Hauptmenu . _ Hauptmenu
Hauptmenu Hauptmenu Hauptmenu
Hauptmenu .

.

Kunsthalle Wien im MuseumsQuartier: "Go Johnny Go! Die E-Gitarre - Kunst & Mythos"

. .

"Weil es ein Bubeninstrument ist"

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!"Mitn Klavier kriegst halt einfach ka gute Show hin. Da brauchst die Gitarre dazu." Jimi Hendrix hätte dem Thomas Mießgang da wohl zugestimmt (John Cage eher weniger). Na gut, mit dem Klavier ist man wirklich ein bissl "ang'hängt". Mit der E-Gitarre kann man hingegen (sofern das Stromkabel lang genug ist) derweil nach Australien auswandern (bzw. Buddy Guy kann kurz einmal vor die Tür gehen) und die Musik bleibt trotzdem da.
Nein, ich fang lieber noch einmal von vorn an. Nämlich so: Dem Johnny entgeht man nicht. Am wenigsten, wenn man sich bis zum 7. März nächsten Jahres in die Kunsthalle im MuseumsQuartier traut, während man im Vollbesitz seines Gehörs ist. Da wird man schon im Treppenhaus vom Johnny (zweiter Vorname: B., Nachname: Goode) verfolgt, genauer gesagt vom gleichnamigen Ohrwurm, der sich unbarmherzig in den Gehörgang bohrt und dabei die unteren Extremitäten von besagtem Johnny anfeuert: "Go, go, go Johnny go/Go, go Johnny go . . ." Und auch wenn man selber nicht Johnny heißt, geht man natürlich trotzdem instinktiv zügig weiter. Um sich dann in Gesellschaft von gut 150 E-Gitarren wiederzufinden (darunter so legendäre wie die Stratocaster der Firma Fender oder die Gibson Jazzgitarre Lucille, signiert von B. B. King).
Und um früher oder später, in einer Art "Lärmseparee", schon wieder beim Johnny zu landen. Denn Jimi Hendrix, der da drin filmisch konserviert ist und es seiner Gitarre so richtig "besorgt" hat Chuck Berrys "Johnny B. Goode" (aus dem Jahr 1957) ja auch gekannt. Und spielt ihn, wie Wolfgang Kos erkannt hat, "dreimal so schnell wie Chuck Berry". - "Und siebenmal so laut." Das hat jetzt Thomas Mießgang eingeworfen, der übrigens gemeinsam mit Wolfgang Kos jene schallintensive Schau kuratiert hat, von der schon die ganze Zeit die Rede ist: "Go Johnny Go! Die E-Gitarre - Kunst & Mythos."
Man versucht sich da dem Phänomen E-Gitarre materialreich zu nähern: kulturhistorisch, musikgeschichtlich und künstlerisch. Liebevoll (man merkt: Hier waren Begeisterte, um nicht zu sagen: der E-Gitarre Verfallene, am Werk) hat man allerhand zusammengetragen: Fotos, Zeitungsausschnitte, Fanclubartikel, Kuriosa wie die Fliegenklatsche in Gitarrenform (natürlich aus Memphis, Tennessee, der Welthauptstadt der Gitarre, wo also sogar die Fliegen auf den Gitarren picken), weiters Schallplattenhüllen (etwa die originell minimalistische des Bluesmusikers Chester Burnett, genannt Howlin' Wolf, heulender Wolf, wo nur der prosaische Text draufsteht, zu Deutsch: "Dies ist Howlin' Wolfs neues Album. Er mag es nicht. Er konnte seine elektrische Gitarre zuerst auch nicht leiden"). Oder ein selbstgebasteltes "Blechdosen-Banjo" (ein Kanister mit einem "Stecken" dran und ein paar Saiten), mit dem afrikanische Jugendliche sich in weltberühmte Gitarrenhelden hineinfühlten. In Jimi Hendrix zum Beispiel.
Apropos Lingamkult. (Hendrix' Gitarre scheint ja an seine Manneskraft angeschlossen zu sein, weshalb es kein Wunder ist, dass sein ekstatisches Spiel wie die Selbstdarstellung seiner Libido anmutet. Nicht von ungefähr kommt die Bezeichnung "Cock Rock" - Schwanzrock.) Wenn Frauen sich also die E-Gitarre umhängen (Kos: "weil es halt ein Bubeninstrument immer war"), spricht dann daraus der P-Neid? (Insofern als es ja auch ein Fall von "Vagina-Neid" sein könnte, wenn das starke, des Einparkens mächtige Geschlecht freiwillig Staub saugt.) Norma-Jean Wofford jedenfalls (die Dame auf dem Ausstellungsplakat), genannt "The Duchess" (die Herzogin), die in den Sechzigern in der Band von Bo Diddley die E-Bassistin war, musste sich die gemeine Unterstellung gefallen lassen, sie würde lediglich markieren, während ein "richtiger" Gitarrist vom Tonband käme.
Und was macht Pamela Anderson da (die bekanntlich vor lauter Sexappeal immer vornüber in das Meer vor Malibu gekippt ist)? Die ist, angesichts von so viel maskuliner Potenz, die ausgleichende Gerechtigkeit. Liegt im Bett mit einer rosaroten Gitarre in Form einer offenen Blüte (eine unverhohlen vaginale Metapher) und spielt sich geradezu obszön mit den Saiten. Was Christian Marclay freilich, obwohl selbst stolzer Besitzer eines Y-Chromosoms, voller - ironischer - Respektlosigkeit mit dem elektrisch verstärkten "Phallus" anstellt, fällt dann aber unter Rufschädigung: eine impotente Gitarre (aus Silikon, noch dazu "mädchenhaft" rosa), deren Hals halt schlichtweg schlappgemacht hat und sich aus seinem "Tief" bestenfalls mit Hilfe von Viagra erholen könnte. Selbiger Künstler, dem das Anthropomorphe am Gitarrenkörper nicht entgangen ist, hat ein unschuldiges Exemplar, Marke Fender, gelyncht, indem er es an einem Pick-up nachgeschleift hat (und die "Schmerzensschreie", nämlich grausliche Rückkopplungseffekte, auf Video aufnahm), bis die gequälte Kreatur keinen Mucks mehr gemacht hat. Ein markerschütterndes Video, insbesondere wenn man - wie Marclay - weiß, dass der junge Schwarze James Byrd jr. 1998 in der selben Gegend, in Texas, genauso gestorben ist.
Hans Weigand, der "das Böse in der Gitarre" ja kennen muss (wegen seinem aktiven Naheverhältnis zu diesem "Gerät"; Weigand: "Ich sehe in jeder Kettensäge eine potenzielle Gitarre"), kopiert sich, mit dem Gitarrenlärm im Anschlag, frech in den Film "Zardoz" hinein, als eine Art Ritter des Thanatos, der später der heilen Welt einer Hippiekommune die Sterblichkeit vorbeibringen wird. Die Gitarre als Waffe. Allerdings wird man mit dem Krachinstrument nicht viel mehr tun können, als zu drohen: "Ergib dich, oder ich mach dir einen Tinnitus." Dagegen ist Rainer Fetting, einer von den "Neuen Wilden" der achtziger Jahre, eigentlich friedfertig. Der malt bloß so, wie der Hendrix spielt: lautstark und ungebremst.
Tja, vielleicht war ich wirklich nicht die Richtige, um über diese Ausstellung zu schreiben. Schließlich bekommt mein CD-Player regelmäßig Besuch von Richard und Gustav (Nachname Wagner bzw. Mahler). Als kleines Laster gönne ich mir höchstens Nirvana. Aber nur zweimal im Monat.

Erschienen am: 05.12.2003

.


Mit unseren Suchseiten können Sie in der Zeitung und im Internet recherchieren. Nutzen Sie die Link-Sammlungen, um EDV-Unternehmen und Software zu finden.

.