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Moskau Biennale: Mit Kalaschnikows gegen Tabus

07.03.2007 | 18:27 | MANISHA JOTHADY (Die Presse)

Valie Export stellt erstmals in Russland aus und provoziert politisch.

Neben der Kunstmesse „Art Moscow“, die im Mai zum elften Mal stattfindet, hat die russische Metropole seit 2005 auch eine eigene Biennale für zeitgenössische Kunst. Mit etwa 60 Ausstellungen startete Koordinator Joseph Backstein vor zwei Jahren. Der Programmumfang in diesem Jahr ist ähnlich gigantisch.

Mit 52 Mio. Rubel (knapp 1,5 Mio.€) unterstützte die russische Regierung heuer das Projekt. Das Jetset-Kuratorenteam öffnet im Vergleich zu 2005 das Tor zu anderen Nationen noch ein Stück weiter: Rund 100 Kunstschaffende aus 35 Ländern veranschaulichen in vier Ausstellungen das zögerlich anmutende Motto „Fußnoten zu Geopolitik, Markt und Amnesie“.

Bezeichnend für den Versuch, die Biennale noch stärker zu internationalisieren und kommerzialisieren, ist der Schauplatz der Hauptevents: Nicht das Lenin Museum am Roten Platz steht heuer zur Verfügung, sondern Baustellen, die den neuen Kapitalismus versinnbildlichen.

Einen Raum im TSUM, Russlands zweitgrößtem Kaufhaus, etwa bespielen die Kuratoren Birnbaum, Obrist und Kvaran mit „Amerikanischer Videokunst zu Beginn des 3.Jahrtausends“. Die wummernden Soundkulissen der über 40 Exponate sowie der Baulärm lassen es kaum zu, sich in einzelne Arbeiten zu vertiefen.


Russischer Potsdamer Platz

Vier Kilometer nordwestlich vom Kreml befindet sich das momentan größte Bauprojekt Europas, „Moscow City“, eine Art russischer Potsdamer Platz, der künftig der enormen Nachfrage nach Bürogebäuden gerecht werden soll. Zu „Moscow City“ gehört auch das mit 448m höchste europäische Bürogebäude „Federazija“. In den noch im Rohbau befindlichen Stockwerken 18 bis 21 werden jetzt kritische Fragen zu globalen Ökonomisierungsprozessen sowie zur Rolle von Kunst nach der Perestroika verhandelt.

Der 1973 in Moskau geborene Viktor Alimpiev, der auch im deutschsprachigen Raum bereits einen Namen hat, ist eine der interessantesten Positionen in Backsteins Schau „Just Footnotes (Art in the Era of Social Darwinism)“. Der skulpturale Charakter des menschlichen Körpers ist das zentrale Element, mit dem der Künstler in seinen Videos wie ein Bildhauer arbeitet, um das Verhältnis von Individuum und Kollektiv zu thematisieren.

Mit Kerstin Cmelka (*1974) hat Backstein auch eine österreichische Künstlerin in seine Ausstellung integriert. Die subtilste Arbeit aber stellt ein Film der Deutschen Josephine Meckseper dar: New Yorker Demonstrationen gegen den Irak-Krieg inszeniert sie im Stil legendärer Bilddokumente der 68er-Bewegung. Kapitalismuskritik und Konsum, Lifestyle und linke Utopie sind hier längst keine Gegensatzpaare mehr.

Während Iara Boubnova mit „History in Present Tense“ den Fokus vor allem auf Kunst aus Ost- und Südosteuropa legt und mit Arbeiten von Anri Sala, Nedko Solakov, Kutlug Ataman die Problematik kultureller Amnesien und Traumata aufwirft, spürt „After All“ von Fulya Erdemci und Rosa Martinez individuellen und sozialen Zukunftsentwürfen nach.

Valie Export, deren Werk vor allem im Kontext des „feministischen Aktionismus“ gesehen wird, ist im Rahmen des Special-Guest-Programms an zwei Ausstellungsorten mit Arbeiten aus den 60er- und 70er-Jahren präsent.

Neben „Tapp und Tastkino“ und „Aus der Mappe der Hundigkeit“ (mit Peter Weibel) werden Zeichnungen, Werke aus „Expanded Cinema“ und Filmaktionen gezeigt. Exports Auseinandersetzung mit der Dualität Raum und Zeit sowie ihre körperlichen Einschreibungen in den öffentlichen Raum belegt eine Reihe ihrer konzeptuellen Fotos. Das russische Publikum sieht sie das erste Mal. Dass die Auswahl überwiegend das Frühwerk der Künstlerin fokussiert, erscheint hier vor dem Hintergrund des Underground-Phänomens des Moskauer Konzeptualismus interessant. Als wichtiger Bestandteil der sowjetischen und postsowjetischen Kunst reicht er bis in die 70er-Jahre zurück.


Kriegerische Assoziationen

Dass sich das lokale Insidertum in Exports subversivem Schaffen aber nicht nur bestätigt fühlen darf, dem versteht die Künstlerin mit einer aktuellen Arbeit entgegenzuarbeiten: Über einer Ölwanne hat sie mehrere Kalaschnikows zu einem bedrohlichen Turm aufgebaut. Parallel dazu zeigen zwei Monitore Aufnahmen von Exekutionen und Kriegsverletzten. Assoziationen zum Tschetschenienkrieg sind damit unvermeidlich, ein Thema, das die hiesige Regierung nur allzu gerne tabuisiert.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2007)


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