Die Brutalität des Barock
Dom zu Salzburg. Dank der Salzburg Foundation und eines Kunstwerks Christian Boltanskis ist die romanische Krypta saniert.
Hedwig Kainberger Salzburg (SN). Der Weg zur Romanik führt immer nach vor und nach links. Betritt man den Salzburger Dom und geht nach links, ist dort ein Reststück der mittelalterlichen Blütezeit Salzburgs: „Die Löwen sind von 1200, das Taufbecken ist von 1311, der Deckel von Toni Schneider-Manzell“ (von 1959, Anm.), sagt Domkustos Prälat Balthasar Sieberer im Vorbeigehen. Bis heute, Samstag, war dieses Taufbecken das einzige Souvenir im Dom, das an die Pracht des Vorgängerbaus (errichtet Ende des 12. Jahrhunderts unter Erzbischof Konrad III.) erinnerte. Geht man durch das linke Seitenschiff nach vor und links die Ende der 1990er-Jahre gebaute Stiege in die Krypta, hat man jene Stelle erreicht, an der die nebenstehende Grafik unten ansetzt. Was als Vorraum wirkt, ist ein Rest des Hauptschiffes der romanischen Unterkirche.
Weiter nach vor und links führt der – heute, Samstag, eröffnete – neueste Weg in den ältesten Raum des Doms, den Chor der romanischen Krypta. Dort erfasst einen zweifaches Staunen: über Brutalität und über Behutsamkeit.
Zur Brutalität: Wie konnte in der Stadt Salzburg ein derart geschichtsträchtiger Raum ein halbes Jahrhundert lang vergammeln? Er war bei archäologischen Grabungen 1956 bis 1958 freigelegt und mit einer Betondecke geschlossen worden. Bis zur jetzigen Sanierung war er nur über ein Loch im Residenzplatz zu erklettern. Wer den Schlüssel hatte, wurde vergessen. Domkustos Balthasar Sieberer erzählte in einer Pressekonferenz am Freitag, er habe irgendwann das Schloss aufbrechen lassen und sei hinuntergestiegen.
Landeskonservator Ronald Gobiet berichtet von einem „tropfsteinhöhlenartigen Charme“, den dieser Raum hatte. 98 Prozent Luftfeuchtigkeit sei gemessen worden, „das heißt, es regnete hier über Jahre“. Und er berichtete von „biogenem Befall“, sprich: Moder, Schimmel, sogar Algen. „Gekappt wie ein Frühstücksei“ Noch mehr als über die Brutalität der Ignoranz staunt man über das, was der Architekt der Sanierung, Andreas Knittel, als „brutale Baumaßnahmen im Barock“ bezeichnet. Erzbischof Wolf Dietrich hatte den Brand von 1598 zum Anlass genommen, die fünfschiffige Konradinische Kathedrale zu schleifen, um Platz für den Neubau zu machen. Schleifen hieß: alles bis auf Höhe des neuen (heutigen) Bodenniveaus abreißen. Der Chor der Krypta sei „gekappt worden wie ein Frühstücksei“, dann mit Dreck und Geröll zugeschüttet, erläutert Andreas Knittel.
Aus Trümmern des Abrisses, sonst herumliegenden Steinen und Konglomeratblöcken wurde der frühbarocke Dom errichtet. Welch Sammelsurium da verbaut ist, wird an der rechten Wand des Durchgangs gezeigt: Feinster Adneter Marmor, Ziegel, ein Flussstein und ein Sandstein sind zu erkennen. All dies ist verklebt mit Mörtel, der sich beim Durchbrechen zum Erstaunen Andreas Knittels als „brutal hart wie purer Beton“ erwies.
Brutalität zeigt sich auch an der barocken Außenwand (rosa). Deren Errichtung hat die romanische Unterkirche irgendwo zwischen Chor und Vierung ärger beschädigt als jede Elefantenherde. Luft und Kunst Auf die barocke Brutalität antworteten die Erneuerer der Krypta mit Behutsamkeit: An Schnitt- und Bruchstellen des Romanischen ließen Architekt Andreas Knittel und Bauleiter Hermann Aigner zarte Spalten. Zum Residenzplatz hin öffneten sie ein Fenster, das Tageslicht herunterfallen und Blicke an der barocken Wucht bis zur Traufe hinauffahren lässt. Die Betondecke von 1959 ist frisch und hell verputzt. Rund um die Apsis ist ein Gang gebaut (die rote Linie markiert die neue Mauer). Dort sind hochmoderne Belüftung sowie indirektes Licht, das ähnlichen Effekt wie einst Alabasterfenster erzeugen soll.
Behutsam ist auch die neue Kunst, die der Franzose Christian Boltanski im Auftrag der Salzburg Foundation installiert hat: Eine sprechende Uhr gemahnt, dass die Zeit verrinnt. Der fliegende Schatten eines Engels und zwölf, im Kerzenschein flackernde Skelettschatten gemahnen an das Lebensende: Todesengel und Totentanz.
Erst das Interesse des künstlerischen Leiters der Salzburg Foundation, Walter Smerling, für diesen Raum und dessen Idee, dort für ein Kunstwerk Christian Boltanski einzuladen, weckte die Bereitschaft, diese Krypta um rund 500.000 Euro zu sanieren und öffentlich zugänglich zu machen. Ein Porträt Christian Boltanskis, weitere Informationen zu seinem Kunstwerk sowie zur Krypta sind in dieser Zeitung in der Sonderbeilage der Salzburg Foundation. Anlässlich der Langen Nacht der Museen heute, Samstag, ist die Konradinische Krypta von 20 bis etwa 1 Uhr früh geöffnet.




















