Lucian Freud, „Ingres des Existentialismus”, ist gestorben

Analyse des Fleisches


Lucian Freud, hier in einem Selbstporträt.

Lucian Freud, hier in einem Selbstporträt.© EPA Lucian Freud, hier in einem Selbstporträt.© EPA

Nach Francis Bacon war der 1922 in Berlin geborene Lucian Freud der bekannteste naturalistische Figurenmaler seiner Generation und der „School of London” nach 1945, einem Gruppenkonstrukt von Ausstellungsmachern. Statt die Realität in der Malerei zu verbessern, pflegte er, das menschliche Fleisch mit dem Pinsel erbarmungslos zu analysieren. Deshalb wurde ihm nachgesagt, er hätte den Köper, Sigmund Freud die Seele im Visier gehabt. In England war der Zeichner und Maler bald bekannter als der Erfinder der Psychoanalyse und wie Bacon ab 1980 nahezu unerschwinglich. Und das, obwohl er Menschen älter und gröber machte als in Wirklichkeit - so auch 2002 Queen Elisabeth II. An ihrem herben Porträt gab es viel Kritik. Als „Ingres des Existentialismus” reihte ihn der Kunsttheoretiker Herbert Read in die Kunstgeschichte ein. Lucian Freud liebte unter den Franzosen besonders Chardin und Cézanne und stellte seine Modelle nach deren Bildern.

1933 ist er in London als Flüchtling angekommen, 1939, im Todesjahr seines Großvaters, wurde er britischer Staatsbürger und schon 1954 vertrat er das Land mit Bacon und Ben Nicholson auf der Biennale in Venedig. Er galt als Wunderkind und erhielt eine langjährige Ausbildung an drei Kunstschulen, 1981 eroberte er die Royal Academy, 1984 die Tate Gallery für Ausstellungen. Er selbst unterrichtete an der Slade School of Fine Arts in London und machte Familie, Freunde und Studenten zu Modellen. Bis auf einige prominente Porträts sind vor allem Freuds Akte in der Kunstgeschichte präsent. Auch sich selbst stellte er in ungewöhnlichen perspektivischen Ansichten vor dem Spiegel dar; die Nachwirkungen der Neuen Sachlichkeit eines Otto Dix oder Christian Schad wichen aber immer mehr einem eigenwilligen Stil. Diesen zu beschreiben, tun sich Kunsthistoriker schwer, da er nur Fakten, keine Geschichten und Sensationen festhielt. Wie vor ihm Gustave Courbet den Körper als solchen entblößte, galten Freuds Fleischberge vielen als Pornografie und er als Vertreter der Avantgarde.

Den Akt „Benefits supervisor sleeping” kaufte Roman Abramowitsch um 34 Millionen Dollar.

Den Akt „Benefits supervisor sleeping” kaufte Roman Abramowitsch um 34 Millionen Dollar.© EPA Den Akt „Benefits supervisor sleeping” kaufte Roman Abramowitsch um 34 Millionen Dollar.© EPA

Lucian liebte wie Sigmund Freud die altägyptische Kunst und dabei vor allem die Lebendmasken der „realistischen” Amarnakunst Echnatons. Sein Pinselstrich, der widersprüchlich Plastizität und Lichtflecken betonte, war aber mehr von Velázquez oder Rembrandt, dessen Werke er als Kind in Berlin sah, beeinflusst. „For me the painting is the person”, sagte der nie emotionslose nachabstrakte Figurenmaler. Für 2013 hat er noch eine Schau im Wiener Kunsthistorischen Museum mitgeplant.




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