16.01.2003 19:53
Erdkunde für Fortgeschrittene
Geografie als kulturelle Kategorie, als Denkmodell in einer Ausstellung
der Generali Foundation
Fünf internationale Künstlerkollektive widmen sich in
ihren Projekten dem Thema "Geografie und die Politik der Mobilität".
Wien - Mit dem genießerischen "Leben ohne Begrenzungen" wirbt Ralph
Lauren, die Werbung für "Escape" von Calvin Klein zeigt ein umschlungenes Paar
am Strand. Diese Bilder mischt die Gruppe Frontera Sur RRVT in die ikonografsch
vergleichbaren Fotos von gestrandeten Boat-People, von arretierten Einwanderern
an südeuropäischen Küsten.
Die Konstante für Touristen, illegale
Immigranten und diese Werbebilder bildet das Meer, das für Frontera Sur alles
andere als die große gemeinsame Verbindung von Menschen darstellt. Ein
witzig-makabres Videospiel illustriert die Laufbahn eines Immigranten, Level 1:
Geld beschaffen (Touristen bestehlen), Level 2: Fahrt übers Meer usw. Dann
"Arbeit in einer der Gemüseplantagen" - wobei ein ausgewachsenes Gewächshaus wie
ein Kunstobjekt im Ausstellungsraum steht. Es gehört zur Diaserie "Temporary
Existences, Fluctuating Spaces".
Das Kollektiv Frontera Sur ist eines von
fünf, welche die Schweizer Künstlerin und Kuratorin Ursula Biemann zum Thema
"Geografie und die Politik der Mobilität" in der Generali Foundation vorstellt.
Sie begreift Geografie kulturell, als Denkmodell, als "Modus von Produktion und
Organisation von Wissen". Etwa von Telearbeiterinnen in Indien, welche US-Bürger
beraten oder überwachen (Raqs Media Collective/Delhi), von europäischen
"Gefängnisindustrien" oder Schmugglerpfaden entlang der spanisch-marokkanischen
Grenze.
Diese künstlerischen Navigations- und Repräsentationssysteme,
etwa in Form von wandfüllenden Piktogramm-Atlanten des französischen Bureau
d'études, dienen vor allem seit den 60er-Jahren als beliebtes
Anschauungsmaterial diverser Arten von politischer Kartografie - siehe etwa
documenta-X-Wiederentdeckung Öyvind Fahlström. Das zweiköpfige, durch einen
Journalisten unterstützte Kunstbüro analysiert etwa die Geldflüsse und
Machtströme von kirchlichen Organisationen, von der Rothschild-Familie oder vom
Info-War (DER STANDARD berichtete).
Ein
Modell von Marko Peljhans in abgelegenen Orten stationiertem und durch
Kooperation von Künstlern und Wissenschaftern materialsammelndem "Makrolab"
lässt u.a. globale Informationsströme nachvollziehen, möglicherweise bald "live"
im Falle eines Krieges im Irak . . . Endgültige Ergebnisse aus diesen
gesammelten und in eher künstlerischen Systemen geordneten Daten plant das
Kollektiv nach zehn Jahren seines Bestehens, also 2007, zu
veröffentlichen.
Das Luxusschiff "Odessa", das wegen Konkurses der
Mutterfirma jahrelang samt Besatzung im Hafen von Neapel vor Anker lag, eine
abgeschottete Welt für sich, ist eines der Themen der Mailänder Gruppe
multiplicity. Eine Menge Textmaterial dazu ist auf spiegelnden Oberflächen in
Weiß auf schwarzem Videobild zu lesen - im Hintergrund fährt eine
Unterwasserkamera den Meeresboden ab. Spätestens da stellt sich die berechtigte
Frage, ob die Ausstellung nicht mehr als ein mit Videos illustrierter
Zeitungsartikel ist. Aber der Text ist es wert. (DER STANDARD, Printausgabe,
17.1.2003)