, die unter dem Namen tanzunit[ed] in einer Petition an SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny die "fristgerechte Neuausschreibung der Intendanz" und die Mitwirkung bei der Erstellung der Ausschreibungskriterien gefordert hatte. Unterzeichnet wurde das von Nikolaus Selimov (homunculus) initiierte Schreiben unter anderem von Elio Gervasi, der erst kürzlich im TQW präsent war, Bernd R. Bienert, Sebastian Prantl – und Silvia Both.

Die Choreografin ist Mitglied des TQW-Kuratoriums – und verfolgt in diesem Gremium zusammen mit Marty Huber die Interessen der IG Freie Theaterarbeit. Und die IG hat andere Ziele als die Intendantin.

Gareis beteuert: "In der letzten Saison war rund die Hälfte der heimischen Szene – 150 Personen! – in das Programm eingebunden. Aber ich kann doch nicht alle Künstler auftreten lassen, wenn ich auf Niveau achten will. Das ließe auch die Struktur nicht zu: Es braucht eine Vielfalt der Aufführungsorte!"

Der Konflikt hat auch noch einen weiteren Grund: Gareis wollte die Entsendung von Both und Huber ins Kuratorium nicht akzeptieren, da die IG sämtliche Tanzschaffenden österreichweit zur Wahl eingeladen hatte. Das TQW ist aber eine ausschließlich von der Stadt Wien gegründete wie finanzierte Institution.

Die IG hat im Kuratorium, in dem die Stadt durch Theaterreferent Robert Dressler vertreten ist, aber nicht die Mehrheit: Claudia Jeschke, Professorin für Tanz in Salzburg, und Kathrin Kneissel (Kulturministerium) gelten als Unterstützerinnen des von Gareis eingeschlagenen Weges.

Zudem steht ein ziemlich großer Teil der Künstlerschaft hinter der Intendantin: Daniel Aschwanden, Milli Bitterli, Andrea Bold, Christine Gaigg, Claudia Bosse, Chris Haring, Philipp Gehmacher, Martin Nachbar, das brut-Leitungsduo Thomas Frank / Haiko Pfost u. a. verfassten ebenfalls eine Petition an den Stadtrat.

Der internationale Erfolg der Wiener Szene sei nicht zuletzt auch auf die Vernetzungsarbeit des TQW zurückzuführen, eine Kontinuität müsse gewahrt werden, um die bisherigen Resultate halten und ausbauen zu können. "Wir schlagen daher vor, die Neubesetzung nicht jetzt, sondern in zwei Jahren auszuschreiben." Bis dahin könnten die notwendigen Diskussionen geführt werden.

Gareis will weder "eine Jeanne d’Arc des TQW" sein noch das Haus ewig leiten: "Ich muss mir den schwierigen Job nicht länger antun. Aber ich möchte ein Haus hinterlassen, das strukturell steht." Zwei weitere Jahre wären daher durchaus in ihrem Sinne. Wie Mailath entscheiden wird? Er gab bekannt, auf eine Empfehlung des Kuratoriums zu warten. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.01.2008)

>>> Analyse: Anerkannte Spitzeninstitution

Anerkannte Spitzeninstitution
Das TQW ist ein Haus mit Eigenschaften – und Vorgeschichte

Als das Tanzquartier Wien am 3. Oktober 2001 eröffnet wurde, war nicht nur Jubel zu vernehmen, hatte ein Teil der Wiener Tanzszene doch eine Einrichtung angestrebt, die von ausgewählten heimischen Choreografen als lokal orientierte Institution betrieben werden sollte. Schon 1994 hatte es konkrete Pläne für eine "Tanzbox" in der Leopoldstädter Remise gegeben, und auch das ImPulsTanz-Festival zeigte Interesse, ein Tanzhaus zu leiten.

Im Juli 1998, als klar war, dass der damalige VP-Kulturstadtrat Peter Marboe ein solches zu "seiner" Sache machen würde, stellte eine lokale Plattform" ihr Konzept "Tanzräume Wien" vor. Darin sollten drei Choreografen für bis zu fünf Jahre Studios verwalten – Sebastian Prantl etwa legte Wert auf Platz für einen Flügel – und die Tanzszene mit Probe- und Aufführungsgelegenheiten versorgen.

Marboe entschied sich für eine Intendanzlösung. Der Ort hieß nicht mehr Remise, sondern Museumsquartier. Den Nachteil einer Trennung der Aufführungsorte (Halle G und E) und des eigentlichen "Tanzquartiers" nahm man in Kauf, auch die Tatsache, dass sich das TQW "seine" Bühne von der Betreibergesellschaft dieser Hallen mieten musste.

Die Intendanz wurde international ausgeschrieben; den Zuschlag erhielt Sigrid Gareis, die bis dahin bei Siemens in München für Theater und Tanz zuständig gewesen war. Von ihr wusste man, dass sie den internationalen Gegenwartstanz überblickte und die Ende der 90er-Jahre stark progressive europäische Choreografie richtig einschätzen konnte.

Zu dieser Zeit war die Tanzpolitik in Wien so gespalten, wie sie es heute noch ist: Auf der einen Seite standen Verteidiger der schönen Bewegungskunst und auf der anderen jene, die einen erweiterten Kunstbegriff vertraten. Die Konfliktträchtigkeit dieses ästhetischen Kontrahententums bewirkte, dass Gareis’ fortschrittliche Programmgestaltung von Beginn an auch als provokant angesehen wurde. Das Haus – es ist bis heute die einzige Spielstätte für Gegenwartstanz mit Jahresprogramm in Wien geblieben – hatte einen schwierigen Start.

Gareis und ihr Team schafften es, die Besucherzahlen auf ein akzeptiertes Niveau hochzubringen. Sie entwickelten mit wechselnden Dramaturgen experimentelle Formate, erwiesen sich als ausgesprochen kooperationseffektiv und versuchten, nur die relevantesten internationalen und lokalen Kunstpositionen zu präsentieren. Das TQW widmete sich von Beginn an der künstlerischen Forschung ebenso wie der Theorie, der Pädagogik und der Kunstpräsentation und -koproduktion. Das Publikum hat gut lachen: Bisher gastierten nahezu alle wichtigen Choreografen am TQW.

In seiner nun siebenten Saison zählt das Haus zu den anerkannten Spitzeninstitutionen in ganz Europa. Mit einer lokalen Struktur der Tänzerselbstverwaltung wäre das nicht gelungen. Dafür mischt der österreichische Tanz seit 2001 zunehmend in der internationalen Szene mit – nicht zuletzt auf Basis von Gareis’ Vermittlungsarbeit. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.01.2008)


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