Artikel aus profil Nr. 18/2003
Zu viel zum Sterben

Kulturpolitik: Österreichs Intendanten und Direktoren im Alarmzustand: Lässt die Republik ihre Künstler finanziell im Stich? Eine Bestandsaufnahme.
Die Misere der heimischen Kulturszene ist unüberseh- und unüberhörbar. Kaum eine Institution, deren Direktion oder Geschäftsführung auf Nachfrage ihren budgetären Status quo nicht beklagen würde. Dabei stößt man auf eine leicht paradoxe Situation: Gerade jenen Kulturmachern, die sich in den Medien gegenwärtig am lautesten über die ernsten Konsequenzen der Sparpolitik äußern, geht es vergleichsweise noch am besten.

Bundestheater und Bundesmuseen arbeiten mit gedeckelten Budgets, mit garantierten Etats, die zwar seit Jahren nicht erhöht worden sind und längst nicht mehr ausreichen, um die steigenden Personalkosten abzudecken, aber immerhin auch außer Diskussion stehen.

Zahlreiche freie Institutionen und Vereine, die seit Jahren verdienstvolle Arbeit leisten, haben dagegen unter sukzessiven Subventionskürzungen zu leiden, unter anderem unter einer fünfprozentigen Kürzung der Kunstsektion des Bundeskanzleramts bei den Ermessensausgaben aller Vereine und Betriebe, oder – wie das Wiener Depot – gar unter Kürzungen, die die Existenz zerstören. Welche Kulturinstitutionen sind wie stark betroffen? Eine kleine Rundschau.


Burgtheater
Das Burgtheater produziert kommende Saison 17 Theaterpremieren.
  • Erteilte Jahressubvention: 43,73 Millionen Euro (Bund)
  • Benötigte Subvention: 46,73 Millionen Euro
  • Konsequenzen: Geschäftsführer Thomas Drozda erwägt, die Probebühne und Teile der Bühnenmaschinerie zu verkaufen und zurückzuleasen. Produktionen könnten gestrichen werden.
Kommentar: „Das Burgtheater hat so viele Besucher wie das Deutsche Theater in Berlin, das Hamburger Schauspielhaus und das Schauspielhaus Zürich zusammen. Aber unsere Subvention ist nicht annähernd so hoch.“
Thomas Drozda, Kaufmännischer Direktor

Volksoper
Produziert jährlich sechs Opernpremieren.
  • Erteilte Jahressubvention: 33,5 Millionen Euro (Bund)
  • Benötigte Subvention: geschätzte 36 Millionen Euro
  • Konsequenzen: Langfristig weniger Produktionen oder reduziertes Budget für die einzelnen Premieren.
Kommentar: „Aus kaufmännischer Sicht ist mit den Mitteln auszukommen. Aber es wird sehr hart.“
Christoph Ladstätter, stv. Kaufmännischer Direktor

Staatsoper Produziert jährlich vier Premieren.
  • Erteilte Jahressubvention: 51,4 Millionen Euro (Bund)
  • Benötigte Subvention: 54,2 Millionen Euro
  • Konsequenzen: Die Instandhaltungsarbeiten (Bühne, Kostüme, Dekorationen) auf ein Minimum senken.
Kommentar: „Wir haben eingespart, wo es geht, und die Einnahmen enorm gesteigert. Es wird nicht mehr lange dauern, und die Einsparungsmaßnahmen gehen an die künstlerische Substanz.“
Thomas Platzer, Kaufmännischer Direktor

Albertina
Die Wiener Albertina ist eine der größten Grafiksammlungen der Welt.
  • Erteilte Jahressubvention: 5,1 Millionen Euro (Bund)
  • Benötigte Subvention: 7,2 Millionen Euro
  • Konsequenzen: Die für Juli geplante Ausstellung „Raffael bis Goya“ wurde abgesagt, der Studienbetrieb wird eingestellt, und zehn Prozent des Personals müssen entlassen werden.
Kommentar: „Ich habe Ministerin Gehrer in informellen Gesprächen oft genug erklärt, warum wir zusätzlich Hallen errichten müssen: damit wir ganzjährig offen halten können. Dafür haben wir Dank erhofft, nicht Kritik.“
Klaus Albrecht Schröder, Direktor*

Neue Oper Wien
Freier Opernproduzent zeitgenössischen Musiktheaters.
  • Erteilte Jahressubvention: 436.000 Euro (Stadt), 123.000 Euro (Bund)
  • Benötigte Subvention: 500.000 Euro (Stadt), 180.000 Euro (Bund)
  • Konsequenzen: Mit dieser Subvention sind nur Stücke mit kleinen Besetzungen möglich. Einladungen ins Ausland können nur selten angenommen werden. Personalmangel und Unterbezahlung.
Kommentar: „Die Lage ist ziemlich ernst. Innovation wird durch fehlende finanzielle Mittel einfach unterdrückt: Der Budgetstift greift massiv in die künstlerische Überlegung ein.“
Walter Kobera, Künstlerischer Leiter

Grazer Kunstverein
Kulturinitiative für bildende Künstler.
  • Erteilte Jahressubvention: 36.000 Euro (Bund, für 2003 noch keine Zusage)
  • Benötigte Subvention: 50.000 Euro
  • Konsequenzen: Publikationen müssen gestrichen werden, wichtige Ausstellungen österreichischer Künstler werden nicht dokumentiert.
Kommentar: „Der Grazer Kunstverein hat bis heute keinen Bescheid über das Subventionsansuchen für das Jahr 2003 bekommen. Wir wissen also nicht, was auf uns zukommt. Bis wir eine Zusage bekommen, müssen bei uns einige Projekte ruhen.“
Eva Maria Stadler, Leiterin

Depot
Wiener Veranstalter kulturpolitischer und kunsttheoretischer Debatten.
  • Erteilte Jahressubvention: 15.000 Euro (Bund), 84.000 Euro (Stadt Wien)
  • Benötigte Subvention: je 200.000 Euro von Bund und Stadt
  • Konsequenzen: Das Depot wird seine Räume erst im September wieder aufsperren können, um dann vier Monate lang Programm zu machen.
Kommentar: „Der Bund hat uns absolut hängen gelassen – und zynisch auch noch: mit einer Subvention von 15.000 Euro statt der nötigen 200.000. Dem Bund scheint kulturelle Auseinandersetzung nichts wert zu sein. Offensichtlich möchte die Regierung bestimmen, was Kultur in Österreich zu sein hat.“
Wolfgang Zinggl, Leiter

Salzburger Kunstverein
Ausstellungsplattform in der Stadt Salzburg.
  • Erteilte Jahressubvention: 86.000 Euro (Stadt), 88.000 Euro (Land), 95.000 Euro (Bund, im Jahr 2002; für 2003 noch keine Zusage)
  • Benötigte Subvention: Stadt, Land und Bund je 123.500 Euro (Zusage der Stadt für 2004: 105.000)
  • Konsequenzen: Die Finanzreserven werden endgültig aufgelöst, damit das Programm in gewohnter Weise durchgeführt werden kann. 2004, wenn es keinerlei Rücklagen mehr geben wird, kommt es zu einer spürbaren Reduktion des Programms.
Kommentar: „Unsere finanzielle Lage ist dramatisch: Der Salzburger Kunstverein erhält seit 1993 annähernd gleich bleibende Subventionen von Stadt, Land und Bund. Dabei konnten wir unsere Besucherzahlen im Jahr 2002 um 45 Prozent steigern.“
Hildegund Amanshauser, Direktorin

Orpheus Trust
Dokumentationsstelle für österreichische Musiker, die von den Nazis vertrieben wurden.
  • Erteilte Jahressubvention: 23.000 Euro (Bund, für heuer noch keine Zusage), 73.000 Euro (Stadt Wien)
  • Benötigte Subvention: je 145.000 Euro von Bund und Stadt
  • Konsequenzen: Chronischer Personalmangel. Verschiebung von Projekten, weshalb ältere Musiker oft die erste Aufführung eines ihrer Werke in Österreich nicht mehr erleben können.
Kommentar: „Ich arbeite jeden Tag von neun Uhr in der Früh bis Mitternacht. Nach sieben Jahren permanentem Überlebenskampf ist man manchmal zu müde, um zu sehen, was man erreicht hat.“
Primavera Gruber, Leiterin

Klangforum Wien
Das Wiener Klangforum ist eines der weltweit führenden Ensembles für zeitgenössische Musik.
  • Erteilte Jahressubvention: 400.000 Euro (Bund), 435.000 Euro (Stadt Wien)
  • Benötigte Subvention: je 509.000 Euro von Bund und Stadt
  • Konsequenzen: Gefährdung der Zahlungsfähigkeit und des künstlerischen Überlebens des Ensembles, weil Orchestermusiker wegen extremer Unterbezahlung abwandern würden (aktueller durchschnittlicher Lohn: 1400 Euro brutto).
Kommentar: „Der internationale Stellenwert des Klangforum rechtfertigt ohne Zweifel eine Subventionserhöhung.“
Sven Hartberger, Geschäftsführer

Literaturhaus Wien
Dokumentationsort der österreichischen Literatur.
  • Erteilte Jahressubvention: 1,41 Millionen Euro (Bund)
  • Benötigte Subvention: 1,6 Millionen Euro
  • Konsequenzen: Einstellung von Publikationen, Entlassungen qualifizierter Mitarbeiter, Reduktion der Veranstaltungen, Entfall professioneller Dienstleistungen für Autoren, Literatur, Schule, Wissenschaft, Forschung, Publizistik.
Kommentar: „In der Verlagsförderung wurde ebenfalls systematisch gekürzt, die Künstlerversicherungsregelung hat die soziale Situation der Autoren nicht verbessert, sondern verschärft, und durch die serienweise Einstellung von Kultursendungen im ORF sowie die Halbierung der Hörspielhonorare für Autoren hat sich die Auftragslage dramatisch verschlechtert.“
Gerhard Ruiss, Leiter

Synema
Gesellschaft für Film und Medien (Symposien, Publikationen, Retrospektiven).
  • Erteilte Jahressubvention: 78.500 Euro (Bund)
  • Benötigte Subvention: 50.000 Euro (Stadt), 80.000 Euro (Bund)
  • Konsequenzen: Nur sporadisch stattfindende Veranstaltungen. Eine einzige (unterbezahlte) Arbeitskraft statt der nötigen drei. Der Plan, jährlich drei große Programme zu veranstalten, lässt sich nicht realisieren.
Kommentar: „Wir verfügen über kein ordentliches operatives Budget, weil Kulturstadtrat Mailath-Pokorny seit Jahren alle Ansuchen auf Unterstützung ablehnt. Wir sind durch die budgetäre und personelle Not eigentlich zur Untätigkeit verdammt, die wir nur auf Basis von Selbstausbeutung und Eigenrisiko immer wieder durchbrechen.“
Brigitte Mayr, Geschäftsführerin

Recherche: Stefan Grissemann, Wolfgang Paterno, Peter Schneeberger

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