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Zur künstlerischen Arbeit von Nina Rabinowich/ Von Sabine Lackner
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Kunst und handwerkliche Freiheit

300 Jahre Wiener Zeitung!Ein altes Wiener Zinshaus mit einladend breiten Treppen. Ein großes Vorzimmer mit alten Möbeln im bürgerlichen Stil und vergilbten Wänden. Vier Gemälde hängen hier. Jedes gemalt von einem Familienmitglied: Vom verstorbenen Mann, von den beiden Töchtern und von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich (im weiteren Text kurz Nina Rabinowich genannt). Bereits ihr Vater beschäftigte sich in St. Petersburg, wo sie geboren wurde, mit Malerei. Ihre Mutter war Kunsthistorikerin. An der Muchina, der Hochschule für angewandte Kunst, absolvierte Nina Rabinowich eine klassische künstlerische Ausbildung. Mittlerweile lebt sie bereits 25 Jahre in Wien. Und beinahe genauso lang in ihrer Wohnung, welche sowohl großbürgerliche Vergänglichkeit ausstrahlt als auch die Offenheit und Gemütlichkeit einer Studenten-WG.
Die Wohnung spiegelt einen Teil ihrer Persönlichkeit wider: Einerseits die Ernsthaftigkeit und Reife einer erwachsenen Frau, die die Geschichte Europas als jüdische Emigrantin miterlebte. Andererseits die Jugendlichkeit einer innerlich Aufwachsenden, deren jungfräuliche Betrachtungsweise sich in ihrer humorvollen Malerei niederschlägt. Als Malerin wirkt sie sehr jung, obwohl oder gerade weil sie erst mit 47 Jahren begonnen hat, Künstlerin zu sein. Vorher sagte sie nur, dass sie male. Heute spricht sie selbstbewusst davon, dass sie eine Malerin sei. Den Rat und die Bestätigung zum vollkommenen Einstieg in die einkommensunsichere Tätigkeit als Künstlerin holte sie sich von einer Supervisorin: "Wenn du 90 Jahre alt wirst, dann stehst du nun in der Mitte deines Lebens." Das erinnerte sie an ihr künstlerisches Vorbild, Barbara Bubnova, eine lange in Japan lebende russische Künstlerin, die nie in ihrer Entwicklung stehen blieb und sich noch mit 94 Jahren weiterentwickelte. "Je älter sie wurde, desto freier malte sie", so Rabinowich über ihr Vorbild. Um sich künstlerisch zu befreien, muss man erst eine Technik erlernen. "In der Kunst gibt es ein Handwerk, das man beherrschen sollte, dem man sich aber nicht unterwerfen darf", sagt die Künstlerin und Kunstpädagogin, die wenig von Amateurmalerei hält.
Eine pädagogische Herausforderung, denn mit ihren Schülerinnen übt sie das Kunsthandwerk, ohne ihnen dabei ihre Begeisterung nehmen zu wollen. Ihre eigene sukzessive Befreiung von Konvention und klassisch erlernter Maltechnik ist in ihren Bildern über die Jahre hin erkennbar. Die in ihr verwurzelte klassische Ausbildung erschwert ihr beispielsweise, abstrakt zu malen.
Die größte Freiheit von der einengenden Konvention der akademischen Ausbildung verspürte Rabinowich schon immer beim Malen von Porträts, ein Bereich, der sie in der Malerei am meisten fasziniert. Sie malt Selbstporträts von ihrem Spiegelbild oder aus dem Gefühl heraus, das sie gerade spürt. Unter ihren Werken sind zahlreiche aus verschiedenen Blickwinkeln gemalte Selbstporträts und Porträts von Menschen aus ihrer Umgebung, neuerdings als Märchenfiguren dargestellt. Ein guter Schuss Humor zeigt sich in ihren Porträts von Sesseln, reale Objekte, die in ihrer Wohnung zu finden sind. Die selbstbewusste Königin, die ihren überdimensional großen Sessel machtbewusst genießt, oder der König, der sich auf seinem Thron sichtlich unwohl fühlt, stammen aus der Gefühlswelt der Künstlerin mit ihrer malerischen Interpretationsgabe.


Erschienen am: 11.04.2003

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