Wider besseren Wissens

Es ist erstaunlich. Niemand verwendet heute noch ernsthaft das Wort "Cyberculture". Es ist nicht schade um diesen Begriff, denn was er bedeuten sollte, das hat sowieso niemand so genau gewusst. Und auch der "Netart" geht es da nicht viel besser. Nur mühsam wird der Begriff am Leben erhalten. Von Mariann Unterluggauer.


Etwas Besonderes wird es mit der Cyberculture schon gewesen sein. Etwas, das den frühen virtuellen Bewohnern ein außergewöhnliches Flair verlieh oder eben Kultur.

Als auch in der virtuellen Welt der Alltag in Form von E-Commerce Einzug gehalten hat, geriet der Begriff Cyberculture zusehends in Vergessenheit. Stattdessen spricht man heute lieber von "new economy".

Pixel bleibt Pixel

Im Vergleich zu den frühen 90er Jahren haben es Kultur-Utopisten heute schwerer, ihre Mythen rund um das Netz aufrecht zu erhalten. Dank der vernetzten Computer werde sich der Mensch zu einem höheren Wesen entwickeln. Dank bits and bytes werde die Welt schön und gut. Dachte man. Aber das Leben im Netz ist genauso banal wie das wirkliche Leben.

Keiner der damaligen Hohepriester würde heute ernsthaft das Einkaufen im Supermarkt als besondere Kulturtechnik, als Cyberculture, verkaufen wollen. Dieser Job wurde ihnen von den Marketingabteilungen abgenommen. Zugegebenermaßen ist es eine Zeit lang auch spannend, Stunden lang im Netz zu navigieren, aber nach unzähligen bunten Pixeln, Systemabstürzen und blinkenden Icons wird es zunehmend schwerer, dabei noch ein gewisses Kribbeln zu empfinden.

Pixel und ein schön gestrickter Code

Künstler, die mit den Möglichkeiten des Netzes experimentierten, zogen sich in den letzten Jahren auf eine virtuelle Insel namens "Netart" zurück. Doch heute wollen manche von diesem Begriff nichts mehr wissen. Zurecht, denn Begriffe wie Volks- oder Amateurkunst wären treffender, denn irgendwie geht es doch immer nur um das Eine: um Pixel und einen schön gestrickten Code.

Der Abschied von der "Netart" erfolgt aber halbherzig. Denn für ein wenig Medien-Aufmerksamkeit kann man diesen Begriff noch allemal beiläufig einstreuen. Vor Jahren predigte man in der Mailing List nettime, dass die Netzkunst vor allem eines bewirken müsse: die Überwindung der vorgefassten Kunstbegriffe der Kulturinstitutionen. In den Archiven von nettime kann man die alten Diskussionen rund um Netart nachlesen, die Namen ihrer Vertreter findet man heute auch in diversen Ausstellungskatalogen von Museen.

Kunst oder Recycling?

Eine Zeit lang hieß es, die neue Form der Kommunikation sei die Kunst. Dann entdeckte man, dass die Leitungen das Wesentliche am Medium Internet sei. Wie man sich verknüpft und verwebt, das sei es. Recycling? Das sei ein adäquater Begriff für die vernetzte Kunst, sagen manche. Oder ist nicht doch die Darstellung des Lebens hinter dem Desktop Kunst? Kunst muss doch aufklären... Aber vielleicht war man da doch auf der falschen Website.

Hauptsache bunt

Auf manchen Sites versteht man Kunst als technischen Egotripp. Ohne zusätzliche plug-ins geht gar nichts. Lange Wartezeiten? Das kann nur Kunst sein. Was es wirklich ist, wird wohl erst die Geschichte zeigen, meint jodi.org. Zwei Menschen, die schon vor geraumer Zeit das Label "Netzkünstler" umgehängt bekamen. Ihr Rat lautet simpel: "Man muss es ja nicht Kunst nennen." Und überhaupt: Die Frage kann man so nicht stellen.

Man tut es trotzdem. Egal wie unaufgeregt sie mit dem Netz umgehen, jodi.org wird immer auf den Seiten erwähnt, auf denen jemand versucht, dem Begriff Netzkunst auf die Spur zu kommen. Das mag die Geschichte noch nicht weiter beeinflussen, denn das Netz folgt vor allem einer Eigenschaft: Es ist vergänglich. Bestes Beispiel dafür ist der damals offizielle Url der documenta X.

Bereits kurz nach Beendigung der Veranstaltung blieb davon nicht mehr als ein dead link. Aber für zukünftige Historiker gibt es ja noch den Katalog aus dem Jahr 1997. Damals wurde Netart sozusagen amtlich. Heute kann man zumindest noch auf Medienseiten im Netz nachlesen, wie Joan Heemskerk und Dirk Paesmans damals diese Veranstaltung kommentierten:

"Der Computer ist nicht nur ein Werkzeug, um Kunst zu schaffen, sondern auch, um es im Netz zu zeigen. Und weil es im Netz keine Etiketten gibt, ist das, was der kleine Stefan macht, vielleicht auch Kunst. Mit unserer Arbeit ist es dasselbe. Da ist kein 'Kunst'-Label dran. Bei dem Medium, in dem unsere Arbeit betrachtet wird, kümmern sich die Leute nicht um solche Etiketten. Aber wenn wir unsere Arbeit in einer Galerie zeigen, dann klebt das Label 'Kunst' dran. Und wir müssen uns 'Kunstmethoden' einfallen lassen, um unsere Arbeit zu zeigen."

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