Feuilleton

Alle Rahmen sprengen

19.05.2007 | SN

Fortsetzung von Seite I Kunst gilt der kapitalistischen Welt derzeit als hellster Stern am Einkaufshimmel, als perfektes Statussymbol, als Imageförderer. In Wirtschaftskreisen hält man Kunst für ideales, alternatives Investment. Das "Wall Street Journal", nicht berühmt für feinsinnige Kulturberichte, empfiehlt der Hedge-Fonds-Szene: "Vergesst die Wall Street!"

Geschätzte 33,3 Billionen Dollar liegen weltweit quasi als frei einsetzbares Geld herum. Diese Billionen suchen nach Möglichkeiten, sich so anzulegen, dass die Gewinnaussichten exorbitant gut sind. Wie sehr darauf Bedacht genommen wird, Kunden solche Investments schmackhaft zu machen, zeigt der Bankkonzern UBS: Dort gibt es eine eigene Abteilung "Art Banking". Kundschaft gibt es genug. Die Superreichen werden immer reicher - und sie werden immer mehr. Wie Konfetti fliegt deren Geld durch Auktionshäuser - und möchte gern auch in die bedeutenden Galerien geworfen werden.

Dort bleibt man allerdings wählerisch. Topgaleristen verkaufen nicht an jeden. Sie fühlen sich der Tradition eines Systems verpflichtet, durch das Kunst erst bedeutend wird. Sie entdecken und fördern Künstler, machen sie berühmt durch Verkäufe an Museen oder an wichtige Sammlungen, deren Eigentümer sie betreuen. Museen aber, deren Engagement ein Werk erst richtig adelt, verfügen über immer weniger Geld, um mit Bestbietern mithalten zu können. In diesem inneren Zirkel der Kunstwelt, dem Primary Market, wird der Wert eines Kunstwerkes klar vom Preis unterschieden. Wer lediglich nach Trophäen jagt, hat es hier schwer. Doch die Kunstwelt ändert sich rasant.

Der Secondary Market, der lukrative Weiterverkauf bei preistreibenden Versteigerungen, bestimmt die Szene zunehmend. Die beiden Märkte verschmelzen. Unter anderem beginnen Auktionshäuser, Galerien zu kaufen, womit sie direkten Zugriff auf Künstler bekommen. Das Zusammenspiel aus Galeristen, Sammlern, Kritikern und Museen wankt, weil mit dicken Schecks gewunken wird. Es braucht aber Zeit, bis ein Künstler und dessen Werk bewiesen haben, dass sie von anhaltender Bedeutung sein können, dass sie nicht nur ein Strohfeuer, sondern über den Augenblick hinaus lodernde Glut des kreativen Outputs sind.

Diese Zeit hat keiner mehr. Wo der Vulkan den neuesten Trend ausspuckt, da werden die Privatflieger hingesteuert. Das Machtgefälle entwickelt sich zu Gunsten neureicher Sammler und hyperpotenter Sponsoren. Sie kaufen mit Vorliebe bei Auktionen. Dort gelten Gesichter und Geschichten nichts, sondern nur höchste Gebote. Und die sprengen mittlerweile jeden Rahmen.

Warum eigentlich? Der Preis eines Kunstwerks ist keine greifbare Größe. Ein Kunstwerk, so zumindest lautet eine quasi mythologische Definition, gleicht einem Geschenk an die Menschheit. Es ist das Resultat eines tiefen schöpferischen Prozesses, einer großen Idee. Weltweit steht Kunst für die Bereicherung des Lebens. Sie sei Magie, befreie von der Lüge, Wahrheit zu sein, schreibt Theodor Adorno. Vor allem aber funktioniert Kunst als Weltmacht - als ästhetische, aber auch als ökonomische.

In einer Welt, die von den Global Playern in mächtigen Konzernen einzig als Marktplatz wahrgenommen wird, folgt das Business auch im Kunstmarkt üblichen Gesetzen und Ritualen: Um das Rare wird auf enorm hohem Niveau gefeilscht. Das Neue wird marktschreierisch angeboten. Publicity zählt. Der klassische Weg, wie etwas zu einem großen Kunstwerk wird, das die Zeit überdauert, gerät auf dem Boulevard der Unsummen aus den Augen.

Klar zu sein scheint, dass es weitergeht - und zwar nach oben. Ein historisches Hoch, dessen Ende noch nicht abzusehen sei, sei im Moment festzustellen, sagt David Zwirner, der in New York eine der weltweit bedeutendsten Galerien betreibt.

Wer den Terminkalender der Kunstszene studiert, hat keinen Zweifel. Es wächst die Zahl der Biennalen und Messen - und sie wächst dort, wo das Geld fließt. In Dubai etwa wurde im März die "Gulf Art Fair", die erste Messe für Gegenwartskunst in der Golfregion, gegründet. Als heißester Treff für den Kunstrausch-Jet-Set gilt die "Art Basel Miami". Der Ableger der "Art Basel", seit Jahrzehnten bedeutender Fixstern im Kunstleben, entwickelte sich seit 2002 zum unverzichtbaren Umschlagplatz für den aktuell aufregendsten Stoff der Elite des Kapitals.

Miami - Party, Sonne, Strand und Meer - steht auch symbolisch für die gesellschaftliche Ausweitung der Szene: schrill geht es zu. Die Gesellschaft, die sich rund um Kunst trifft, wird breiter. Sie agiert auf Grund des Kontostands ungezwungen. Und so wie die neureiche und prominente Kunst-Community eine reiche Gegenwart spiegelt, so sucht sich diese Szene immer häufiger in der Gegenwart die Objekte ihrer Begierde. Das ist allerdings weniger ästhetischen Vorlieben als der Lage des Markts zuzuschreiben.

Picassos sind rar geworden. Cézannes, Monets, van Goghs oder Klimts sind ausverkauft. Rembrandt, Dürer und andere Klassiker aus ganz frühen Jahren sind ohnehin nur noch ein unerreichbarer Traum im Hinterzimmer von Sammlern oder hinter den Bunkertüren der Museen. Es rückt die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ins Interesse.

Der Run auf Warhol, Rothko, Pollock oder de Kooning läuft auf Hochtouren. Bei den Herbstauktionen im vergangenen Jahre war etwa ein Bild von Willem de Kooning mit 27,1 Mill. Dollar der teuerste Deal. Am vergangenen Mittwoch folgte dann Mark Rothko. Insider sind sicher: In Kürze wird es auch um Leute wie Jeff Koons und Damian Hirst ein ähnliches Gedränge gebe. Die Hitze steigt. Der Vulkan - auch daran haben die Kenner der Szene wenig Zweifel - wird irgendwann einmal explodieren, also zusammenbrechen.

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