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Kunstberichte

Galerien

Mit Quadrat und Tat

Aufzählung (cai) Wie nennt man das, wenn vorm Fenster plötzlich eine willige Exhibitionistin erscheint und hingebungsvoll die Scheibe putzt? Ähm, Männerfantasie? Ja, oder Performance. Marlene Harings Spezialität ist freilich der orale Exhibitionismus. Also sie zeigt die Zunge. Grad erst hat sie vier Fenster von der Galerie nächst St. Stephan abgeschleckt. Ist das die Demutsgeste einer Künstlerin, die mit ihrem Schleckmuskel genauso gut die Schuhe der Galeristin "putzen" hätte können? Oh, ich hab’s: Sie hat fürs Vernissagepublikum vier "französische Aquarelle" angefertigt.

Eigentlich sind das eh alles Beziehungsgeschichten, was Clemens von Wedemeyer hier vesammelt hat. (Beim "Curated by"-Projekt, Thema "Art & Film", kuratieren ja heuer Künstler die Ausstellungen.) Boy meets Beckett: Ulf Aminde lässt einen Punker ein Beckett-Stück spielen, nämlich um ein viereckiges Lüftungsgitter herummarschieren, bis er vor Erschöpfung umfällt. Wartet der auf Godot? Nein, er reduziert das Fernsehstück "Quadrat" aufs Wesentliche: aufs Quadrat. Ja, in Hito Steyerls "After The Crash" explodieren ein paar Flugzeuge, die recycelt und als DVDs wiedergeboren werden. Der aufregendste Spezialeffekt in der Schau ist trotzdem die Liebesszene zwischen zwei flachen Leinwänden, die dabei die dritte Dimension zeugen. Die tauschen keine Flüssigkeiten aus, sondern Pixel. Ein Lichtpunkt schwillt an, bis die Leinwand komplett hell ist. Die wird wieder dunkel, als das Licht blitzschnell den Raum durchquert und auf die andre Leinwand überspringt, wo es zum Pixel schrumpft. Pixel-Pingpong. Arnold von Wedemeyer hat da wohl einen Klassiker der Malerei verfilmt: Malewitschs schwarzes Quadrat. (Na ja, sehr frei.)

Galerie nächst St. Stephan
Grünangergasse 1/2, 1010 Wien
curated by_Clemens von Wedemeyer, bis 12. Juni
Di. – Fr.: 11 – 18 Uhr, Sa.: 11 – 16 Uhr

Milly, Myself And I

Aufzählung (cai) Schwangere essen für zwei, und Madeleine Berkhemer kauft halt Schuhe für drei. Weil sie ein Me-myself-and-I-Typ und folglich zu dritt ist. Würde man drei Paar Stöckelschuhe von Christian Louboutin in der Wüste aussetzen, hießen die drei Fata Morganen, die ein Kunstkenner in sie hineinhalluzinieren tät’, natürlich Milly, Molly und Mandy. Das sind Berkhemers Alter Egos. Sexy Priesterinnen in einem High-Heels-Kult. In die Stilettos, die sie bei einer Aktion getragen hat, zwängt sie jetzt brutal ehrliche Abgüsse ihrer Füße. Vor lauter Mitgefühl mit den gequetschten Zechen krieg ich direkt Blasen. Neben dieser offensiven Erotik haben Inci Eviners bizarr animierte Tapeten- und Postkartenmotive keine Chance. Und Ana Ritos Fotos mit Dame hängen zum Glück im Keller. Da lenkt nix von ihrer delikaten Sinnlichkeit ab.

Mario Mauroner Contemporary Art Vienna
Weihburggasse 26, 1010 Wien
curated by_Fabrizio Plessi, bis 5. Juni
Di. – Fr.: 11 – 19 Uhr, Sa.: 11 – 16 Uhr

Ausstellen ist ein Reflex

Aufzählung (cai) Die Eitelkeit ist nix, wofür man sich schämen braucht. Wenn Erik Schmidt eine Schweigen-ist-Gold-Schau kuratiert, in der also wenig bis nix geredet wird (Titel: "I Remain Silent"), und er sich da auch selber ausstellt, ist das quasi ein Reflex. Sein raffiniert aus Bild- und Klangfetzen komponierter Film endet surreal: Schlammcatchen mit dem Adel. Und je fader die Konkurrenz, desto spannender das eigene Werk. Bei Aernoult Mik verfällt man bald in eine Frustrationslethargie. Demonstranten werden weggeschleift, doch einfach nicht weniger. Wenn Gregg Smith durch Paris irrt und in intime Ruhezonen mit Blümchentapete entrückt wird, will man schon wissen, wie’s ausgeht.

Galerie Krinzinger
Seilerstätte 16, 1010 Wien
curated by_Erik Schmidt, bis 5. Juni
Di. – Fr.: 12 – 18 Uhr, Sa.: 11 – 16 Uhr

Printausgabe vom Mittwoch, 26. Mai 2010
Online seit: Dienstag, 25. Mai 2010 17:04:00

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