Wer Augen hat, der höre!
(cai)Was macht eine Zitrone auf einem
Plattenspieler? Sie dreht sich. Nein, das ist keine Scherzfrage für
Spartaner, also für Anspruchslose. Die Zitrone gibt es wirklich. Die
ist der Star einer kinetischen Skulptur. Eigentlich liegt sie ja reglos
auf dem Plattenspieler droben, und der ist es, der rotiert.
Auf einem zweiten Plattenspieler. Hm. Dürfte ein Manifest sein: "Ich,
Michael Gumhold, bin sauer!" Blödsinn. Es ist natürlich ein Rätsel. Und
die Lösung lautet.. .
Woher soll denn ich das wissen? Egal. Vermutlich handelt es sich
sowieso um einen absurden Witz. Und die Zitrone ist die Pointe. Eine
sehr musikalische sogar. Denn was der Gumhold hier aufgelegt hat, ist
tatsächlich ein Stück von Bach. Tschuldigung: von Stein bach,
Haim Steinbach (dem Künstler). Das Südfrüchtchen ist von einem seiner
Regale geplumpst. Irgendwie paradox: Da setzt sich einer mit einem weit
verbreiteten akustischen Phänomen auseinander (bekannt als "Musik") und
das einzige Geräusch, das man in der Galerie hört, ist das Summen der
Putzfrau. Na ja, keine echte Putzfrau. Eine Reinigungskassette, die
grad Tonköpfe säubert. (Ein professioneller Zuhörer putzt sich vor
einem Konzert ja auch die Ohren mit einem Wattestaberl aus.)
Gumhold verwebt mit seiner rohen Ästhetik, die eine anziehend
handfeste Anmut besitzt, elegant Musik und Kunstgeschichte. So baut er
aus lauter alten Audiokassetten einen Korridor. (Wäre der eine Spur
enger, könnte er glatt von Bruce Nauman sein.) Diese "Walls of Sound"
spielen auf Phil Spector an, den Musikproduzenten, auf sein reiches
Klangpanorama. Und weil eine häufige Nebenwirkung von Musik rhythmische
Muskelkontraktionen sind (sogenanntes Tanzen), gibt’s auch einen
Tanzboden. Im Stil von einer Bodenarbeit von Carl Andre (nein, Carl
Andre ist kein Fliesenleger). Tumbe Toren, die die Zitate nicht erkennen, werden das halt bloß "ganz nett" finden.
Malen ohne Sauerstoff
(cai)Wer ist das? Er läuft ganz allein auf einer grasgrünen Fläche
herum. Antwort: ein ungedeckter Stürmer. Gottfried Leitner ist zwar
weder Stürmer noch Fußballtrainer (glaub ich zumindest) und trotzdem
weiß er, wie man eine ansonsten fade Farbfläche belebt. Meistens setzt
er dort seinen Sohn Felix aus. Zum Beispiel im strengen, raumlosen
Himmelblau, wo der Bub ziemlich verloren herumschwebt. Bei den
Seeschwalben. Und theoretisch hat der Felix dort gar keinen Sauerstoff
zum Atmen. Jedenfalls sehen diese diszipliniert gepinselten, stillen
Bilder relativ luftleer aus. Ja, der Mann aus Mautern kann malen. Und
seine perfekte Pinselbeherrschung erschöpft sich nicht in
fotorealistischer Angeberei. Noch in der brutalsten Glätte entdeckt man
so etwas wie Farbromantik. Sentimentale Übergänge. Gut, die Requisiten
sind ein bissl plakativ symbolisch, geradezu aufdringlich (ein
Sprungbrett ins Nichts, ein Seil führt ins Licht). Aber, was soll’s.
Zuletzt wird Leitners Bildsprache freilich immer sparsamer und
schlamperter. Hoffentlich überlegt er es sich wieder anders.
Farben machen satt
(cai)Die Bilder von Kurt Freundlinger sind äußerst nahrhaft. Die
verhalten sich zu einem Aquarell wie Erdnussbutter zu Kamillentee. Das
liegt an den hochprozentigen Farben. Sein Rot (in allen möglichen
Nuancen) ist sowieso scharf. (Nicht dass einem die Augen schon vom
Hinschauen brennen täten.) Die Körndln in der Masse sind natürlich kein
Chilipulver, auch kein Pfeffer, sondern Sand. Gschmackige Farbregie,
ruhige, kompakte, abstrakte Kompositionen. Passt.
Georg Kargl Fine Arts
(Schleifmühlgasse 5) Michael Gumhold Bis 2. Mai Di. – Fr.: 11 – 19 Uhr Sa.: 11 – 15 Uhr
Galerie Lang Wien
(Seilerstätte 16) Gottfried Leitner Bis 21. April Di. – Fr.: 12 – 18 Uhr Sa.: 11 – 16 Uhr
Galerie Sur
(Seilerstätte 7) Kurt Freundlinger Bis 10. April Do., Fr.: 15 – 19.30 Uhr Sa.: 10 – 13 Uhr
Printausgabe vom Mittwoch, 08. April 2009
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