Der scheidende Mumok-Chef Edelbert Köb über die
Neuordnung der Museen, politische Kontrolle und Visionen
"Wir sind ja keine Großmacht"
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Edelbert Köb über den heimischen Kulturbetrieb: "Bei uns ist immer noch
das imperiale System des Antichambrierens intakt." Foto: apa
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Von Judith
Schmitzberger

Köb
kritisiert fehlende Transparenz und Planung im Bereich der Museen.

Den Kunststandort Österreich sieht er davon
massiv gefährdet.
Wien. Nach acht Jahren als Direktor des
Museums moderner Kunst (Mumok) verlässt Edelbert Köb das Haus mit
Monatsende. Seiner Nachfolgerin Karola Kraus, die am 1. Oktober ihr Amt
antritt, hinterlässt Köb ein Ausstellungsprogramm bis in den Frühling
2011. Eine Bilanz des scheidenden Direktors, die durchaus Züge einer
Abrechnung aufweist.
"Wiener Zeitung": Sie haben
vor Ihrem Abschied mit massiver Kritik an der österreichischen
Kulturpolitik Staub aufgewirbelt. Gehen Sie nun in Frieden?
Edelbert Köb: In Frieden mit dem Haus. Nicht aber
mit der Kultur. Da wurde eine aufwendige Museumsreformdiskussion
eingeleitet, viele virulente Probleme angerissen und dann ist nichts
passiert.
Welche Probleme sehen Sie da?
Es gibt nur ein wirkliches Problem der Bundesmuseen und das ist die
zeitgenössische Kunst. Das Technische, das Naturhistorische Museum oder
die Nationalbibliothek gibt es ja nur einmal, deshalb gibt es auch keine
Kompetenzrangeleien. In der Moderne ist das ganz anders. Auf dem Papier
ist der Auftrag bis zum 20. Jahrhundert klar: Das Kunsthistorische ist
für Kunst bis 1800 zuständig, das Belvedere für das 19. Jahrhundert. Ab
der Moderne wird es dann unübersichtlich. Denn wenn vier Museen – die
Albertina, das Belvedere, das Mak und wir selbst – Museum der modernen
Kunst spielen, werden wir uns das nicht lange leisten können. Wir sind
ja keine Großmacht.
Wie könnte eine neue Museumsneuordnung aussehen?
Zwischen Museen und Politik müsste eine Expertenebene eingeschalten
werden. Bei uns ist immer noch das imperiale System des Antichambrierens
intakt. Wer schneller im Vorzimmer der Ministerin sitzt und sie
überzeugen kann, gewinnt. Entscheidungen dürfen aber nicht hinter
verschlossenen Türen stattfinden. Die Experten müssen bekannt sein, die
Entscheidungen auch. Momentan sieht es so aus, dass die Ministerin ab
und zu jemanden anruft. Sie findet es absurd, nach Regulativen zu
schreien. Dabei geht es schlicht um Objektivierung, um klar definierte
Rahmenbedingungen und politische Kontrolle.
Wie sollte die Neuordnung der Häuser aussehen?
Dafür gibt es nicht nur eine Lösung. Wir haben vier Museen, die wir
mit Gegenwartskunst beschäftigen. Im Prinzip ist das wunderbar, doch die
Sammlungen leiden darunter. Wir können uns nicht ewig auf den Klimts
und Schieles ausruhen. Sammlungen sind heute viel komplexer, weil der
Kunstbetrieb selbst größer und vor allem global geworden ist. Damit
haben vor allem Großmuseen ein Problem, denn sie müssten große
Überblicke, das Mumok sogar über das gesamte Jahrhundert liefern. Das
ist nicht zu schaffen. Es macht also Sinn, dass sich Museen in ihren
Sammlungen spezialisieren. Mit einem klaren Konzept und einem klaren
Auftrag. Natürlich wäre es schön, wenn alle uneingeschränkt agieren
könnten. Aber das entspricht nicht der ökonomischen Realität.
Wie sieht die Situation des Zeitgenössischen in unseren
Sammlungen aus?
Die Sammlung Österreich wird ein riesiges Loch haben, was die Kunst
der letzten zwanzig Jahre betrifft. Wenn man sich nicht von der Idee
eines starken nationalen Museums internationaler zeitgenössischer Kunst
verabschieden will, dann muss man entsprechende Schritte setzen.
International mitspielen kann doch nur, wer eine attraktive Sammlung
besitzt. Jeden Tag wird irgendwo auf der Welt ein Museum der modernen
Kunst eröffnet. Die Konkurrenz wird so immer härter und es wird jeden
Tag schwieriger, Leihgaben an Land zu ziehen.
Worin sehen Sie die zentrale Aufgabe eines Museums?
Ein Museum ist zu allererst Ort der Sammlung und deren Präsentation.
Und dann erst ein Ort für Ausstellungen, als Ergänzung zur eigenen
Sammlung. Doch diese Idee ist weitgehend verloren gegangen. Die meisten
Museen sind heute nur noch Ausstellungshäuser. Daran ist auch die
Politik schuld, die die Häuser in einen Aufmerksamkeitswettbewerb
geworfen hat. Die Quote zählt und sonst kaum etwas. Doch dieses Denken
hat Konsequenzen. Die Sammlung eines Hauses ist entscheidend für seinen
internationalen Ruf. Wenn man Museen also erlaubt, all ihr Geld in
Ausstellungen zu stecken, ist das ein schwerer kulturpolitischer Fehler.
Doch Kulturpolitik ist nicht weitsichtig, die Kunst nicht wichtig
genug. Mit Kunst gewinnt man keine Wahlen.
Sie haben das Haus 2002 übernommen. Wie sieht Ihre Bilanz über
Ihre Zeit am Mumok aus?
Was die künstlerische Bilanz betrifft, bin ich froh, dass es uns
gelungen ist, dem Mumok sowohl Ansehen als auch Publikum zurück zu
erobern und das Haus sowohl national als auch international zu
positionieren. Soweit das die Mittel erlaubt haben. Am großen Ziel, der
räumlichen Erweiterung des Mumoks, da bin ich gescheitert. Doch ich habe
es zumindest geschafft ins Bewusstsein zu bringen, dass das ein
wichtiges kulturpolitisches Ziel ist. Für die Umsetzung müssten viele an
einem Strang ziehen.
Können Sie sich vorstellen, wieder selbst künstlerisch tätig zu
sein?
Das ist wohl nach 15-jähriger Absenz abgehakt. Kunst oder Bildhauerei
ist kein Hobby, das man nach Belieben aktivieren kann. Ich habe mich
eben auf andere Dinge konzentriert mit meiner ganzen Energie.
Was haben Sie für Pläne für die nächsten Jahre?
Viele unterschiedliche, die ich gerade mit einander abgleiche. Und
mir überlege, ob ich mich noch einmal einer größeren Herausforderung
stellen soll. Etwas ganz Neues aufzubauen, könnte mich jedoch noch
einmal reizen.
Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin Karola Kraus?
Viel Erfolg und ich hoffe, dass auch sie das Ziel das Haus als
internationales Museum moderner Kunst weiter zu entwickeln verfolgt. Die
Erweiterung des Hauses, die ich in meiner Direktion intensiv betrieben
habe, ist dafür unbedingt notwendig. Sonst wird es zu einer Kunsthalle
mit angeschlossenem Depot.
Zur Person
Edelbert Köb wurde 1942 in Bregenz geboren und
studierte an der Wiener Akademie der bildenden Künste Malerei und Grafik
sowie Kunsterziehung. Ab 1974 war Köb als Professor an der Akademie
tätig, 1982 bis 1991 Präsident der Wiener Secession. In den Jahren 1985
bis 1995 und 1998 bis 2000 war er als Prorektor an der Akademie, 1990
bis 2000 Leiter des Kunsthauses Bregenz. 2001 übernahm Köb als Direktor
das Museum Moderner Kunst im Wiener Museumsquartier. Im Mumok löst ihn
ab Oktober Karola Kraus als Direktorin ab.
Siehe auch:
Kommentar:
Wo ist nur die Kunst geblieben?
Printausgabe vom Donnerstag, 09.
September 2010
Online seit: Mittwoch, 08. September 2010 18:16:00
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