Nur das Hendl war Zeuge
Von Claudia Aigner
Man könnte meinen, die Teilnehmer an einem
Mehrpersonen-Geschlechtsverkehr hätten sich beim Entknoten anatomisch
nicht mehr so richtig ausgekannt. Und am Ende hätte jeder einfach alle
Körperteile, derer er in dem Durcheinander habhaft werden konnte, an sich
gerafft und irgendwie zusammengesteckt. Und so ist halt jemand mit zwei
Köpfen, drei "Gspaßlaberln" und vier Brustwarzen heimgegangen. Für
ihre Rorschachtest-Bilder (die als solche ja das Unbewusste des
Betrachters hochkommen lassen sollen) ist Candice Breitz freilich bloß mit
der Schere über Pornomagazine hergefallen, hat die ausgeschnittenen
Körperfragmente fantasievoll zusammengeklebt und dann wie ein Klatschbild
gespiegelt. Diese Fleischkleckse von überraschender ornamentaler Schönheit
"beweisen" nun ironischerweise, dass alle immer nur an das eine denken: an
"fünf plus eins". (Die Bilder lassen ja gar keine anderen Gedanken zu.)
Noch bis 30. September gibt sich die Fotogalerie (Währinger Straße 59)
der Pornografie hin und kriegt gerade noch die prekäre Balance zwischen
vordergründigen "Ferkeleien" und hintergründiger Obszönität hin. Alfred
Wetzelsdorfer, der sowieso keiner ist, der sich besonders zurückhält,
beherrscht die hohe Kunst der aufdringlich banalen (aber umso amüsanteren)
Zensur. Wo andere einen einfallslosen schwarzen Balken machen würden, da
rennt ihm ein Pipperl ins Bild: Auf die Nahaufnahme von zwei oder mehr
Geschlechtsteilen in Aktion pickt Wetzelsdorfer nämlich kurzerhand ein
Pippihendi oder etwas anderes, das völlig unbedenklich ist. Im Grunde
genommen ist das viel provokanter als es die ungestörte Sicht je hätte
sein können. Jeder auch nur halbwegs von Beate Uhse aufgeklärte Blick
sieht aber sowieso problemlos hindurch. Die brillanten
symbolträchtigen Fotocollagen von Magdalena Frey sind im intimsten Sinne
des Wortes alles andere als "schamlos", denn so viel Scham zeigen sonst
nur Genitalkünstlerinnen diverser Hormonfilme her (dass man eigentlich
schon bis zu ihrem Eisprung sehen müsste). Eine große Schamlippe
verschmilzt mit einem bodenlangen viktorianischen Kleid, das die weibliche
Intimregion prophylaktisch gleich bis über die Knöchel verdeckt. Unter dem
Reifrock fährt aber trotzdem ein vielsagender Lkw herum. Und wenn
Daniel Brunemer mit seinem Fotoapparat Menschen beobachtet, die sich in
ihren Schlafzimmern redlich bemühen, es mit professionellen
Hardcore-Szenen aufzunehmen, dann hat das mitunter etwas mitleiderregend
Komisches. Es ist ein bisschen wie mit der Henne und dem Ei. Man fragt
sich: Was war früher da: die Pornografie oder der private Gebrauch der
Geschlechtsorgane? Brunemer hat die Einsamkeit der unromantischen
Zweisamkeit eingefangen oder gleich die ungeschönte Einsamkeit, die man
mit sich allein verbringt. (Das ausdrucksstärkste Foto ist vielleicht
ohnedies das leere Bett eines gewissen Michel.)
Erschienen am: 20.09.2000 |
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