Quer durch Galerien 23.1.2004
Waschmaschinen im Weltall
Von Claudia Aigner
Er hat, wie man so schön sagt, Flugzeuge im Hintern . . .
oder . . . äh . . . na jedenfalls ist er sehr reiselustig. Und schwirrt
kraft seiner Flugtickets auf dem ganzen Globus herum. Um sich dann
bravourös in der touristischen Aneignung der Welt zu üben, sich also in
ein körperliches Naheverhältnis zu einer Sehenswürdigkeit (oder einem
Hotelzimmer) zu bringen, während ein Fotoapparat angestrengt zuschaut.
Denn die Beweislast (nämlich den Nachweis zu erbringen für die
"Freizügigkeit der Person") liegt ja immer noch auf Seiten des Reisenden.
Die Beweisfotos, die nahe legen, dass Paul Albert Leitner auf der Welt
ist, sind geprägt von triumphaler Selbstironie. In Odessa misst er seine
sozialistisch realistischen Kräfte mit Lenin und ist das imposant steife
Double von dessen Kommunismus einflößender Statue. In Wien ist sein
chronischer Größenwahn bereits im Stadium der Selbstkrönung.
Wahrscheinlich trägt er den goldenen Lorbeerkranz aber eh bloß aus
medizinischen Gründen - Lorbeerkränze sollen ja so irrsinnig gut Blitze
verscheuchen. Charmant amüsant. Was genau das freilich mit der
"Gesellschaft" zu tun hat (so der Untertitel der Ausstellung
"Dokumentation" in der Fotogalerie Wien, Währinger Straße 59, bis 27.
Jänner), darüber bin ich mir zwar nicht ganz im klaren, macht mir aber
nix. Apropos Sehnsucht nach Gesellschaft: Man fühlt sich da am ehesten
wie in der Waschtrommel (beim Schleudergang), während die NASA schon die
ganze Zeit über versucht, die Waschmaschine in eine Umlaufbahn um die Erde
zu schießen. Na ja, zumindest dürfte sich der Magen wie ein Cocktailshaker
anfühlen, wenn man an Bord des Adrenalin-Karussells namens "Break Dance"
ist. Wie Sabine Jelinek, die dort tapfer die Kamera mitlaufen ließ und ein
simples, doch poetisches und metaphernstarkes Video über die Sehnsucht im
Prater gedreht hat. Der Blick wird traumartig mitgerissen (von den
Fliehkräften bzw. Weltfluchtkräften), dazu eine mit Schmalz getaufte
Frauenstimme aus Ex-Jugoslawien: "Es schwindelt mir, es brennt mein
Eingeweide . . ." (ach nein, das war Goethe, aber frappierend ähnlich wie
der pathetisch sentimentale Liedtext). Und ein deprimierend weiser
Satz aus Ruth Kaaserers Film "balance", in dem drei "Wiener Mädeln" ihre
naiv verträumte und intuitiv reife Gedankenwelt ausplaudern, ist bei mir
auch hängen geblieben (über die Einsamkeit in der Großstadt). Und der geht
ungefähr so: "Es stehen Hunderttausendmillionen Telefonnummern im
Telefonbuch - und du kannst keinen anrufen." Stimmt. Das wäre ja
Belästigung. Durch spontane Telekommunikation. Regenwetter in Öl. (So
wie "Sardinen in Öl"? Nein, nicht ganz.) Stefan Waibels eigenwillige
Technik (Ölfarbe und Wasser auf Leinwand) führt zu wahrhaft aufregenden
allergischen Reaktionen und zu spannend abstrakten, sinnlichen Bildwelten
- von poppig bis ätherisch. Mitunter sieht es nach kosmischem Ereignis
aus, um nicht zu sagen: wie der Glühschweif einer Waschmaschine beim
Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Bis 31. Jänner in der Galerie Wolfrum
(Augustinerstraße 10). Schon wieder eine, die ich nicht verreißen
kann: Lore Heuermann (Galerie Hofstätter, Bräunerstraße Nr. 7). Die
schreibt die Körpersprache ihrer bewegten Modelle und schreibt ihre
Blätter damit rhythmisch, geradezu musikalisch voll. Quasi die Partitur
eines Tanzes. Nächste "Schreibperformance": zur Finissage am 28. Jänner um
19 Uhr.
Erschienen am: 23.01.2004 |
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