Leopold Museum: Retrospektive Leopold Birstinger
Spröde Askese - klare Geste
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Unter dem Titel "Leopold Birstinger (1903-1983). Melancholie
und Paradies" zeigt das Leopold Museum zum 100. Geburtstag des Malers -
der "gegen den Strom" einen eigenen "Stilcocktail" nach der klassischen
Moderne erfand - bis 1. Februar eine umfangreiche Werkschau. Kurator
Berthold Ecker hat dem Vertreter des Neuland-Bundes, Schüler von Karl
Sterrer und Rudolf Bacher an der Wiener Akademie (1926-1934), schon seine
Dissertation in den Neunzigerjahren gewidmet. Das Wesen der
"Verinnerlichung" kommt bei Birstinger nicht nur als Credo seiner
Mitgliedschaft bei der asketischen Neuland-Bewegung der
Zwischenkriegszeit, es ist auch ein Charakterbild. In der Spätzeit
waren Boeckl und die Fauves für den Künstler entscheidend, als jedoch mit
Taschismus und Informel international in Wien ein völlig anderer Wind
wehte, dem auch sein früherer Mentor Monsignore Otto Mauer folgte.
Birstinger kehrte in seiner Wahlheimat, dem nördlichen Weinviertel, der
Gegenwart den Rücken und kam auch neben internationalem Expressionsimus
wieder auf impressionstische und pointillistische Spuren in seiner
Landschaftsmalerei zurück. Erst heute schätzt man sein - "aus der
Zeit-Sein" - und seine teils naiv und volkstümlich anmutenden Elemente als
Eigenständigkeit. Deshalb soll der stille Maler mit dieser Schau auch neu
positioniert werden. Die zu Beginn stark spürbaren expressiven Aspekte
eines Egger-Lienz oder Barlach lassen schon den mystisch-religiösen
Grundton erkennen, den außer Birstinger nur Werner Berg in ähnlicher
Abgeschiedenheit vollzogen hat: ihn hat man bereits wiederentdeckt.
Birstinger war in der Zeit des Nationalsozialismus weit ab vom Strom seine
Wege weitergegangen, die in der Herbheit, Klarheit, im Ernst und der Armut
an Dekoration lagen. Da auch hier die Wurzeln im Mittelalter lagen und er
nicht abstrakt malte, konnte er unauffällig weiterarbeiten. Nach 1945
erhoffte er sich eine Professur am Schillerplatz - doch der Erfolg blieb
auf allen Linien aus, trotz einer Ausstellung in der bekannten Galerie
Würthle und eine halbherzige Anerkennung in späten Jahren. Dazu hatte ihn
der Tod seiner Frau und seiner Mutter, die auch auf den Bildern seinen
Mikrokosmos in der Natur ausmachen, in eine schwere Krise gestürzt.
Diese Schwermut, die bleibend mit dem Neuland-Gedanken korrespondiert,
ist deshalb auch Thema in seinen paradiesischen Gärten der Hoffnung, die
an Sören Kierkegaards Schriften orientiert, eine seltene Mischung zwischen
Chagall, Matisse oder Gauguin mit bäuerlichem Charme entwickeln. Seine
zahlreichen Mosaike für Gemeindebauten sind in dem Malerei- und
Grafik-Œuvrekatalog Eckers bei Dumont noch nicht erfasst, da das
Schwergewicht auch auf den 28 Werken der Sammlung Leopold mit etwa 115
weiteren (meist aus Privatbesitz) ergänzt wurden.
Erschienen am: 21.01.2004 |
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