Ein ganzes Jahr hat sich die Künstlerin mit
dem Museum, seiner Geschichte, den vielen Exponaten im Depot wie den
Kustoden auseinandergesetzt. Ganz im Sinne des Wiener Mythos vom
Gesamtkunstwerk zeugt davon ein Gruppenfoto ausschließlich mit
Kustodinnen, das jene historische Aufnahme der rein männlich agierenden
Secession um 1900 kritisiert. Die Rolle der Frau am Kunstmarkt, aber
auch die Benachteiligung in den Wissenschaften ist ein Themenkomplex,
dem sie mit Einzelfragen zu Gehirn, Religion, Vagina und Heirat
erarbeitet.
Ein weiterer ist die für Krystufeks
Generation unumgängliche autobiografische Einbeziehung von Lebensräumen
und Alltagsproblematik: So ist die eigene Küche als chaotisches und
unappetitliches Kunstlabor nachgebaut worden und stellt sich in
Konkurrenz zu Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Variante von
1926-1930.
Design und Mode
Als dritte Schiene hat Krystufek selbst Designobjekte und Mode
entwickelt, die zum Teil stark an die Siebzigerjahre erinnern; dazu
kommen auch reine plastische Objekte wie ein in zwei Hälften geteiltes
Gehirn. Dessen linke, logische, Hälfte ist mit Lampen illuminiert, in
der rechten stehen unbeleuchtet gerahmte Zitate, wohl als Zeichen für
die sogenannte emotionale Intelligenz. Diese gibt der Schau den
Übertitel "Liquid Logic" – offenbar im Gegensatz zur starren
wissenschaftlichen Analyse. Der Untertitel spielt mit unpassenden
Begriffen wie "sezieren" und "generieren."
In der Mitte der zentralen Halle steht ein weißer Zelteinbau, in dem
der Film "Dr. Love on Easterisland" gezeigt wird. Ihn drehte die
Künstlerin als Hommage und Aneignung der Person des holländischen
Künstlers Bas Jan Ader, der mit einem Segelboot 1975 verschwand. Als
"Dr. Love" kommentiert sie janusköpfig das Rätsel um das Volk der Rapa
Nui auf den Osterinseln und ihre Moai-Statuen als ungenügende Leistung
der Ethnologie. Die Grenzgänge von der Ratio in die Religion sind hier
auch angesprochen.
Widersprüchliches
Die fiktiven, dem Exotismus verfallenen Reisen, wie sie in und durch
Museen nachvollziehbar werden, hat Lisl Ponger allerdings schon vor
Jahren mit Fotografien im Völkerkundemuseum inszeniert. Neu ist hier
der Hinweis auf das mögliche Verschwinden von Kunst und das
Vereinnahmen von Künstlern wie Bas Jan Ader durch Museen.
Doch da bleibt zumindest ein Widerspruch stehen: Trotz massiver
Institutionskritik streben auch Künstlerinnen Personalen dieser Art an.
Der Masochismus ist denn auch ein das Fließen behindernder Keil in
diesen persönlichen Korrekturen für das MAK und seine historischen wie
jetzigen Kustoden: Die angebliche Kälte der Wissenschaftler, denen die
flüssige chaotische Logik abgeht, weil sie keine assoziativen Ketten,
sondern strukturelle bilden, ist ein Mythos. Die früheren
Geisteswissenschaften haben sich längst gewandelt, doch ist das
Korrektiv, das die Künstlerinnen und Künstler derzeit der Wissenschaft
entgegensetzen, wieder sehr zeitgeistig.
In der Aufstellung der gewählten Exponate von Vally Wieselthier bis
Padhi Frieberger zeigt sich aber nur der Impetus der Privatsammlerin.
Trotz an die Wand gehängter Bilder mit Kommentaren, die zum Teil auch
direkt auf den weißen Putz gepinselt sind, ist dieser Bereich vom
Generalbass aktueller Dialektik beherrscht. Die wie immer ausgezeichnet
gemalten Selbstbildnisse gehen im Gebaren des erweiterten Kunstbegriffs
unter.
Elke Krystufek
Liquid Logic
MAK
Zu sehen bis 1. April 2007
Krampfhafte Gegnerschaft.
Dienstag, 05. Dezember 2006