Das kann ja jedes Kind. Das hätte mir selbst einfallen können." Ein tausendfach gehörter Seufzer aus dem Mund von Kunst-Konsumenten. Mit ihm eröffnete Wolfgang Ullrich eine Ausstellung im Kunstverein Salzburg, in der gesammelte Fotografien und Zeitungsausschnitte gezeigt wurden. Doch: "Im Banalen kommt zum Ausdruck, was die Welt ausmacht. "
Es geht, am Beispiel der bildenden Kunst, um die alte Frage: Was ist Kunst? Wer definiert sie, was ist die Aufgabe des Rezipienten?
Bildende Kunst ist heute zunehmend zur Nebensache geworden.
Ullrich: Mir ist aufgefallen, dass es im Bereich bildende Kunst eine hohe Quote von Menschen gibt, Kuratoren, Kunsthistoriker, Kritiker, Theoretiker, die von ihrer Profession leben. In gewisser Weise gehören auch Sammler hier herein. Was fehlt, ist eine breite Basis von Menschen, die sich leidenschaftlich mit Kunst beschäftigen und in ihrer Freizeit Museen besuchen.
Gäbe es nicht die gewohnheitsmäßige Förderung von Kunst und Kultur als einem öffentlichen Gut von Staats wegen, oder private Sammler, die bildende Kunst würde absacken. Darin sehe ich eine Gefahr, weil ich überzeugt bin, dass Bildwerke für den Menschen viel leisten können.
Eine der Schwierigkeiten mit der Rezeption zeitgenössischer Kunst orten Sie darin, dass sie zu hohe Ansprüche an den Betrachter stellt, ihn überfordert, ihn einschüchtert. Darum Ihr Aufruf an Künstler und Kuratoren: "Tiefer hängen." Sie sprechen von einem hohen Machtanspruch, der vom Künstler ausgeht. Ich erinnere an das Machtspiel zwischen den Salzburgern und dem Künstler Lüpertz um seine Mozart-Plastik.
Ullrich: Ja, das ist ein Machtspiel zwischen einem Künstler und den Rezipienten, es funktioniert aber auch umgekehrt: Die Gesellschaft überträgt aus überkommener Tradition dem Künstler diese Macht. Da ist viel schief gelaufen: Ich, als Künstler, habe die Macht, Mozart so darzustellen, wie es mir entspricht, auch als Frau. Darauf gibt es zwei Reaktionen von Seiten der Rezipienten: Furchtbar, schrecklich, Scharlatanerie - oder demütige Akzeptanz.
Geben Sie dem Künstler auch diese Macht und beugen Sie sich dem Anspruch: Nicht das Kunstwerk muss beweisen, dass es eines ist, sondern ich, der Betrachter, muss davon ausgehen, dass es eines ist?
Ullrich: Nein, das ist nicht mein soziologisches Ziel. Ich suche im Kunstwerk nach einem Erkenntnisgewinn, ich suche den ungewöhnlichen Standpunkt dahinter, eine Haltung. Es kann mir bestätigen, dass meine Erfahrung sich mit der des Künstlers deckt, es kann mir mein Verhalten spiegeln, es kann mich emotional anregen. Dem Kunstwerk gegenüber nur devot zu sein und alles hinzunehmen, ist mir zu wenig. Ich plädiere für einen mündigen, selbstbewussten Rezipienten, der nicht immer den Fehler bei sich selbst sucht, wenn's nicht klappt. Daraus entwickelt sich Überforderung, wir sind enttäuscht, wenn Kunst unsere Erwartungen nicht erfüllt. Idealverkörperung birgt immer auch die Gefahr der Überschätzung.
Jemand, der ein Buch liest, ist in der Lage offen Kritik zu üben, etwa: ein gutes Buch, aber ... Meine Utopie für den Rezipienten der bildenden Kunst heißt daher: Lockerungsübungen, sich nicht einschüchtern lassen und mehr darüber sprechen. Wir haben keine Sprache für die bildende Kunst, das sollte in der Schule im Kunstunterricht schon eingeübt werden. Um einen Gewinn von einer Sache zu haben, muss man auch etwas davon verstehen. Über Kunst muss man kommunizieren, in der eigenen Sprache über ihre Qualität sprechen.
Wie ist dieser Prozess bei Ihnen gelaufen?
Ullrich: Ich musste mich selbst auch freikämpfen. Ich werde mich in nächster Zeit damit beschäftigen, einzelne Kunstwerke zu beschreiben. Und das soll Kunst sein? Diese Frage stelle ich mir anders. Ich unterscheide zwischen guter und schlechter Kunst, darüber möchte ich Auskunft geben.
Wie denken Sie über Eventkultur?
Ullrich: Ich gehe nicht kulturkritisch an die Sache heran. Wir leben hier im freien Westen zum ersten Mal in der Geschichte in einer Wohlstandsdemokratie. Eine große Zahl von Menschen hat die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse und ihren Geschmack auszuleben, früher hatten viele Menschen dazu keine Chance. Darin sehe ich eine kollektive Lebenszufriedenheit. Ich fände es zynisch, Unterhaltungskultur als eigene Kultur auszuschließen. Beides kann nebeneinander bestehen.
Sie sind auch als Unternehmensberater tätig und werden von Betrieben zu Fragen der Imagebildung und der Formensprache von Produkten eingeladen. Sie schrieben einen Aufsatz zum Thema: "Wirtschaft durch Kunst - Wirtschaft statt Kunst."
Ullrich: Ich finde es gut, wenn von Wirtschaftstreibenden Kunst gekauft und gesammelt wird, solange diese persönliche Vorliebe des Firmenchefs nicht mit den zu erwartenden Renditen der Firma in Verbindung gebracht wird. Darin sähe ich eine Überforderung der Kunst. Derartige Ankäufe ergeben für mich erst Sinn, wenn sie eine Auseinandersetzung über Kunst unter den Mitarbeitern in Gang bringen. Andererseits zeigt sich, dass Kunst selbst marktorientiert arbeitet und daher viel weniger autonom funktioniert, als sie von sich annimmt.
Was wünschen Sie der bildenden Kunst?
Ullrich: Mutige Rezipienten, die merken, dass Kunst einen Inhalt hat. Bildende Kunst muss Teil des kulturellen Kanons bleiben. Man geniert sich, wenn man einen Film von Wim Wenders nicht gesehen oder das Werk des letzten Nobelpreisträgers nicht gelesen hat. Dagegen ist es keine Schande, bedeutende bildende Künstler nicht zu kennen.







