Kultur

Mit Bären gegen Bomben

05.12.2007 | SN
Mit der Installation "State Britain" als Protest gegen den Irak-Krieg gewann der Engländer Mark Wallinger den diesjährigen Turner-Preis.

London (SN-hkk, dpa). Ein abgegriffener Teddybär in schmuddeligem T-Shirt liegt in einem Eck. Im Kragen seines Leiberls steckt der Stiel einer Fahne mit der Aufschrift "Bären gegen Bomben". Das ist eines von hunderten Stücken einer Installation in der Tate Gallery in London, die der britische Künstler Mark Wallinger von Jänner bis August 2007 aufgebaut hat. Dafür wurde er am Montagabend in London mit dem Turner-Preis ausgezeichnet.

Mark Wallinger hat für sein Kunstwerk im Museum jene über 600 Transparente, Fotografien, Friedensfahnen und Glückwunschbotschaften von Sympathisanten nachgestellt, mit denen der Friedensaktivist Brian Haw sechseinhalb Jahre lang in London in der Nähe des Parlaments protestiert hat. Mit seinem auf 40 Meter Länge angewachsenen "Friedenslager" ("Peace Camp") auf der Wiese neben der Westminster Abbey wurde Brian Haw einer der berühmtesten Londoner.

Doch solch schrulliger Widerstand eines Friedensaktivisten, der auch Sätze wie "Christus ist auferstanden, tatsächlich!" affichiert, hat in einem Land keinen Platz, das als Verbündeter der USA in den Irak-Krieg gezogen ist. Brian Haw hatte sein "Friedenslager" im Juni 2001 begonnen, als Wirtschaftssanktionen gegen den Irak erlassen worden waren. Am 23. Mai 2006 wurde er von der Polizei genötigt, es abzubrechen. Kurz zuvor hatte das Parlament ein Gesetz gegen organisierte Kriminalität verabschiedet, dass nicht genehmigte Proteste im Umkreis von einem Kilometer um das Parlament verbot. Seither darf Brian Haw zwar kein neues großes "Peace Camp" vor dem Parlament aufziehen, aber mit einer Mini-Version ist er weiterhin dort. Mark Wallinger hat vor Brian Haws unfreiwilligem Abzug dessen Mahnwache fotografiert. Anhand dieser Bilder baute er die Installation, die er "State Britain" nannte.

Protest gegen Teilnahme am Irak-Krieg "Kunst kann nicht realistischer werden als ,State Britain‘", sagte Brian Haw bei der Preisverleihung in Liverpool. Der Künstler wiederum lobte Brian Haw als "bemerkenswerten Menschen". "Er führt seit sechseinhalb Jahren einen Krieg gegen den Aberwitz und die Anmaßung unserer Regierung. Er ist eine der letzten lauten Gegenstimmen. Bringt unsere Truppen nach Hause, gebt uns unser Recht zurück, vertraut dem Volk." Wallinger protestierte also nicht nur gegen die Einschränkung der Freiheit, vor dem Parlament zu demonstrieren, sondern auch gegen die Teilnahme britischer Soldaten am Krieg im Irak.

Die Jury lobte die Installation für ihre Unmittelbarkeit, Intensität und und historische Bedeutung. Sie kombiniere eine mutige politische Botschaft mit der Fähigkeit von Kunst, fundamentale menschliche Wahrheit zu artikulieren. Erste kritische Stimmen hingegen sagten, "State Britain" sei eine Anbiederung an eine politische Strömung.

Der Turner-Preis ist eine der renommiertesten Auszeichnungen für einen Künstler. Er wird seit 1984 an einen britischen oder in Großbritannien lebenden Künstler verliehen, um Debatten über Neuerungen in der zeitgenössischen Kunst anzuregen. Der Preis ist mit 25.000 Pfund (rund 35.000 Euro) dotiert und wurde heuer erstmals nicht in London, sondern in der Tate Liverpool vergeben, da Liverpool 2008 den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" tragen wird. Preisträger der Vorjahre waren Tomma Abtsa (2006), Simon Starling (2005) und Jeremy Deller (2004).

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