Dandy Warhol
Wer alles über Andy Warhol wissen möchte, müsse sich nur seine Bilder und Filme oberflächlich ansehen. Das empfahl der Künstler selbst. „Dahinter ist nichts“, sagte Warhol einmal.
Und doch erzählen die flach erscheinenden Werke des 1987 verstorbenen Grafikers, Filmemachers und Verlegers viel über das extravagante Leben, seine Anliegen, seine komplexen Beziehungen. Zu Lebzeiten beeindruckte er durch sein Auftreten, bunt schillernd wie seine Kunst. Wie eine Diva trug er platinfarbene Perücken, versteckte sich hinter Sonnenbrillen, ließ sich die Nase operieren, fälschte sein Geburtsdatum (1928) und trat als Dragqueen auf.
Schon als Bub träumte Andrew Warhola von Hollywood. Der kränkliche Sohn armer slowakischer Einwanderer sammelte Starfotos und fotografierte selbst mit einer geschenkten Kodak.
Während seines Studiums am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh entsteht das provozierende Selbstporträt, auf dem er in der Nase bohrt und das sogleich allgemein abgelehnt wird. Nach seinem Diplom zieht er nach New York und erhält die ersten Aufträge als Werbezeichner, unter anderem für die größten Magazine – „Glamour“, „Vogue“, „New Yorker“.
Nach der ersten Einzelausstellung 1952 und anderen Erfolgen zieht er mit seiner Mutter Julia 1959 in ein eigenes Haus. Ihr posthumes Porträt von 1974 zeigt sie im Alter; zeitlebens hatte sie als künstlerisch begabte Frau großen Einfluss, signierte manchmal sogar seine Bilder und vergötterte ihn.
In den 60er-Jahren ist er beeindruckt von den Popkünstlern Jasper Jones, Robert Rauschenberg und Roy Lichtenstein. Ein Galerist rät ihm, Dollarscheine zu malen oder Konservendosen. So entstehen die heute berühmten Bilder „Campbell Soup“ und „Coca Cola“ – Ikonen der Konsumgesellschaft. Zum ersten Mal schafft er (in Serigrafie-Technik auf Leinwand) Starporträts nach Fotos: Elvis Presley, Marilyn Monroe. Ihr Sexappeal und früher Tod haben ihn besonders beschäftigt. So gibt es etwa 50 Versionen dieses Porträts, später eines der teuersten Werke auf dem Kunstmarkt.
1963 bezieht er ein großes Loft an der New Yorker East Street, das er „Factory“ nennt, und dreht er seine ersten extrem langsamen Underground-Filme „Sleep“, „Kiss“,“„Blow Job“, die eine oder zwei Personen stundenlang immer bei derselben Beschäftigung zeigen. Später spöttelt er: „Man soll lieber darüber sprechen, als sie sehen.“
Später hatte er Erfolg mit richtigen Spielfilmen und TV-Shows. Der Avantgardefilmer und Gründer des Wiener Filmmuseums, Peter Kubelka, ein Kenner der New Yorker Szene und der „Factory“, erinnert sich: „Seine ersten Filme waren sehr radikal. Er wollte schockieren und arbeitete als unabhängiger Filmemacher, also als Einzelautor statt mit Team – im Gegensatz zur Hollywood-Industrie. Als er später als bildender Künstler berühmt wurde, passten diese Filme nicht mehr zu seinem glamourösen Image. Er schämte sich dafür und untersagte durch Rechtsanwälte ihre Verbreitung. Daher hatten wir damals größte Mühe, Kopien für unser Museum zu bekommen.“
In der „Factory“ schart sich um den bleichen Meister eine bunte Fauna, Schauspieler, Sänger, Tänzer, Models, Prostituierte, Transvestiten, Drogensüchtige, die gelegentlich in seinen Filmen spielen dürfen. Hier probt auch die von ihm produzierte Band „Velvet Underground“ (mit Lou Reed, John Cale und der Sängerin Nico). Es entstehen unzählige Fotos, Videos, „Screentests“ und Bilder, die er manchmal von Freunden ausführen lässt.
Sein erster Auftrag für ein Porträt ist das von Ethel Scull. Die Frau eines reichen Sammlers lässt er in mehreren Fotoautomaten fotografieren und bildet sie danach in 36 Posen ab.
Kurz danach erschüttert ihn die Ermordung von John F. Kennedy in Dallas. 1964 entsteht eine multiple Serie von Porträts der Präsidentenwitwe Jackie – vor und nach dem Attentat. Bald ist er selbst ein begehrter Star und reist häufig zu Ausstellungseröffnungen in Europa.
Doch die Freizügigkeit der „Factory“ zog auch Psychopathen an. 1968 versuchte dort eine enttäuschte Schauspielerin, ihn zu erschießen, was ihr fast gelang. Warhol überlebte und witzelte nach stundenlangen Operationen: „Ich habe so viele Nähte wie ein Kleid von Dior!“
Die 1969 gegründete Zeitschrift „Interview“ erwies sich als sehr nützlich für neue, finanziell einträgliche Aufträge. In den folgenden Jahren knipste Andy Warhol Tausende von Polaroids, die farbig bemalt durch Serigrafie auf Leinwand projiziert und dann mit Tinte bearbeitet wurden.
Heute kennt man viele dieser Porträts von Prominenten und Hollywood-Stars, Liz Taylor, Sylvester Stallone, Clint Eastwood, Gianni und Mariella Agnelli, Caroline von Monaco, die Burdas und viele mehr. Manche Kunden, wie der Schah von Persien und und seine Gemahlin Farah Dibah, bezahlten die Werke nicht mehr, weil sie inzwischen schon abgesetzt waren.
Von Mick Jagger war Warhol schon fasziniert, als der Sänger der Rolling Stones noch unbekannt war, er porträtierte ihn mehrmals (eine der attraktivsten Versionen in dieser Expo ist übrigens eine Leihgabe von Matthaeus Ropac). Auch Modeschöpfer wie Yves Saint Laurent, Sonia Rykiel und Valentino ließen sich so verewigen. Gunther Sachs, der ewige Playboy, bestellte 1974 Porträts von sich und seiner damaligen Ehefrau Brigitte Bardot, als sie ihren Rückzug vom Film ankündigte. Als Vorlage für BBs Konterfei wählte Warhol ein Foto von Richard Avedon aus 1959, um sie in ihrer Blütezeit zu zeigen.
Ein Grund seines Erfolges war, dass er wie ein Schminkmeister seine Modelle verschönte, kleine Fehler wurden wegretuschiert. Die Hintergründe blieben immer flach, manchmal flimmernd durch Diamantstaub (Armani) oder auch oxidiert durch seltsame Substanzen, wie das durch Urin befleckte Porträt des früh verstorbenen Graffiti-Malers J.-M. Basquiat oder das Totenkopf-Porträt des Magnaten-Sohnes Philip Niarchos.
In seiner letzten Schaffensperiode überwiegen ernstere Themen: Politikerköpfe, Nixon, Mao, Lenin, Mitterrand. Immer mehr Totenschädel und düstere Selbstporträts tauchen auf.
Seine erzkatholische Erziehung inspiriert ihn zu religiösen Themen: Abwandlungen der Sixtinischen Madonna und des Letzten Abendmahls von Leonardo da Vinci. Sein letztes Porträt ist das von Beethoven. Bald danach stirbt Warhol an den Folgen einer eher harmlosen Gallenoperation. Bei der Totenmesse in St. Patrick erwähnt der Pfarrer vor 2000 Trauergästen, dass Warhol regelmäßig die Messe besucht und Arme beschenkt hat.
„Meine Malerei wird nicht überleben, man wird sie vergessen. Außerdem verwende ich billiges Material, was sie nicht gerade verbessert“, sagte Warhol einmal. Er irrte.




















