Kulturpolitik: Österreichs
Intendanten und Direktoren im Alarmzustand: Lässt die Republik ihre
Künstler finanziell im Stich? Eine Bestandsaufnahme.
Die Misere der heimischen Kulturszene ist
unüberseh- und unüberhörbar. Kaum eine Institution, deren Direktion
oder Geschäftsführung auf Nachfrage ihren budgetären Status quo
nicht beklagen würde. Dabei stößt man auf eine leicht paradoxe
Situation: Gerade jenen Kulturmachern, die sich in den Medien
gegenwärtig am lautesten über die ernsten Konsequenzen der
Sparpolitik äußern, geht es vergleichsweise noch am besten.
Bundestheater und Bundesmuseen arbeiten mit gedeckelten
Budgets, mit garantierten Etats, die zwar seit Jahren nicht erhöht
worden sind und längst nicht mehr ausreichen, um die steigenden
Personalkosten abzudecken, aber immerhin auch außer Diskussion
stehen.
Zahlreiche freie Institutionen und Vereine, die seit
Jahren verdienstvolle Arbeit leisten, haben dagegen unter
sukzessiven Subventionskürzungen zu leiden, unter anderem unter
einer fünfprozentigen Kürzung der Kunstsektion des Bundeskanzleramts
bei den Ermessensausgaben aller Vereine und Betriebe, oder – wie das
Wiener Depot – gar unter Kürzungen, die die Existenz zerstören.
Welche Kulturinstitutionen sind wie stark betroffen? Eine kleine
Rundschau.
Burgtheater Das
Burgtheater produziert kommende Saison 17 Theaterpremieren.
Erteilte Jahressubvention: 43,73 Millionen Euro (Bund)
Benötigte Subvention: 46,73 Millionen Euro
Konsequenzen: Geschäftsführer Thomas Drozda erwägt, die
Probebühne und Teile der Bühnenmaschinerie zu verkaufen und
zurückzuleasen. Produktionen könnten gestrichen werden.
Kommentar: „Das Burgtheater hat so viele Besucher wie das
Deutsche Theater in Berlin, das Hamburger Schauspielhaus und das
Schauspielhaus Zürich zusammen. Aber unsere Subvention ist nicht
annähernd so hoch.“ Thomas Drozda,
Kaufmännischer Direktor
Volksoper Produziert jährlich sechs Opernpremieren.
Erteilte Jahressubvention: 33,5 Millionen Euro (Bund)
Benötigte Subvention: geschätzte 36 Millionen Euro
Konsequenzen: Langfristig weniger Produktionen oder
reduziertes Budget für die einzelnen Premieren.
Kommentar:
„Aus kaufmännischer Sicht ist mit den Mitteln auszukommen. Aber es
wird sehr hart.“ Christoph Ladstätter,
stv. Kaufmännischer Direktor
StaatsoperProduziert jährlich vier Premieren.
Erteilte Jahressubvention: 51,4 Millionen Euro (Bund)
Benötigte Subvention: 54,2 Millionen Euro
Konsequenzen: Die Instandhaltungsarbeiten (Bühne, Kostüme,
Dekorationen) auf ein Minimum senken.
Kommentar: „Wir
haben eingespart, wo es geht, und die Einnahmen enorm gesteigert. Es
wird nicht mehr lange dauern, und die Einsparungsmaßnahmen gehen an
die künstlerische Substanz.“ Thomas
Platzer, Kaufmännischer Direktor
Albertina Die Wiener Albertina ist eine der größten
Grafiksammlungen der Welt.
Erteilte Jahressubvention: 5,1 Millionen Euro (Bund)
Benötigte Subvention: 7,2 Millionen Euro
Konsequenzen: Die für Juli geplante Ausstellung „Raffael bis
Goya“ wurde abgesagt, der Studienbetrieb wird eingestellt, und
zehn Prozent des Personals müssen entlassen
werden.
Kommentar: „Ich habe Ministerin Gehrer in
informellen Gesprächen oft genug erklärt, warum wir zusätzlich
Hallen errichten müssen: damit wir ganzjährig offen halten können.
Dafür haben wir Dank erhofft, nicht Kritik.“ Klaus Albrecht Schröder, Direktor*
Neue Oper Wien
Freier Opernproduzent
zeitgenössischen Musiktheaters.
Erteilte Jahressubvention: 436.000 Euro (Stadt), 123.000 Euro
(Bund)
Benötigte Subvention: 500.000 Euro (Stadt), 180.000 Euro
(Bund)
Konsequenzen: Mit dieser Subvention sind nur Stücke mit
kleinen Besetzungen möglich. Einladungen ins Ausland können nur
selten angenommen werden. Personalmangel und
Unterbezahlung.
Kommentar: „Die Lage ist ziemlich ernst.
Innovation wird durch fehlende finanzielle Mittel einfach
unterdrückt: Der Budgetstift greift massiv in die künstlerische
Überlegung ein.“ Walter Kobera,
Künstlerischer Leiter
Grazer Kunstverein Kulturinitiative für bildende Künstler.
Erteilte Jahressubvention: 36.000 Euro (Bund, für 2003 noch
keine Zusage)
Benötigte Subvention: 50.000 Euro
Konsequenzen: Publikationen müssen gestrichen werden, wichtige
Ausstellungen österreichischer Künstler werden nicht
dokumentiert.
Kommentar: „Der Grazer Kunstverein hat bis
heute keinen Bescheid über das Subventionsansuchen für das Jahr 2003
bekommen. Wir wissen also nicht, was auf uns zukommt. Bis wir eine
Zusage bekommen, müssen bei uns einige Projekte ruhen.“ Eva Maria Stadler, Leiterin
Depot Wiener Veranstalter kulturpolitischer und
kunsttheoretischer Debatten.
Erteilte Jahressubvention: 15.000 Euro (Bund), 84.000 Euro
(Stadt Wien)
Benötigte Subvention: je 200.000 Euro von Bund und Stadt
Konsequenzen: Das Depot wird seine Räume erst im September
wieder aufsperren können, um dann vier Monate lang Programm zu
machen.
Kommentar: „Der Bund hat uns absolut hängen
gelassen – und zynisch auch noch: mit einer Subvention von 15.000
Euro statt der nötigen 200.000. Dem Bund scheint kulturelle
Auseinandersetzung nichts wert zu sein. Offensichtlich möchte die
Regierung bestimmen, was Kultur in Österreich zu sein hat.“
Wolfgang Zinggl, Leiter
Salzburger
Kunstverein Ausstellungsplattform in der Stadt Salzburg.
Erteilte Jahressubvention: 86.000 Euro (Stadt), 88.000 Euro
(Land), 95.000 Euro (Bund, im Jahr 2002; für 2003 noch keine
Zusage)
Benötigte Subvention: Stadt, Land und Bund je 123.500 Euro
(Zusage der Stadt für 2004: 105.000)
Konsequenzen: Die Finanzreserven werden endgültig aufgelöst,
damit das Programm in gewohnter Weise durchgeführt werden kann.
2004, wenn es keinerlei Rücklagen mehr geben wird, kommt es zu
einer spürbaren Reduktion des Programms.
Kommentar: „Unsere
finanzielle Lage ist dramatisch: Der Salzburger Kunstverein erhält
seit 1993 annähernd gleich bleibende Subventionen von Stadt, Land
und Bund. Dabei konnten wir unsere Besucherzahlen im Jahr 2002 um 45
Prozent steigern.“ Hildegund Amanshauser,
Direktorin
Orpheus Trust Dokumentationsstelle für österreichische Musiker,
die von den Nazis vertrieben wurden.
Erteilte Jahressubvention: 23.000 Euro (Bund, für heuer noch
keine Zusage), 73.000 Euro (Stadt Wien)
Benötigte Subvention: je 145.000 Euro von Bund und Stadt
Konsequenzen: Chronischer Personalmangel. Verschiebung von
Projekten, weshalb ältere Musiker oft die erste Aufführung eines
ihrer Werke in Österreich nicht mehr erleben
können.
Kommentar: „Ich arbeite jeden Tag von neun Uhr in
der Früh bis Mitternacht. Nach sieben Jahren permanentem
Überlebenskampf ist man manchmal zu müde, um zu sehen, was man
erreicht hat.“ Primavera Gruber,
Leiterin
Klangforum Wien Das Wiener Klangforum
ist eines der weltweit führenden Ensembles für zeitgenössische
Musik.
Erteilte Jahressubvention: 400.000 Euro (Bund), 435.000 Euro
(Stadt Wien)
Benötigte Subvention: je 509.000 Euro von Bund und Stadt
Konsequenzen: Gefährdung der Zahlungsfähigkeit und des
künstlerischen Überlebens des Ensembles, weil Orchestermusiker
wegen extremer Unterbezahlung abwandern würden (aktueller
durchschnittlicher Lohn: 1400 Euro brutto).
Kommentar:
„Der internationale Stellenwert des Klangforum rechtfertigt ohne
Zweifel eine Subventionserhöhung.“ Sven
Hartberger, Geschäftsführer
Literaturhaus
Wien Dokumentationsort der
österreichischen Literatur.
Erteilte Jahressubvention: 1,41 Millionen Euro (Bund)
Benötigte Subvention: 1,6 Millionen Euro
Konsequenzen: Einstellung von Publikationen, Entlassungen
qualifizierter Mitarbeiter, Reduktion der Veranstaltungen, Entfall
professioneller Dienstleistungen für Autoren, Literatur, Schule,
Wissenschaft, Forschung, Publizistik.
Kommentar: „In der
Verlagsförderung wurde ebenfalls systematisch gekürzt, die
Künstlerversicherungsregelung hat die soziale Situation der Autoren
nicht verbessert, sondern verschärft, und durch die serienweise
Einstellung von Kultursendungen im ORF sowie die Halbierung der
Hörspielhonorare für Autoren hat sich die Auftragslage dramatisch
verschlechtert.“ Gerhard Ruiss, Leiter
Synema
Gesellschaft für Film und
Medien (Symposien, Publikationen, Retrospektiven).
Erteilte Jahressubvention: 78.500 Euro (Bund)
Benötigte Subvention: 50.000 Euro (Stadt), 80.000 Euro (Bund)
Konsequenzen: Nur sporadisch stattfindende Veranstaltungen.
Eine einzige (unterbezahlte) Arbeitskraft statt der nötigen drei.
Der Plan, jährlich drei große Programme zu veranstalten, lässt
sich nicht realisieren.
Kommentar: „Wir verfügen über kein
ordentliches operatives Budget, weil Kulturstadtrat Mailath-Pokorny
seit Jahren alle Ansuchen auf Unterstützung ablehnt. Wir sind durch
die budgetäre und personelle Not eigentlich zur Untätigkeit
verdammt, die wir nur auf Basis von Selbstausbeutung und Eigenrisiko
immer wieder durchbrechen.“ Brigitte Mayr,
Geschäftsführerin
Recherche:
Stefan Grissemann, Wolfgang Paterno, Peter Schneeberger