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Korrekt bis zum Eis aus reinem Wasser

Weltkunstschau "documenta" endlich einmal unter nichteuropäischer Leitung

VON CHRISTA DIETRICH E-MAIL: christa.dietrich@vn.vol.at

Kassel (VN) Österreich ist heuer so gut wie kaum vertreten, aber das wusste man schon vorher. Die in Wien lebende Lisl Ponger war zur Zeit des G-8-Gipfels im Vorjahr in Genua, hat die Aktivisten der VolxTheaterKarawane unterstützt und den Alltag festgehalten. Nicht jenen mit prügelnden Polizisten und Globalisierungsgegnern, sondern jenen mit Verbots- und Aussperrungsschildern, mit nicht mehr zugänglichen Ecken und Plätzen.

Mit ihrer Fotoserie steht Lisl Ponger nun neben jenen Künstlern, die konkret zu Weltkonflikten Stellung nehmen. Die "documenta" von Okwui Enwezor, des ersten nicht-europäischen Kurators der alle fünf Jahre stattfindenden Kasseler Weltkunstschau, schließt somit an jene von Harald Szeemann im Jahr 1972 an, die angesichts ihrer politischen Dimension heute wieder neu analysiert wird.

Politisch korrekt

Vor dreißig Jahren sorgte Joseph Beuys mit einem Büro für direkte Demokratie noch für hitzige Debatten. Heute, nach einer Welle der politisch korrekten Kunst in den neunziger Jahren, ist man zwar immer noch korrekt, die neuen Visionen vom Leben - ein stetes Anliegen der Kunst - kommen auf der "documenta" jedoch wieder stärker zum Tragen. Die senegalesische Künstlergruppe Huit Facettes setzt das Potenzial künstlerischer Kreativität ein, um Fehlentwicklungen in den ökonomischen und politischen Strukturen des Landes aufzuzeigen. In Workshops, deren Ergebnisse konkret in den Alltag der Menschen einfließen, sollen Kreativität und kulturelle Identität wiederentdeckt werden.

Überraschend

Die "documenta" mit den Arbeiten von etwa 120 ausgewählten Künstlern ist etwas rasch als Aufwärmstation sattsam bekannter Tendenzen abgekanzelt worden. Der Anteil von Fotos und Filmen bzw. Videos ist erwartungsgemäß hoch, die Qualität durchwegs gut und der Umgang mit Sehgewohnheiten und Brüchen überraschend. Sieht man es den Mauerbildern des Südafrikaners Santu Mofokeng an, dass es sich um Gefängnisse handelt oder dass sie von Inhaftierten errichtet wurden?

Allan Sekulas (USA) Fotoarbeiten hingegen derart auszubreiten, kommt freilich einem politischen Statement gleich, das schon etwas ausgelaugt ist. Die Bilder zeigen die Arbeitsbedingungen des Proletariats. Nachdem es um die Arbeit auf Schiffen geht, die aus Profitgründen unter verschiedenen Flaggen fahren, sind sie als Metapher für den globalisierten Kapitalismus zu lesen.

Österreich hat die Nase vorn gehabt

Andere Begegnungen verweisen unter anderem darauf, dass Österreichs Ausstellungsmacher die Nase mitunter vorne haben. Die Iranerin Shirin Neshat mit ihren monumentalen filmischen Inszenierungen, in denen sie Geschlechterkampf und Philosophie gleichermaßen thematisiert, wurde von der Kunsthalle Wien für den Westen entdeckt. In diesem Zusammenhang wäre auch die Kubanerin Tania Bruguera zu erwähnen. Diesmal ist es nicht die Künstlerin selbst, die bis an die Grenzen der physischen Erschöpfung geht. (In Erinnerung an Ureinwohner, denen man angeblich Erde zu essen gab, bis sie daran starben, aß sie in einer Performance selbst Bällchen aus Erde und Salzwasser.) In Kassel, dem einstigen Rüstungsindustriestandort,

blendet sie die Besucher mit gleißendem Licht und lässt Gewehrsalven knallen. Der Türke Kutlug Ataman, der eine wunderbare Arbeit über menschliche Sehnsüchte und Obsessionen vorlegt, wurde erst kürzlich von der Bawag Foundation präsentiert, und Georges Adéagbo (Benin), in dessen Installationen die eigene Biographie mit Ereignissen aus Geschichte und Gegenwart zu einem narrativen Gesamtbild arrangiert wird, war jüngst in der Innsbrucker Taxisgalerie zu Gast.

Viel Architektur

Viel Architektur ist zudem vertreten. Während die Constant-Retrospektive mit den stadtplanerischen Ideen des Holländers in diesem Rahmen an sich verzichtbar wäre, schafft der Kubaner Carlos Garaicoa visionäre Architekturlandschaften aus unvollendet gebliebenen Gebäuden.

Keine "documenta" ohne Altmeister. Die deutsche Hanne Darboven, die mit Einzelarbeiten schon mehrmals an der Weltkunstschau vertreten war, mit ihrer "mathematischen Musik" exemplarisch zu präsentieren, ist eine Fleißaufgabe. In On Kawaras (Japan/New York) Leseperformance wird die Wichtigkeit von Daten als Maß der Existenz verdeutlicht und die emotionale Qualität der Skulpturen von Louise Bourgeois (Paris/New York) ist ohnehin ungebrochen.

Auf Jeff Walls schon älterer Fotoarbeit "The Invisible Man" erzeugt ein Mann in einer ärmlichen Kellerwohnung mit über 1000 Glühbirnen jene Helligkeit, die ihm Gewissheit über die eigene Existenz sowie Hoffnung verleiht. Doch draußen lässt Cildo Meireles (Brasilien) Wassereis verteilen. Mit dem Preis von einem Euro sollen Produktions- und Verkaufskosten abgedeckt sein. Das Eis besteht allein aus jenem reinen Rohstoff, der auf der Erde zunehmend knapp zu werden droht.

Die fünf "documenta"-Farben stehen für die vier Vorveranstaltungen und die eigentliche Weltkunstschau als "Plattform 5". (Fotos: Dietrich)

Es stellt sich die Frage, wie mit den Folgen des Imperialismus, der Strukturen zerstört hat, umgegangen wird.

OKWUI ENWEZOR

Die Architektur-Fantasien des Kubaners Carlos Garaicoa gründen auf Bauruinen in der kubanischen Hauptstadt Havanna.

Annette Messager (Frankreich) thematisiert mit per Seilzug bewegbaren Stofftieren Schmerz, Grauen, Gewalt, Unterdrückung.




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