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15.01.2003 21:04

Die Folgen der Enge
Staatssekretär Franz Morak hat Kasper König gewählt, den Biennale-Beitrag zu bestimmen. Der setzt auf Entschleunigung und schickt - endlich - Bruno Gironcoli nach Venedig



Wien - Für Kasper König, Direktor des Museum Ludwig in Köln, war die Zusage Bruno Gironcolis, im Österreichischen Pavillon bei der Biennale von Venedig 2003 auszustellen, gleichsam die "Bedingung", den Job als Österreich-Kurator (einmalig) auch anzunehmen. Und sich damit den "Traum" zu erfüllen, über die nötigen Mittel zu verfügen, Bruno Gironcolis ausufernd raumgreifende Skulpturen international ausstellen zu können.

Das Budget von 300.000 Euro sollte in Kombination mit den bescheidenen Raummaßen von Josef Hofmanns Österreich-"Kiosk" ausreichen, eine kleine Werkschau der "international einmalig asynchronen Position" Gironcolis in Venedig zu präsentieren. Neben der Personale im Pavillon in den Giardini ist auch daran gedacht, eine Monumentalskulptur im öffentlichen Raum Venedigs zu positionieren; etwa am Hauptbahnhof oder am Flughafen.

Die Auswahl der Werke ist längst noch nicht abgeschlossen. Als fix gelten bislang lediglich die beiden "Vitrinen" Hutnadel I und Vater-Mutter-Kind. Die Vorarbeiten zur endgültigen Präsentation sollen Anfang Februar beginnen. Erst dann wird König entscheiden, ob auch Gironcolis grafisches Werk Eingang in die Präsentation findet.

Oder Gironcoli selbst: Anlässlich seiner Personale im Wiener Museum für angewandte Kunst wollte der Künstler die beiden Werkkomplexe getrennt voneinander ausgestellt wissen. So war er dann "Nutznießer" gleich zweier Personalen in MAK: Der Skulpturenschau Die Ungeborenen 1997 und dem "Nachtrag zu einer vergangenen Ausstellung" - Lady Madonna - 1999.

Der für Bruno Gironcoli "originelle" Kurator Kasper König plant zudem den Ankauf einer Skulptur für das Museum Ludwig in Köln. Und will im Anschluss an die Biennale - so eine Finanzierung, die oft genug schon an den exorbitant hohen Transportkosten scheiterte, möglich ist - das Werkkonvolut auf eine Tournée durch drei oder vier international renommierte Ausstellungshäuser schicken. Interessiert zeigten sich bislang, laut König, das Musée National d'Art Moderne im Pariser Centre Pompidou und die Henry Moore Foundation.

Gironcolis nicht nur in den Ausmaßen spröde Skulpturen waren einem breiteren Publikum international kaum bekannt. Ihre Eigenwilligkeit bedurfte wohl einer - wie Kasper König - zentralen Figur im Weltkunstspiel, um positiv hervorgehoben zu werden. Unter Künstlern galt Gironcoli schon seit Mitte der 70er-Jahre als wesentlicher Impulsgeber - und für die Jüngeren als Beispiel einer radikal eigendefinierten Haltung, jenseits tagesaktueller Kriterien von Form und Inhalt.

Bruno Gironcoli wurde 1936 in Villach geboren und trat 1977 die Nachfolge von Fritz Wotruba als Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste an. Seitdem arbeitet, unterrichtet und wohnt er auch im Ateliergebäude in der Wiener Böcklinstraße.

Können seine frühen Polyesterobjekte noch als Paraphrasen auf den Gebrauchswert von (50er-Jahre-)Mobiliar gelesen werden und damit auch als Kommentare auf die Enge kleinbürgerlicher Kabinette, so kommen in den großen, maschinenartigen Objektkonstellationen auch die Hintergründe und Folgen der Enge der Welt, in die er geboren wurde - (Austro-)Faschismus, Gewalt, sexuelle Repression und Perversion, masochistische und sadistische Praxis -, intensiv zum Ausdruck.

Seine Papierarbeiten scheinen bisweilen Anleitungen zum Gebrauch von Gironcolis "Junggesellenmaschinen" zu sein - sie implementieren die Gerätschaften unbestimmt gewalttätigen Zwecks in ein bloß an der Oberfläche glänzend lackiertes soziales Umfeld. Oder unterstreichen die Sehnsucht nach Geborgenheit in einem maschinell gestützten biomorphen Zufluchtsort: einer gnädigen Gebärmutter, die den Aufenthalt nicht begrenzt, kein Entwicklungsziel vorgibt, versichert, den Säugling nicht durch den Geburtskanal zu schicken - den Uneigentlichkeiten des Seins entgegen. (Markus Mittringer/DER STANDARD; Printausgabe, 16.1.2003)


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