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Kunstberichte
Das Wien Museum zeigt in der Hermesvilla die erste umfassende Werkschau des Malers Josef Engelhart

Populärer Chronist Wiener Szenen

Zwischen Opulenz und Lumpenproletariat, zwischen Bel Etage und Parterre: Mit Wiener Typen, darunter Salondamen, Strizzis, Wäschermädeln, wurde Engelhart zum populären Chronisten eines verschwindenden Wiener Alltags. Im Bild: "Badende" (1896/97). Foto: VBK, Wien, 2009

Zwischen Opulenz und Lumpenproletariat, zwischen Bel Etage und Parterre: Mit Wiener Typen, darunter Salondamen, Strizzis, Wäschermädeln, wurde Engelhart zum populären Chronisten eines verschwindenden Wiener Alltags. Im Bild: "Badende" (1896/97). Foto: VBK, Wien, 2009

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Er war um 1900 einer der erfolgreichsten österreichischen Maler. Mit seinen effektvollen Malereien, der Bildhauerei und Essays begeisterte er das Wiener Publikum. Zudem war er Begründer der Wiener Secession. Heute ist Josef Engelhart (1864 bis 1941) weitgehend unbekannt.

Das Wien Museum widmet dem "Allesversucher" wie ihn Ludwig Hevesi, der bekannteste Kunstjournalist um 1900, nannte, in der Hermesvilla nun eine große Ausstellung. Dabei wird auch seine Rolle als zweimaliger Präsident und als Spalter der Secession um 1905 beleuchtet: Engelhart und die Naturalisten blieben in der Secession, während Gustav Klimt und die modernen Stilisten austraten. Zudem zeigt die Schau seinen Aufstieg aus der Erdberger Vorstadt in die bürgerlichen Kunstsalons auf. Der Fleischhauersohn heiratete in die Industriellenfamilie Mautner-Markhof ein, blieb aber vor allem Chronist der Wiener Wäschermädeln, Kellner, Fiaker – und sogar Landstreicher.

Die Porträts der Alt-Wiener-Typen trafen seinerzeit den allgemeinen Geschmack. Am Anfang seiner Laufbahn war der Maler Engelhart durch die Ausbildung an der Wiener und Münchner Akademie sowie durch Reisen nach Paris von den Impressionisten geprägt. Sein Talent zeigte sich vor allem in der Adaption vieler Stile – in seinen Salonbildern findet man Anleihen an Eduard Manet und Henri de Toulouse Lautrec, in der Plastik Constantin Meunier und sogar Auguste Rodin. Doch auf die Offenheit der sozial engagierten Anfänge folgt ein eher konventionelles, wenn nicht gar als konservativ einzustufendes Spätwerk.

In der Postmoderne sind weder der Stilpluralismus noch die Wertehierarchie Ausschlussgrund für eine Personale – wichtig ist der Chronist Engelhart für Wien in jedem Fall sowie für die Erweiterung des Radius der Secessionisten über die immer gleichen Namen Gustav Klimt, Egon Schiele, Kolo Moser und Josef Hoffmann hinaus.

Dabei ist Engelhart als intensiver internationaler Netzwerker entscheidend: Er holte wichtige Künstler von München und Paris in die Secession, er war durch Schach- und Tarockrunden mit der hohen Politik verbunden.

Im schon von seiner Mutter erweiterten Wohngebäudekomplex in der Steingasse schmückte er das Haus mit Fresken, Büsten und ungewöhnlichen Tierplastiken. Zudem bildete er seine Mutter über dem Hauseingang symbolisch als Hausdrachen ab. Er galt jedoch selbst als jähzorniger Patriarch, der seiner Frau Doris, einer Schülerin Tina Blaus, das Malen untersagte.

"Der König der Straßen"

Die Schau geht in Themengruppen chronologisch seinen Stationen nach und hinterfragt auch kritisch den "König der Straße", der den Kontakt zum einfachen Volk "chic" fand. Die Plastiken, vor allem die Modelle seiner Denkmäler, Brunnen und Büsten, sind im Tilgnersaal der Hermesvilla passend präsentiert.

Übrigens waren Viktor Tilgner, der die neobarocken Plastiken der Wiener Ringstraße prägte, und Josef Engelhart einst Tarockpartner. Wenngleich Engelhart nicht frei von Eifersucht war, wenn wieder ein Auftrag vom damaligen Wiener Bürgermeister Karl Lueger an Tilgner erging.

Aufzählung Ausstellung

Josef Engelhart. Vorstadt. Salon

Erika Oehring (Kuratorin) bis 26. Oktober Wien Museum in der Hermesvilla

Printausgabe vom Mittwoch, 08. April 2009

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