25.05.2003 23:16
Utopien für einen Mikrokosmos
Am
Samstag wurden die "real*utopia"-Installationen im Bezirk Gries eröffnet
Graz - Bei zu viel Lob sollte man skeptisch sein, lehrt die
Erfahrung. Eine solche mussten auch Margarethe Makovec und Anton Lederer, die
Gründer des Grazer Kunstvereins rotor, machen. Denn sie erhielten im Oktober
2002 von Kunststaatssekretär Franz Morak den Würdigungspreis für
grenzüberschreitende Kulturarbeit überreicht: Diese "association for
contemporary art" sei, sagte Morak, "eine hervorragende Institution, die sich um
die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern aus Mittel-, Ost- und
Südosteuropa besonders verdient gemacht" habe. Und weil die Institution derart
hervorragend ist, ließ Morak gleich einmal die Jahressubvention um ein Drittel
kürzen: von 30.000 auf 20.000 Euro, wie die Kunsthistoriker Makovec und Lederer
zerknirscht konstatieren.
Die beiden leisten aber in der Tat
hervorragende Arbeit. Und konnten im Rahmen von Graz 2003 gleich mehrere
Projekte realisieren: In der Belgiergasse 8 präsentieren sie seit Jahresanfang
in der Reihe Balkan Konsulat stolz Künstler aus ebendiesem südosteuropäischen
Raum (derzeit Istanbul, ab 12. Juli Budapest).
AM Samstag wurde zudem
real*utopia eröffnet, eine spektakuläre Ausstellung im öffentlichen Raum, für
die Graz-2003-Intendant Wolfgang Lorenz 363.000 Euro zur Verfügung stellte: 15
Künstler oder Gruppen haben "Utopien für reale Orte" entwickelt - konkret für
den Bezirk Gries, der es Makovec und Lederer ob seiner Heterogenität wie
Internationalität angetan hat.
Die Gegend um den weitläufigen Griesplatz
gilt zwar als das Scherben- und Rotlichtviertel von Graz. Aber sie hat ihren
besonderen Reiz. Denn da prallen Gegensätze und Kulturen aufeinander: Direkt
hinter den beiden Viersternehotels am Kai liegt zum Beispiel ein Stück Balkan
mit Lokalen und bunten Geschäften.
Der Bezirk wird gerne gemieden. Zu
Unrecht, wie Makovec und Lederer meinen, die sich eben just dort ansiedelten:
Sie laden ein, das Viertel zu erkunden - zum Beispiel mit einem speziellen Rad
der Belgrader Künstlergruppe Skart, das man sich kostenlos am Infostand (in der
nördlichen Ecke des Griesplatzes) ausborgen kann. Aber auch ein Spaziergang
macht Sinn: Denn das Geld liegt im wahrsten Sinn des Wortes auf der Straße.
Werner Reiterer hat insgesamt 1500 Münzen ausgestreut. Das Blöde ist nur: Er hat
sie auch angeklebt. Und man bückt sich daher eher vergeblich nach
ihnen.
Gewappnet mit einem hoch informativen Orientierungsplan kommt man
nicht nur an der Rösselmühle wie der Synagoge vorbei, sondern auch an den
Installationen: Jun Yang, 1975 in China geboren, stellte am Gürtel ein reich
verziertes Chinatown-Eingangstor auf. Am Mühlgang wurde ein Bad mit Pritschen
und Duschen errichtet. Antal Lakner aus Budapest bewirbt das Projekt Olympische
Sommerspiele 2012 in Graz mit Fahnen und Werbetafeln, denn es muss auch eine
Vision für die düstere Zeit nach der Kulturhauptstadt geben. Und Constantin
Luser ließ am Posthochhaus 268 Lichtpunkte montieren: Täglich von 22 bis 1 Uhr
darf jeder Botschaften in die Lichtschreibmaschine tippen, die daraufhin weithin
sichtbar in die Nacht strahlen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2003)