Aktualisierter
Prophet der Moderne
Kunsthistorisches Museum
zeigt im Bassano-Saal Herwig Zens’ Auseinandersetzung mit Francisco de
Goya
Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer
Francisco de Goya hat mit über siebzig die viel
bewunderten "schwarzen Bilder" (Pinturas negras) an die Wand seines Hauses
nahe Madrid gemalt. Das "Haus des Tauben" (Quinta des Sordo) ging später
in Besitz eines Grafen über, der die Ölmalerei von der Wand abnehmen und
auf Leinwand übertragen ließ. Die Hoffnung, damit eine Sensation auf der
Weltausstellung in Paris 1878 zu erzielen, hat sich jedoch nicht erfüllt.
Heute stellen diese dunklen Werke eine Art spanischen Nationalschatz dar,
sie dürfen wie die "Mona Lisa" des Louvre den Prado in Madrid nicht
verlassen. Ketzerische Kunsthistoriker haben mit Hilfe von
Röntgen-Untersuchungen kürzlich feststellen können, dass offenbar nach
Goyas Tod die Erben, Sohn und Enkel, eine Schicht Malerei darüber gelegt
haben und den Inhalt gravierend veränderten. Schwarz in Farbe und Inhalt,
ist das Geheimnis um dieses Spätwerk damit noch erweitert.
Grafische Zyklen
Da Goyas Werke derzeit recht zahlreich im Kunsthistorischen Museum
weilen, bereichert Herwig Zens mit seinen malerischen und grafischen
Paraphrasen auf die "Pinturas negras" die große Schau mit seiner
aktualisierten Sicht. Seit 1965 ist der Professor an der Akademie der
bildenden Künste von dem Spanier nicht wieder losgekommen: zuerst rieb er
sich an ihm, indem er die Motive in grafische Zyklen übersetzte. Da war
zuerst die Radierung, später folgte die Lithografie, der sich auch der
späte Goya in Frankreich noch aneignete, um gegen seine altersbedingte
Augenschwäche anzukommen. Die Kreide auf dem Stein erlaubt haptischen
Fingerkontakt, die rein visuelle Abhängigkeit wird ausgeklammert.
In den Achtzigerjahren hat sich Zens dann auch in die malerische
Wiederholung und Eigeninterpretation vorgewagt. Seine 14 Überarbeitungen
zu den schwarzen Gemälden befinden sich heute zum Großteil im Rathaus von
Fuendetodos (Aragonien), dem Geburtsort seines Vorbilds. Von dort konnten
die zum Teil fast fünf Meter langen Bilder nun bis 8. August geliehen
werden.
Die Zens’sche Interpretation ist auch Dokumentation eines wahren
Farbrausches und sicher, wie Wilfried Seipel und Wieland Schmied im
schmalen Katalog erwähnen, ein malerischer Höhepunkt im Œuvre des
Künstlers. Schwarz wird hier zuweilen in Violett gewandelt, blasse Haut in
kräftiges Orange und über die aufglühenden Kontraste manche
Schrecklichkeit im Inhalt expressiv übersteigert.
Fliegende Parzen
Kann man (Zens) Goya übertreffen? Er legt es nicht darauf an, er fühlt
sich offenbar wahlverwandt und spürt die anhaltende Aktualität dieses
Werks. Thomas Bernhards Lamento, dass Wien (die Habsburger) nie einen Goya
erworben haben, hat ironische Dauerpräsenz. So haben wir wenigstens den
Zens – aber auch nicht diese Bilder. Wir können nur nach Brunn am Gebirge
wandern in die Friedhofskapelle, da gibt’s weitere Paraphrasen der
fliegenden Parzen in wildem Dunkelrot aus dem Jahr 2000. Neben der höchst
faszinierenden und modernen Malweise des Spaniers sind es aber vor allem
die Inhalte, die uns heute noch bewegen. Die Herrschaft des Irrationalen
von Hexensabbat bis Menschenfresserei, auch wenn Letztere in Mythen
gewandelt ist, konnte von keiner Aufklärung abgeschafft werden. Diese
Bilder sind Klagen über antizivilisatorische Tendenzen unseres Daseins.
Der nervös bewegte Pinselstrich vermag auch das Persönliche nach außen zu
bringen. Und darin liegt der Unterschied: Goyas Finsternis bleibt dem
Barock verpflichtet, die Paraphrase von Zens dem Leuchten und Vibrieren
eines gesteigerten Expressionismus. Seine Parallelaktionen zu Goya und
Schubert werden sich wohl ungebrochen fortsetzen.
Mittwoch, 07. Dezember
2005