Salzburger Nachrichten am 24. Juli 2006 - Bereich: Kultur
Knall und Pointen

"Vor der Kunst

steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in die Kunst. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. ,Es ist möglich‘, sagt der Türhüter, ,jetzt aber nicht ...‘" Mit diesem abgewandelten Zitat aus Franz Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz" beendete Gerhard Schulze, Universitätsprofessor aus Bamberg und Autor des Buches "Die Erlebnisgesellschaft", sein Referat im zweiten Block des Symposiums "Die Festspiele - Visionen, Wünsche und Wirklichkeit " am Samstag in Salzburg. Dieser war dem Publikum und den Medien gewidmet.

Gerhard Schulze

hatte zuvor einen Überblick über das Verhältnis von Kunst und Publikum gegeben und drei Etappen umschrieben: Im 19. Jahrhundert sei der Künstler als gottgleich und von Gott inspiriert verstanden worden, das Publikum sei von Kunst "ergriffen" worden. Dieses Hehre der Kunst war abgehoben vom Alltäglichen. Demgemäß entstanden Begriffe wie "Banause" und "Kitsch" im 19. Jahrhundert.

Mit Anton Tschechow,

Franz Kafka oder Modest Mussorgskij - also ab Ende des 19. Jahrhunderts - sei der Künstler "vom Verklärer zum Beleuchter" geworden, erläuterte Schulze. Kunst biete seither nicht mehr einen Schauer, sondern Ernüchterung. Dem Künstler werde "überragende Deutungskompetenz" zugemessen, er zeige das Wirkliche und entlarve das Verschleierte. Allerdings: "Der Grundvertrag (von Kunst und Publikum, Anm.) zur wechselseitigen Erhöhung funktioniert noch immer", sagte Schulze. Erst im 21. Jahrhundert komme das Publikum "bei sich selbst an". Es sei nicht mehr am Unterschied "von oben und unten" interessiert, sondern an dem, "was jeden einzelnen angeht".

Eleonore Büning

von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kritisierte, dass Massenmedien immer weniger fundierte Berichte und Aufklärung von Hintergründen der Kunst lieferten. Statt dessen würden nur Pointen gesucht. "Es muss knallen, damit es Widerhall findet im Hinterkopf des hintersten Zuhörers." Das "Überpointieren" werde zum journalistischen Alltagsgeschäfts. Aber das Abwägen von Argumenten werde nicht mehr möglich, damit sei der Diskurs - ein Fundament jeder Demokratie - am Ende.

Festspiele

wie in Salzburg und Bayreuth hätten sich parallel zu den Massenmedien entwickelt, stellte Eleonore Büning fest. Beide seien "Schlachtschiffe, bei denen es um Quoten gehen muss wie beim Fernsehen". hkk