Wien, Dresden, Prag, London, Salzburg, Villeneuve, ja, hier war Kokoschka, das kennen wir. Aber Linz? „Die Ansicht ist so fad, dass ich am ersten Tag ordentlich verzweifelt war. Weil ich mir aber sagte, ich fahre nicht 18 Stunden mit der Bahn umsonst nach Villeneuve zurück, so werde ich halt eine Lösung finden. Ein Starrschädel ist auch zu etwas gut.“ Der spröde Charme der wieder erblühenden Industriestadt war es also nicht, der diese österreichische Übermalerfigur an die Donau lockte, wie aus dem Brief an seine Schwester 1955 unschwer herauszulesen ist. „Mir geht Linz schon tüchtig auf die Nerven, besonders die Tage, wenn ich nichts tun konnte (...)“ Und doch „tat“ Kokoschka – er malte damals im Auftrag der Stadt die „Linzer Landschaft“, ein Porträt vom Pfennig-, nicht vom Pöstlingberg aus, zwischen sehr giftigen Industriedämpfen und sehr ruralem Pferdewagenidyll, heute hängt es im Lentos.
Die Konstellation an rührigen Politikern, Beamten und vertrauten Helfern in Linz hätte für den in der Schweiz im Exil lebenden Maler nicht idealer sein können, alle umgarnten sie den in Wien weniger willkommenen Star, den ehemals „Entarteten“, den Kosmopoliten: Hier in der Neuen Galerie, heute Lentos, wirkte Kokoschkas langjähriger Berliner Kunsthändler Wolfgang Gurlitt, dann dessen ehemaliger Sekretär Walter Kasten. Hier fand 1951 die erste Ausstellung Kokoschkas in Österreich statt. Hier wurde auch sein Porträt von Bundespräsident Theodor Körner, das in Wien einfach unbezahlt (!) ins Depot gesteckt worden war, angekauft. Und hier befanden sich durch Gurlitt Hauptwerke Kokoschkas, die dieser bei der Nazi-Auktion „entarteter Kunst“ in Luzern ersteigert hatte – „Die Freunde“ etwa, um 20 Schweizer Franken. Heute ist das Hauptwerk der Dresdner Periode mit zwölf Mio. Euro das am teuersten versicherte Exponat der Ausstellung „Ein Vagabund in Linz. Wild verfemt, gefeiert“, die morgen, Samstag, im Lentos eröffnet wird.
Kuratorin Elisabeth Nowak-Thaller ist im Hinblick auf die zwei sehr breiten Überblicksschauen zu Früh- und Spätwerk heuer in Belvedere und Albertina Besonderes gelungen: Eine vom Speziellen (Kokoschkas Linz-Bezug) ins Brisante (Kokoschkas Verfemung in der NS-Zeit) führende Ausstellung, die mit 139 Exponaten nicht nur einem retrospektiven Anspruch gerecht wird, sondern mit dem Katalog auch einem raren moralischen: Zu jedem Werk wurde wenigstens versucht, die vollständige Provenienz anzugeben.
Der „Entartetste“ der „Entarteten“
Ein wichtiger Ansatz, wagt man sich an dieses heikle Thema heran, das Belvedere und Albertina ausgespart haben: Der Expressionist Kokoschka, in den 1920ern der berühmteste Maler Deutschlands, stellte für die Nazis den künstlerischen Systemfeind schlechthin dar. Mit neun Bildern war er 1937 in der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ der am stärksten vertretene Künstler. Sechs davon sind in Linz wieder zusammengeführt, darunter „Die Freunde“ und „Vater Hirsch“ aus der eigenen Sammlung. Aus Washington kommt das Porträt von Egon Wellesz, aus Budapest der selten verborgte erste Plakatentwurf für „Der Sturm“, das Selbstbildnis als Märtyrer. In einem Kabäuschen, eingebaut in einen der Säle, wird ein Eindruck der bewusst schlecht gehängten „Entarteten“-Schau gegeben, offen und abgeschlossen zugleich.
2007 hat Lentos-Direktorin Stella Rollig eine Arbeitsgruppe eingerichtet, um die Provenienzen der durch Gurlitt in die Sammlung gekommenen Werke zu überprüfen. Es wird noch lange kein Ende sein, aber es ist ein Beginn, den auch diese hervorragende Ausstellung markiert. Und wohl auch schon ein erster Schein auf das Jahr der europäischen Kulturhauptstadt 2009, in dem Linz sich mit seiner NS-Vergangenheit beschäftigen soll.
31.5.–5.10., Mo–So 10–18h, Do 10–21h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2008)
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