Artikel aus profil Nr. 18/2003
Klagemauern

Im Atelier im Wiener Augarten leisten acht KünstlerInnen Trauerarbeit.
Themenausstellungen sind ein schwieriges Terrain. Vor allem, wenn es sich nicht um Konkret-Gegenständliches wie Shopping, Fernsehen oder Krieg dreht, sondern um den so diffusen wie abstrakten Begriff der Trauer. Die beiden Ausgangspunkte und Pole der von Thomas Trummer kuratierten Ausstellung im Wiener Augarten-Atelier sind eine Kette aus Glühbirnen von Felix González-Torres und der Film „I’m too sad to tell“ von Bas Jan Ader; während Ersterer einen konzeptuellen Ansatz verfolgt, begibt sich Ader in die kunsthistorische Tradition einer illustrativen Pathosformel: Er stellt sich selbst weinend dar. Pointiert wird daneben das Video von Nicole Six und Paul Petritsch präsentiert, in dem Petritsch auf einem zugefrorenen See versucht, rund um sich das Eis einzuhacken – ein repetitiver, zwanghaft erscheinender Vorgang, dessen sprachlose Unentrinnbarkeit und Undurchschaubarkeit charakteristisch sind für Symptome der Trauer.

Eine engere Beziehung dazu hat das mit den Klageliedern eines serbischen Gusle-Spielers untermalte Video von Zoran Naskovski, der Found-Footage-Material von John F. Kennedys Tod und Begräbnis zu einer narrativen Struktur montiert: Trauer als kollektive, in ihrer ästhetischen Bearbeitung Grenzen überschreitende Emotion. Auf den ersten Blick mag die Zusammenstellung der Schau etwas beliebig wirken, bei näherer Betrachtung allerdings erweist sich der offene und durchlässige Zugang als Möglichkeit, das Phänomen in seiner Komplexität fassbar zu machen.

Autor: Nina Schedlmayer


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