Von Weihnachtsbaum bis Brandanschlag

Die Schau "Deutsche Leitkultur" zeigt Versatzstücke vom gegenwärtigen Leben in Deutschland.
Von Michael Evers/dpa.


Seit der Begriff Deutsche Leitkultur im Oktober des Vorjahres im Zusammenhang mit der Diskussion um eine Neuorientierung der deutschen Einwanderungspolitik ins Spiel gebracht wurde, ist er heiß umstritten. Das Thema hat nun die Kasseler Kunsthalle Fridericianum auf den Plan gerufen. Kunststudenten setzen sich mit (deutscher) Identität auseinander und beziehen Stellung zu Deutschland. Herausgekommen ist eine Schau kultureller Vielfalt sowie eine Rekonstruktion von Orten der jüngsten deutschen Geschichte.


Kein Nationalstolz

Dem Nationalstolz räumen die Künstler in der Ausstellung "German Leitkultur" keinen Platz ein. Am Eingang wird der Besucher mit einem Modell des von Türken bewohnten Hauses in Solingen konfrontiert, auf das 1993 ein Brandanschlag verübt wurde.

"Aus gegebenem Anlass"

Als Ausstellung "aus gegebenem Anlass" bezeichnet Kurator Tobias Berger die Kunstschau, zu der er zehn Studenten deutscher Kunstakademien einlud. Sie sollten ihre Beobachtung kultureller Phänomene in Deutschland in Kunstwerke umsetzen. In der Wahl ihrer Themen seien den Künstlern keine Grenzen gesetzt worden.

"German Leitkultur" wird in der ausländischen Presse nicht übersetzt", begründet er den Titel der Ausstellung. Der Begriff sei neben Vokabeln wie "Angst", "Heimat" und "Kindergarten" in den internationalen Wortschatz eingegangen.

Versatzstücke

Die klassische Kultur und ihre deutschen Vertreter macht keiner der jungen Künstler zum Thema. Die Exponate zeigen vielmehr ein buntes und internationales Sammelsurium an Versatzstücken, die zum gegenwärtigen Leben in Deutschland gehören. Zwei Video-Installationen von Anny und Sibel Öztürk zeigen die Pop-Sängerin Madonna und Bilder einer russischen Bauchtänzerin, die in der Türkei auftritt. Nevin Aladag filmte eine türkische Break-Dancer-Familie in München, die bei ihren Auftritten in fünf Sprachen singt. Elke Ziegler dokumentiert die Aktion "Sparen im Haushalt" der "Bild"-Zeitung.

Weihnachtsbaum und Video

Ein aus Schaumstoff ausgebissener deutscher Weihnachtsbaum von Dirk Meinzer gehört ebenso zur Leitkultur-Schau wie der Videofilm der Kölnerin Bettina Pousttchi, der ihren Nachbarn, einen aggressiv agierenden Heavy-Metal-Fan zeigt. Ebenfalls zu sehen ist ein Nachbau der Tribüne, von der aus Ronald Reagan 1987 vor dem Brandenburger Tor den Abriss der Mauer forderte sowie ein Modell eines besetzten Hauses der Hamburger Hafenstraße. "Dies sind Erinnerungsfragmente von meinem Aufwachsen in der Bundesrepublik", sagt der Berliner René Lück. Von ihm stammt auch das Modell des in Solingen angezündeten Hauses. "Dass das Haus da steht, ist reine Provokation", räumt er ein.

Für Museumschef René Block ist die Ausstellung "ein Projekt, auf das wir besonders stolz sind". Als "Rundgang VII" ist es zugleich Abschluss der von ihm 1998 gestarteten Serie von Ausstellungen mit Arbeiten von Kunststudenten. "German Leitkultur" wird von Anfang April bis zum 10. Juni gezeigt.

Link: Kunsthalle Fridericianum

Radio …sterreich 1