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"Ulysses": Die Ausstellung im Atelier Augarten zeigt zeitgenössische Kunstwerke, die von James Joyce's berühmtem Roman inspiriert sind

Melancholie einsamer Flaneure

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Wie kaum ein anderer Roman hat "Ulysses" von James Joyce Künstlerinnen und Künstler beeinflusst. Zeitgenössische Position zu diesem literarischen Klassiker der Moderne sind noch bis 15. August im Atelier Augarten zu sehen.

Das österreichische Webverzeichnis! Am 16. Juni haben wir die 100. Wiederkehr des "Bloomsday" erlebt - der (All-)Tag, der die Odyssee des modernen Menschen darstellt - und auf über 800 Seiten von James Joyce in Worten festgehalten wurde: "Ulysses" ist neben Musils "Mann ohne Eigenschaften, wohl der Kultroman, der nicht nur Germanisten, sondern auch viele Künstlerinnen und Künstler fasziniert.
Auf die Spuren der Ulysses-Afficionados heftete sich Thomas Trummer, Kurator für Gegenwartskunst in der Österreichischen Galerie Belvedere, und erstellte mit Annika Werner für das Atelier Augarten die Ausstellung "Ulysses. Die unausweichliche Modalität des Sichtbaren. Der Roman von James Joyce in der zeitgenössischen Kunst". Der zweite Titel - "die unausweichliche Modalität des Sichtbaren" - stammt übrigens aus der Einleitung von Ulysses.
Schon Clement Greenberg hatte den Bezug von Joyce's Œuvre zur bildenden Kunst in formalen Experimenten des abstrakten Expressionismus hergestellt. Bei der Ausstellung im Augarten geht man jedoch - neben Heroen wie Man Ray, Joseph Beuys, Lawrence Weiner oder Birgit Jürgenssen - über das Formale hinaus. Dazu wählte Kurator Trummer etwa Künstler wie Koo jeong-a, Markus Schinwald, Deutschbauer/Spring oder Isabell Heimerdinger aus. Raymond Pettibon, selbst an einem Bloomsday geboren, verweist indirekt über Jackson Pollocks Dripping-Methose auf Greenberg. Franz West wählte sich den Architekten Gerngross als zweiten Ulysses für eine zweite 5,64 Meter hohe Säule aus Eimern, bestrichen mit Straßenmarkierungsfarbe. Der "Twolysses" wird durch Deutschbauer/Spring denn auch zum Theaterkaraoke.
In einem Monitor läuft der Syberberg-Film von 1985, in dem Edith Clever in ihrer Berliner Wohnung das letzte Kapitel (Monolog der Molly Bloom) liest. Eine weitere Tonspur bildet Cerith Wyn Evans "Ulysses Soundtrack", eine Hommage an John Cages Vertonung zu "Finnegans Wake".
Die vieldeutigen Bezüge verweisen also nicht nur direkt auf Joyce; Markus Schinwald bringt beispielsweise Richard Hamiltons Auseinandersetzung mit ein: Dabei geht es nicht um Dublin, sondern die Collage-Szenen ereignen sich in New York und das Bild einer Nymphe von Klimt stellt das ideale Schlafzimmerbild der Blooms dar.
Lawrence Weiner hat sich natürlich mehr um den Sprachrhythmus des Romans in der eigenen Musik seiner Sprachfolge bemüht. Immer wieder wandert die Gelehrsamkeit der Antike mit ein: Im Katalog setzt Trummer die Karikatur des vielwandernden Bloom durch den Dichter mit altgriechischem Zitat als Frontispiz.
Das Porträtfoto, das Man Ray in Paris zur Zeit des Romans 1922 von Joyce aufgenommen hat, verweist auf das männliche Genie in typisch melancholischer Denkerpose. Diese leicht misogyne, für das 20. Jahrhundert aber typische "Priesterkünstler-Kost" wird aber auch durch die betont körperliche Seite bestimmter Romanstellen (vor allem der Wunschvorstellung in Geschlechtsumwandlung am Ende) betont: Jonathan Monk/Douglas Gordon thematisieren deshalb die Distanz zwischen den Liebenden mit Hilfe einer vielteiligen sich von abstrakter Unschärfe bis in ein scharfes Pin-up der 60er Jahre wandelnde Diaprojektion. Neben der rassigen Dunkelhaarigen erscheint der Schriftzug "The End". Subtil definiert Koo jeong-a ("Thinking of U on the east coast") den Weg Blooms als Endloslinie einer inneren Kartografie.
Brigit Jürgenssens Plakatentwurf von 1983 (dem Jahr des Erscheinens der deutschen Taschenbuchausgabe von Hans Wollschläger) trägt den Titel "Don't forget June 16th" und nimmt mit der üblich feministischen Spitzfindigkeit das gemeinsame nächtliche Pinkeln der beiden Herren Bloom und Dedalus (vorletztes Kapitel) in braunfarben barocker Mondnacht "auf die Schaufel": Breitbeinig, voneinander abgekehrt und fast anonym mit Regenmantel und Hut in Rückenansicht gegeben, sind sie Sinnbilder männlicher Rivalität (im Kampf um die Frau) und erzeugen trotzdem die Pfütze gemeinsam, die rechts vorne das Blatt abschließt.
Die Art und Weise des künstlerischen Nachvollzugs der literatischen Vorlage ist auch für alle äußerst amüsant, die "Ulysses" entweder gar nicht oder wie Deutschbauer/Spring, als eines der ungelesenen Bücher besitzen.

Erschienen am: 04.08.2004

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