Nur das Sehen
allein genügt nicht
Schirn Kunsthalle
Frankfurt: Die Ausstellung "Nichts" stellt Stille, Leere und Schweigen in
den Mittelpunkt
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In der Schirn
Kunsthalle stehen Besucher vor weißen Blättern und unsichtbaren
Objekten. Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer
In so manchem antiken Mosaik gab es schon
Ansammlungen von abstrakten Nichtigkeiten. In der Frührenaissance tauchte
dann das berühmte O von Giotto auf – es könnte auch eine Null gewesen
sein. Mit Geburt der Moderne wurde Kasimir Malewitschs schwarzes Quadrat
zur Ikone der absoluten Malerei, Marcel Duchamps Staub- und Luftskulpturen
waren das Ende für die Bildhauerei in Stein. Doch erst in den
Sechzigerjahren brach die breite Begeisterung für Stille, Leere und
Schweigen – die Kategorien des Undarstellbaren – aus. Bei Samuel Beckett
war es Hauptthema auf der Bühne, John Cage komponierte die Musik ohne
Töne. John Baldessari und Lawrence Weiner entleerten die Bilder oder
füllten sie mit Buchstaben und Konzepten.
Heute ist die Situation komplexer. Nachdem Joseph Beuys sogar das
Denken zur sozialen Plastik erhoben und das vorhergesagte Ende von
Geschichte und Kunst doch nicht stattgefunden hatte, regieren
Postminimalismus, wieder entdeckter Realismus und alle möglichen
Konzept-Mixturen pluralistisch nebeneinander. Auf der anderen Seite macht
die Bilderflut der Massenmedien der Kunst zu schaffen. Deshalb widmet sich
die Schirn Kunsthalle dem schwer präsentierbaren "Nichts". Ohne Theorie
und Reflexion über unsere Sinneserfahrungen geht hier gar nichts. Trotzdem
ist die Ausstellung nicht nur eine Angelegenheit für Hyperintellektuelle.
Am Anfang stand die Reduktion auf pure Form und reine Farbe, erst nach
1945 kamen der Purismus und die wissenschaftliche Untersuchung von
Tafelbild oder Farbmaterie. Der Großmeister dieser Zeit war Ad Reinhardt
mit seinen schwarzen "ultimate paintings".
Weiße, leere Wände
Dass Weiß noch viel mehr dem Immateriellen entspricht, sahen neben
Malewitsch auch Künstler wie Yves Klein, Nam June Paik, James Turrell oder
Karin Sander. In Luc Tuymans‘ Diaprojektionen in der Schirn Kunsthalle
wird Weiß als isoliertes Licht dargestellt. Beuys hat vier Filmrollen von
Ingmar Bergmans "Das Schweigen" zum Kunstobjekt getürmt. Als ironisches
Konzept kann man Tom Friedmans "1000 Hours of Staring" sehen. Das Werk
besteht aus weißen Blättern, die der Künstler endlos lange angestarrt hat.
Der unsichtbare Kubus von Michael Amman macht sich erst durch Alarmsignale
bemerkbar, Stefan Brüggemann stapelt Kartons mit der Aufschrift "Nothing."
Ist das Ganze ein Witz oder Nihilismus? Mitnichten, für die Besucher
ist die Schwelle vom Bild zur Akustik, aber auch zu Lichtbild und Film
durchaus nachvollziehbar.
Nichts
Schirn Kunsthalle Frankfurt Römerberg, Frankfurt,
0049/69/29 98 82-0
http://www.schirn.de/
Kuratorin: Martina Weinhart
Bis 1. Oktober
Ohne Üppigkeit.
Donnerstag, 07. September
2006