Einen sterbenden Menschen ausstellen. Das will der deutsche Künstler Gregor Schneider. Und irritiert damit nachhaltig. Wie umgehen mit einem solchen erst einmal abstoßenden Ansinnen, wenn es von einem ernsthaften Künstler stammt? Der heute 39-Jährige ist kein platter Provokateur, er gilt als „unheimlichster Künstler der Gegenwart“, baut seit Mitte der 80er-Jahre an seinem „Haus u r“ in Rheydt, einem Labyrinth wie aus einem Psychothriller, in dem er eine Art paranoide Psychologie der Räume durchdekliniert. 2001 erhielt er für den Nachbau dieses beklemmenden Lebenswerks den Goldenen Löwen der Biennale Venedig.
Und jetzt also, schlüssig im Werk, wieder ein Raum. Ein Raum zum öffentlichen Sterben, den Schneider in einem Museum einrichten will – wann und wo ist unklar, mit einem Freiwilligen, einem Kunstsammler, soll er schon in Kontakt stehen. Die Verwandten müssten einverstanden sein, die Wünsche des Sterbenden stünden absolut im Mittelpunkt, versichert Schneider – und außerdem muss ja niemand hingehen.
Was
also verstört uns daran so? Wird doch in unserer Gesellschaft schon
längst Privatestes an die Öffentlichkeit gezerrt oder bereitwilligst
preisgegeben. Sind doch die unvorstellbarsten Todesarten in Film,
Fernsehen, Computerspielen permanent abrufbar. Dabei können wir den
realen Tod trotzdem nicht ertragen, den marginalisieren, verdrängen,
entwürdigen wir, will Schneider uns sagen. Dennoch stutzen wir vor
diesem angeblich so hehren Ansinnen.
Das Problem ist die
Eins-zu-eins-Umsetzung von Leben, in diesem Fall von Sterben in die
Kunst. Welche Erkenntnis soll das bringen? Am ehesten wohl noch die,
dass der Tod eben nicht diese angebliche „Schönheit“ besitzt, die
Schneider zeigen will. Denn diese findet man nicht im Körper eines
Sterbenden, sondern höchstens im Pathos des letzten Augenblicks. Die
Unmöglichkeit, diesen zu vermitteln, musste man aber schon in anderen
künstlerischen Arbeiten feststellen – zuletzt etwa in dem Video, in dem
die französische Künstlerin Sophie Calle die letzten elf Minuten ihrer
Mutter filmte. Sie konnte den Moment des Todes dennoch nicht fassen, er
bleibt in der Aufzeichnung verborgen. Die Meisterin des Todes in der
heutigen Kunst aber ist Teresa Margolles. In ihren Objekten und
Installationen – etwa einem Raum voller Seifenblasen aus dem
Waschwasser des Leichenhauses in Mexico-City – sublimiert sie das
Sterben in seiner unwürdigsten Form, nämlich anonym im Moloch, derart
unpathetisch, dass wir mit dem Unvorstellbaren umgehen können. Man
verfällt nicht in sofortigen Schock, Abwehr oder Panik, sondern kann
sich der Betroffenheit vorsichtig stellen.
Die Gedanken beginnen zu fließen, werden in unbekannter Form in unbekannte Bahnen gelenkt. Das ist gute Kunst. Ein tatsächlich sterbender Mensch in einem Museum, an einem neutralen Ort, freiwillig enthoben, entledigt seiner Biografie, muss als reines Objekt betrachtet werden, als entmenschlichte Allegorie des Todes, das makabre Tableau vivant einer zeitgenössischen Vanitas-Darstellung. Nach Kants praktischem Imperativ hätte er keinen „Zweck“ mehr, sondern wäre „bloß als Mittel“ gebraucht, um für den Künstler „Schönheit“ zu verkörpern. Das ist mir für Kunst zu wenig. Und zum Sehen dennoch zu viel.
almuth.spiegler@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2008)
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