Von der Vernetzheit der Welten

Ausgehend von den im Vorfeld stattfindenden Diskussions-
plattformen fächert die Documenta11 die Praxis von Kunstschaffen an verschiedensten Orten der Welt gekonnt auf.
Von Friedrich Tietjen.


Eigentlich wurde die Documenta11 nicht erst am vergangenen Freitag in Kassel eröffnet, sondern am 15. März 2001 in Wien: Damals begann in der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz als erste Plattform das Symposium Democracy Unrealized, der weitere in Neu Delhi, St. Lucia und Lagos folgten.

Keine postkoloniale Konstellation

"Studio Kozaric" von Ivan Kozaric / ©Bild: APA
Setzte man sich dabei nicht nur in der Wahl der Orte, sondern auch der Themen über herkömmliche Grenzen der Kunstwelt hinweg, so ist dieser internationale Anspruch in der Ausstellung eher abgeschwächt präsent: Zwar stammt ein großer Teil der vertretenen Künstlerinnen und Künstler nicht aus den USA und Europa, doch die meisten von ihnen leben mittlerweile in Ländern mit funktionierendem Kunstmarkt. Die Frage, ob das nicht problematisch sei, wehrte Okwui Enwezor als künstlerischer Leiter der Documenta11 auf der Pressekonferenz ab, weil sich die These vom Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie in einer Krise befinde: "Die postkoloniale Konstellation ist nicht das Anderswo des Westens."

Konzentration erforderlich

Mag man darüber auch geteilter Auffassung sein, so lässt sich die Ausstellung in anderer Hinsicht als so subtiler wie nachdrücklicher Widerspruch gegen gängige Strategien der Kunstrezeption lesen: An der Masse und Qualität der ausgestellten Werke scheitert jeder Versuch, innerhalb eines Tages sich einen Überblick über den Stand der Gegenwartskunst verschaffen zu wollen, weil klassische Genres wie Malerei und Plastik eher spärlich, Foto- und Videoarbeiten dagegen um so zahlreicher vertreten sind.

Ohne überladen zu wirken, erzwingt die Ausstellung Konzentration, Reflexion und den Blick über die Tellerränder der Kunst, und schließt damit an jenen politischen Gestus an, der die ersten vier Plattformen prägte.

"Das Wissen über die Welt" von Frederic Bruly Bouabre / ©Bild: APA

Unsichere urbane Welten

Orientierte sich schon die letzte Documenta nicht mehr an der ohnehin zweifelhaften Idee einer Werkschau der Gegenwartskunst, ist dennoch auffällig, wie straff und thematisch fokussiert die Ausstellung dieses Jahr ausgerichtet ist, ohne überladen zu wirken. Eindrucksvoll wird dies vor allem in der Ausstellung im Kulturbahnhof deutlich: Die dort gezeigten Arbeiten widmen sich vor allem Problemen der Organisation urbanen Lebens und bilden dabei ein Netzwerk gegenseitiger Bezüge.

"New Manhattan" von Bodys Isek Kingelez / ©Bild: APA
Klassisch gewordene Positionen wie die Industrie- und Häuserfotografien der Deutschen Bernd und Hilla Bechers stehen dabei neben den fiktiven Stadtlandschaften des Kongolesen Bodys Isek Kingelez, und der Südafrikaner Kendell Geers dokumentiert die Hinweise privater Wachdienste an den Hausmauern Johannesburger Vorstädte. Seine Bilder korrespondieren mit den Arbeiten der von dem Libanesen Walid Ra'ad gegründeten Atlas Group, die unheimliche Dokumente aus den Jahren des Bürgerkrieges im Libanon zeigen: Sicherheit ist kein Zustand, sondern eine Ware, die nicht überall und nicht für alle erhältlich ist.

Fish Story

Wird diese Dichte gegenseitiger Bezüge an den anderen Ausstellungsorten nicht erreicht, lässt sie sich andererseits als innere Struktur bei einer Reihe von Arbeiten finden. Die "Fish Story" des Amerikaners Allan Sekula ordnet 105 großformatige Fotographien, zwei Diaprojektionen und 26 Texttafeln in sieben Kapitel. Sie geht der Frage nach einer zeitgenössischen Ikonografie der Arbeit nach und orientiert sich an und Randexistenzen des Seehandels. Sekulas Fotografien zeigen ein in permanenter Unruhe befindliches System. Ohne dass sie voneinander wissen müssten, stehen die Lebensumstände polnischer Arbeitsloser, koreanischer Werftarbeiter und internationaler Crews in Abhängigkeit.

Stoffpuppen und Fantasieobjekte von Annette Messager / ©Bild: APA
Stoffpuppen und Fantasieobjekte von Annette Messager / ©Bild: APA

Die Bataille-Skulptur

"The art audience is the worst audience in the world. It's overly educated, it's conservative, it's out to criticize not to understand, and it never has any fun. Why should I spend my time playing to that audience?" Wer hier David Hammons zitierend auf einer Tafel gegenüber der Bindingbrauerei sein potenzielles Publikum beschimpft, ist der Künstler Thomas Hirschhorn. Setzt man sich in eines der gelegentlich dort wartenden Autos, wird man zum Bataille-Monument des Künstlers gebracht, der sich als eingeladener Teilnehmer der Documenta lieber unter die geringeren Leute mischt und seine Arbeit fern der eigentlichen Ausstellungen realisiert hat: Zwischen den Häusern einer vor allem von Migranten und Migrantinnen bewohnten Siedlung stehen aus Sperrholz, Plexiglas und Klebeband gebaute Hütten, die unter anderem eine Bibliothek und einen Imbiss beherbergen. Vor allem Kinder nutzen die Bauten so ausgiebig als Hangout, dass die kleinen Gruppen von Kunstsuchenden eher wie verirrte Gäste wirken, während Hirschhorn selbst zwischen Bewohnern sitzend sein Bier trinkt.

Atelier des schweizer documenta-Künstlers Dieter Roth / ©Bild: APA
Atelier des schweizer documenta-Künstlers Dieter Roth / ©Bild: APA
Neben den ausstellenden documenta-Teilnehmern gibt es lokale Gruppen, die sich mit den Konsequenzen der großen Ausstellung für die Stadt Kassel befassen. Für kleinere und experimentelle Projekte sind die Arbeitsbedingungen in Kassel eher schwierig, weil sich Förderungen und Sponsoring auf die Zeit der prestigeträchtigen Großveranstaltung konzentrieren. Im Haus Köbberling, einem aufgegebenen Elektronikgeschäft, hat eine Gruppe aus dem Umkreis der Kunsthochschule ein Veranstaltungsprogramm organisiert, das den Bedürfnissen wie den Möglichkeiten der lokalen Szene nachgeht. Und die bestehen nicht zuletzt in der Vernetzung mit anderen Gruppen aus anderen Städten, die ähnliche Projekte und ähnliche Probleme haben. Zur Eröffnung am Samstag kam nicht nur die Frankfurter betacity.de, sondern auch Mitglieder des in Indien beheimateten Raqs Media Collectives, die in Indien Basisarbeit in den Slums leisten und in der Documenta-Halle ausstellen.

Link: Rundgang durch die Ausstellung

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