Die Knusperhexen-Diät
(cai) Michelangelo hat für eine Decke viereinhalb Jahre gebraucht, Mary Ellen Carroll für acht Decken zwei
Jahre. Wie lange hätte es also gedauert, wenn nicht der Italiener,
sondern die Amerikanerin die Decke der Sixtinischen Kapelle angemalt
hätte? Drei Monate? Keine Ahnung.
Denn die Mary Ellen Carroll hat janur Erfahrung mit Bett decken.
(Oh.) Die hat sie sauber mit einer grausigen "Gutenachtgeschichte"
bestickt. Mit Jonathan Swifts "A Modest Proposal" (ein bescheidener
Vorschlag), einer Art satirischem Ernährungsratgeber. Zur
Armutsbekämpfung soll man die Kinder der Bedürftigen an die Reichen
verfüttern. Äh, ist das die Knusperhexen-Diät mit Schmankerln wie
Hänselbraten und Gretel vom Grill? Und aus der zarten Babyhaut werden
"Gluvz for Ladez" (Damenhandschuhe).
"Gluvz"? Was ist denn das für ein Englisch? Ach so, Lautschrift. Die
Künstlerin mag’s anstrengend. Und die Wolldecken, die so harmlos
kuschelig tun, während sie an der Wand hängen, stammen wohl nicht
zufällig aus dem Zweiten Weltkrieg, als die Nazis ihre
perversen Ideen hatten. Carroll treibt überhaupt einen fast schon
dekadenten Aufwand. Die Ausdauer, mit der sie sich in jedes Projekt
verbeißt und komplexe Fleißaufgaben macht, ist bewundernswert. Aber
wieso dreht sie ein fertiges Haus (immerhin eine Immobilie) so um, dass
die Fassade hinten ist und das Haus der Straße die allerwerteste
Seite zeigt? (Ein logistisches Meisterwerk.) Triumphiert sie über die
Trägheit der Masse? Zumindest ist ihr die Idee dazu gekommen, als sie
Stunden im Stau gesteckt ist. (Und hätte sie die Sixtina ausgestattet, hätte sie natürlich das Buch Genesis einfach abgeschrieben und alles damit vollgekritzelt.)
Galerie Hubert Winter
(Breite Gasse 17), Mary Ellen Carroll, bis 7. Mai
Di. – Fr.: 11 – 18 Uhr, Sa.: 11 – 14 Uhr
Master of Spaghettoblaster
(cai)Ein Tonanzug? Wird man da bis zum Hals einbetoniert und kriegt
Panik in der Keramik? Nein. Der Bernhard Leitner ist ja kein Keramiker,
sondern ein Installateur. Ein Vorreiter auf dem Gebiet der
Soundinstallation. Würde man den mit Lautsprechern auffrisierten Overall
von 1975 freilich heute anziehen, würde einen das
Einsatzkommando Cobra sofort "ausschalten". Die würden glauben, man wär’
ein Selbstmordattentäter. Mit welcher Akribie der Klanginstallateur die
akustische Wahrnehmung erforscht hat, davon zeugen die Skizzen und
Fotos, die seine Hörtests dokumentieren. Diverse "Hörgeräte" darf man in
der Galerie Kargl sogar ausprobieren. Insgesamt ergibt das ein
lebendiges Bild von Leitners Pionierleistung. Und wenn man mit den Augen
essen kann, wieso nicht auch mit den Fersen hören? Auf der "Tonliege"
lauschen sie jedenfalls sehr interessiert. Die spektakulärsten
Soundeffekte liefert trotzdem die "Serpentinata". Für die klassischen
Hörorgane (die Waschln). So stell’ ich mir einen Spaghettoblaster vor.
Riesenspaghetti mit lauter Lautsprechern drauf nudeln durch den Raum.
Okay, PVC-Schläuche. Man selber steht mitten drin imKnäuel und um einen
herum gluckst und zischt es.
Georg Kargl Fine Arts
(Schleifmühlgasse 5), "Earspacebodysound", bis 4. Mai
Di. – Fr.: 11 – 19 Uhr, Do.: 11 – 20 Uhr, Sa.: 11 – 16 Uhr
Eitempera, o mores!
(cai)Geradezu romantisch, die Lackerln, die Rudolfine P. Rossmann
macht. Nein, sie isst nicht dauernd Rhabarber und pinkelt dann rosa
Aquarelle. (O tempora, o mores!) Sie malt brav mit Eitempera. Dabei
verläuft die Farbe in einem delikaten Gespinst aus Rinnspuren. Wenn die
Augen schmatzen könnten, würden sie’s tun. Die kargen Bilder von Joseph
Heer dagegen erinnern an das Auswahlverfahren, wenn man nicht weiß, in
welcher Farbe man das Zimmer streichen soll, und halt ein paar
Farbproben an die Wand klatscht.
Artmark Galerie
(Singerstraße 17), Rossmann / Heer, bis 21. Mai
Do., Fr.: 13 – 18 Uhr, Sa.: 11 – 15 Uhr
Printausgabe vom Mittwoch, 27. April 2011
Online seit: Dienstag, 26. April 2011 20:08:28