Die Art und Weise, Kunst zu präsentieren, hat
sich stark verändert – so wie die Definition von Kunst selbst
Umarmung von Kunst und Leben
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Das Umfeld entscheidet: Bei der Präsentation von Kunst geht es schon
längst nicht mehr ausschließlich darum, welche Werke gezeigt werden. Das
Wie macht den Unterschied. Foto: corbis
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Von Manisha Jothady

Wer macht
Kunst zu Kunst? Wie sieht eine gute Ausstellung aus?

Und sind die Kuratoren im Kunstbetrieb heute die
eigentlichen Künstler?
Wenn wir morgens den Kühlschrank öffnen
und eine Milchpackung herausholen, fragen wir uns nicht: "Was bedeutet
sie nur?" Was aber, wenn sie sich inmitten eines Kunstraums befindet?
Womöglich noch auf einem Sockel. Dann kommt man um Fragen nach der
Aussagekraft dieses herkömmlichen Konsumguts wohl nicht mehr herum. Die
Sinnsuche wird anders verlaufen, wenn die Milchpackung gemeinsam mit
anderen Alltagsgegenständen ausgestellt ist, als wenn sie sich inmitten
von eindeutig erkennbaren Kunstwerken befindet.
Und es wird einen Unterschied machen, ob sie in einer Ausstellung mit
dem Titel "Kunst und Kommerz" zu sehen ist oder in einer zum Thema
Vergänglichkeit.
Ausstellungen betten Dinge in ein inhaltliches Gefüge und verleihen
ihnen dadurch Geltung. Als Orte der Bedeutungsproduktion fordern sie uns
zur Teilnahme an einem mentalen Spiel auf, bei dem wir uns vorstellen,
dass die Dinge zu uns sprechen. Am besten in einer unmissverständlichen
Sprache. Denn Kunst, die als solche nicht erkannt wird, läuft nicht
selten Gefahr, entsorgt zu werden. Legendär etwa die
Fettecke von Joseph Beuys, die 1988 in der Düsseldorfer Kunstakademie
der Sorgfalt einer Putzfrau zum Opfer fiel.
Von angenehmer Berieselung bis hin zur Erschütterung
Der ideale Ausstellungsbesuch kann in Erkenntnis- und Wissenszuwachs,
in angenehme Berieselung und Wohlfühlstimmung, in Irritation, in
Erschütterung und vieles mehr münden. Ausstellungen erzeugen
Erwartungen. Egal, ob sie dem Schaffen eines oder vieler Künstler
gewidmet sind, "Summer of Love", "Hotspots", "Das Unheimliche" oder
"Schönheit" versprechen. Ausstellungstitel überbieten sich oft "mit
programmatischer Schärfe, ironischer Brechung und aktuellem Bezug. Und
scheinen doch alle dem Katalog einer trendigen, aber mittelmäßigen
Agentur zu entstammen", schreibt Peter J. Schneemann. "Nicht selten", so
der Kunsthistoriker, "verbergen sich hinter solch begabter Titelei fast
beliebige, assoziative und additiv funktionierende Zusammenstellungen."
Da sehnt man sich geradezu nach einem Vorschlag, wie ihn Kurator Simon
Sheikh unlängst in einem Vortag an der Akademie der Bildenden Künste
Wien äußerte: Ein kuratorisches Leben lang ein und dasselbe Thema immer
wieder durchzukauen, bis es sitzt. Für schnell gewebte Modethemen wäre
das jedenfalls das Ende.
Überraschungen als Anreiz, Konventionen zu überdenken
Woran aber bemisst man eine gelungene Ausstellung? Eine "gute
Ausstellung überrascht und fordert heraus, versetzt uns in Staunen und
ist dafür verantwortlich, dass wir Konventionen neu überdenken", meinte
die Kuratorin
Bice Curiger unlängst gegenüber dem Magazin "kunstbulletin" auf die
Frage, woran man eine gute Ausstellung erkenne. "Eine gute Ausstellung
ist für mich wie eine Entdeckungsreise, hinterlässt einen
Gesamteindruck, der lange im Gedächtnis haften bleibt", sagt ihre
Kollegin Angeli Sachs im selben Band. Was beide ansprechen, geschieht
dabei nicht voraussetzungslos. Ausstellungen sind Mitteilungen und
sollten daher die Möglichkeiten und Bedürfnisse ihrer Adressaten
berücksichtigen. Nicht nur was, sondern vor allem wie präsentiert wird,
trägt entscheidend zur Aussagekraft eines Ausstellungskonzepts bei.
Wie eine gute Erzählung wird auch eine gelungene Ausstellung einer
Dramaturgie folgen, die das Gezeigte nachvollziehbar macht. Erst dann
wird sich das Staunen, das lustvolle Entdecken, die neue Sichtweise und
der nachhaltige Gesamteindruck einstellen, der im Idealfall sogar alle
vorangegangenen Erwartungen übertrifft.
Ausstellungsarchitektur und -design können dabei eine ebenso
bedeutende Rolle spielen wie etwa die Qualität von Wandtexten. Mit
Kopfhörern in einer Sofalandschaft lümmelnd, will man sich auf ein
45-minütiges Video gerne einlassen. Dagegen wird man vor einer
Werkbeschreibung, die einer philosophischen Abhandlung gleicht,
womöglich ebenso kapitulieren wie vor dem Exponat selbst. Eigens in den
Ausstellungsraum eingezogene Stellwände können als klaustrophobisch
empfunden werden. Sie können aber auch das Gefühl des Eingebundenseins
vermitteln, des geschickten Gelenktwerdens durch ein Stück Realität, das
einem bislang verschlossen blieb.
Die Kunst des Ausstellungsmachens besteht also in weit mehr als in
der Auswahl und Anordnung von Artefakten. Eine gelungene Ausstellung
lebt von einer vermittelnden Inszenierung, die das Eintauchen in alle
Einzelheiten eines beziehungsreichen Gesamtgefüges im Visier hat. Dass
die Möglichkeiten der klassischen Orte Museum, Kunsthalle und Galerie
dabei ganz andere sind als die jener zahlreichen Initiativen, die
aufgelassene Geschäftslokale, Unterführungen, Privaträume und andere
kunstfremde Orte bespielen, versteht sich von selbst. Doch die
brüderliche Umarmung von Kunst und Leben kann schließlich allerorts
stattfinden.
Rollenwechsel von Kurator, Künstler und Kritiker
Das zeigte 1991 auch der damals 23-jährige und inzwischen längst
international renommierte Kurator Hans Ulrich Obrist mit seiner ersten
Ausstellung "World Soup". Schauplatz war die Küche seiner St. Gallener
Wohnung. Zwei Jahre später bespielte er mit Arbeiten von 70 Künstlern
ein nur 12 Quadratmeter großes Hotelzimmer in Paris. Projekte an anderen
kunstfremden Orten folgten ebenso wie solche, in denen Obrist die
festgefahrenen Ordnungsmuster der Museumsausstellung sprengte. In der
Ausstellung "Take me (I’m yours)", die 1995 in der Londoner Serpentine
Gallery stattfand, waren die Besucher zur aktiven Mitgestaltung
aufgefordert. An einer Altkleidersammlung des Künstlers Christian
Boltansky etwa konnte man sich frei bedienen.
Obrists experimentelle Handschrift erinnert eher an die Tätigkeit des
Künstlers als an die des Kurators. Was einst das Werk eines Künstlers
auszeichnete, nämlich sein Stil, gilt seit den späten Sechziger Jahren
auch für die Arbeit des Kurators. Im modernen Ausstellungsbetrieb ist
der Starkurator dem Starkünstler ebenbürtig geworden. Das wirft die
Frage auf, ob damit Kuratoren die eigentlichen Künstler sind.
Längst sind die Rollenverteilungen im Kunstbetrieb aufgeweicht:
Kuratoren, die ihre Ausstellungen als Gesamtkunstwerk betrachten, und
Künstler, die das Kuratieren als Kunstpraxis betreiben. Bedenkt man,
dass beide Berufsgruppen sich oft auch als Kritiker betätigen, ist die
Abwandlung der bekannten Alliteration mit den drei K perfekt.
Abseits des Personenkults um den Kurator hat sich in den vergangenen
Jahren aber auch das Verständnis etabliert, dass Ausstellungen Thesen
und Wertungen formulieren. Die Kunst des Ausstellungsmachens besteht
demnach vor allem in einem: theoriebildend auf die
Kunstgeschichtsschreibung einzuwirken. Und dies möglichst nachhaltig.
Printausgabe vom Mittwoch, 26. Mai 2010
Online
seit: Dienstag, 25. Mai 2010 17:39:00
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