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Wohnkultur: Wohnen mit Eigensinn

03.02.2010 | 19:29 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Strenges Stahlrohr? Gemütlich und flexibel wohnt man in Wien. Das zeigt der Kunstraum NÖ für heute. Und das Hofmobiliendepot für die Zwischenkriegszeit.

Eine „Lotterbank“ in der eigenen Singlewohnung, das war wohl heimlicher Wunsch vieler Mädchen in der Zwischenkriegszeit. Aber nichts da, eine junge, unverheiratete Dame wohnte nicht alleine, das schickte sich noch lange nicht. Außer man hieß Lisl Pospisil, und das ist kein Witz. Die Tochter eines Stadtbaurats arbeitete in Wien bei einer britischen Firma als „Privatbeamtin“. Und ließ sich mit Mitte 20 vom nur wenig älteren Architekten Walter Loos eine der ersten Junggesellinnenwohnungen Wiens am Schwarzenbergplatz einrichten. „Lotterbank“ inklusive, wie der erhaltene Einrichtungsplan verrät. Im Hofmobiliendepot ist er mitsamt zwei niedrigen, ledergepolsterten Lehnstühlen aus Birnbaumholz ausgestellt.

Von coolen Stahlrohrmöbeln, vom sachlichen Bauhausstil, der damals von Deutschland aus die avantgardistischen Wohnzimmer eroberte, war im Wien der 30er-Jahre nicht viel zu bemerken. Eine „andere“ Wiener Moderne wurde hier entwickelt, beschreibt es Eva Ottillinger. Sie hat die Ausstellung über Wohnen in der Wiener Zwischenkriegszeit zusammengestellt. Gemütlich und individuell musste es damals sein, mit viel Stoff und flexiblen Kleinmöbeln. Bitte nur nicht aus einem Guss, wie es Anfang des Jahrhunderts die Wiener Werkstätte praktizierte. Wo jedes Detail passen musste, der Auftraggeber seinen Alltag stilistisch völlig aus den Händen gab und sich dem Diktat des Künstlerarchitekten unterordnete.

 

Keine Lust auf Unterordnung

Darauf hatten Lisl Pospisil und die Kinder des liberalen jüdischen Großbürgertums keine Lust mehr. Ebenso wenig wie auf die schwere, vererbte Möblage aus dem 19.Jahrhundert, die etwa noch Sigmund Freuds Wohnbereich prägte. In der Nachfolge von Adolf Loos erlöste eine „neue Wiener Moderne“ die in Repräsentation erstarrten Wohnräume. Die prägenden jungen Architekten hießen jetzt Oskar Strnad und Josef Frank, sie schufen flexible Wohneinheiten für eine mündige, oft weibliche Kundschaft.

Im Hofmobiliendepot werden auf einzelnen bunten Podesten zehn bürgerliche Wohnungen vorgestellt, teils rekonstruiert. Die Biografien von Architekten und Auftraggebern werden dokumentiert. Die Hälfte der vertretenen Architekten sind in der NS-Zeit emigriert, zwei der Wohnungen wurden arisiert. Die prächtige Anrichte aus der Wohnung von Willy und Daisy Hellmann etwa, bei der man noch die Umrisse der abmontierten, linksdrehenden Swastika-Symbole erkennt. Sie waren damals, 1914/16, nicht politisch gemeint, sondern Dekoration im nordischen Stil. Wann die Motive abgenommen wurden, lässt sich nicht mehr eruieren. Die Keramikkünstlerin Lucie Rie konnte 1938 noch mit ihrer gesamten geliebten Wohnungseinrichtung nach London fliehen. Zehn Jahre zuvor hatte sie den ebenfalls Mitte 20-jährigen Ernst Plischke mit der Ausstattung beauftragt. Nach ihrem Tod 1995 konnte das Hofmobiliendepot die zwei Zimmer vollständig ankaufen, sie sind Zentrum und Ursprung dieser Ausstellung.

An dieser Wohnung erkennt man aber auch, dass es mit der Toleranz auch bei den jungen Architekten nicht weit her war. Der Marcel-Breuer-Stahlrohrsessel, den Rie sich – ohne Erlaubnis des Architekten! – ins Schlafzimmer stellte, durfte damals auf keinem offiziellen Foto sichtbar sein. Kuratorin Ottillinger hat einen solchen– kleine Bosheit – jetzt doch wieder in das Ensemble geschummelt.

 

Lieber Holzstapel wird böse Wehrmauer

Wenig zu reden haben Architekten in der Ausstellung „Wir wohnen“ im Kunstraum Niederösterreich in der Wiener Herrengasse. Ingeborg Strobl gibt hier Einblicke in die Wohnträume und -traumata zeitgenössischer Künstler. Einziger Architekt ist Clemens Kirsch, vertreten mit einem Holzstapel, einem Zeichen der Gemütlichkeit, das erst auf den zweiten Blick mit langen, herausragenden Eisenstacheln ganz schön wehrhaft wird. Und Prinzgau/Podgorschek, die an der Schnittstelle Kunst/Architektur arbeiten, spendeten einen Stellvertreter für ihre beeindruckende Art des Wohnens, des unangepassten, individuellen, schwelgerischen Hausens – ein Biedermeiertischchen mit zuckerfarbener Kunststoffplatte. „Vier Beine für Rosa“ heißt das Einzelstück.

Verschmolzen mit der Kunst sind auch die Lebensräume von Trude Lukaczek, die umgeben von Vitrinen voll Souvenirs aus aller Welt wohnt. Alexandra Schlag, die sich mit aufwendigen kleinen „Hausaltären“ aus Wegwerfkitschprodukten umgibt. Oder Johann Peter Hlustik, der wohl langsam in seinen Archivordnern erstickt, in denen er sein privates „How is Who“ zusammenstellt, Zeitungsausschnitte von tausenden Personen, die ihm interessant erscheinen.

Avantgardistisches Wohnen in Wien scheint heute also ähnlich von Gemütlichkeit und Individualität geprägt wie in der Zwischenkriegszeit – sonst würden die Künstler dies nicht derart spiegeln oder ironisch aufzeigen. Wozu unbedingt auch Regula Dettwilers exzentrische Topfpflanzen gehören: Die in Wien lebende Schweizerin versieht die Ränder von Ficus und Sansevieria mit zarten Spitzenbordüren, eine prächtige Fusion atmosphärischer Großmütterlichkeit.

Susi Jirkuff dagegen thematisiert das Ende dieser Geborgenheit – ihr Animationsvideo zeigt synchron das Zusperren und Aufbrechen einer Wohnungstür. Und es ist wohl kein Zufall, dass in heutigen unsicheren Zeiten – ähnlich wie in der Zwischenkriegszeit – der Rückzug, das Verschanzen im Privaten, das „Cocooning“ wieder Thema wird.


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