| Artikel aus
profil Nr. 16/2002 |
Kreatives
Blubbern
Nach langen Querelen wurde
nun das Quartier 21 präsentiert. Eine Plattform für die Kunst der
Zukunft oder die konservativen Visionen von Spaßkultur?
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Zuerst hieß es "Future Lab", dann war von
"Quartier 21" die Rede, schließlich gar von "Qunst-Archiv 21".
Inzwischen ist man wieder zu Quartier 21 zurückgekehrt - eine
Herberge für die Kunstproduktion des 21. Jahrhunderts. Nach
zweijähriger Planungszeit gaben nun Wolfgang Waldner, Chef der
Museumsquartier-Errichtungsgesellschaft, und der Kurator Vitus H.
Weh die definitive Nutzerstruktur für das Quartier 21 bekannt.
Gemeint sind jene disponiblen Flächen des MQs, die sich im vorderen,
barocken Teil des Areals befinden und über 4000 Quadratmeter Fläche
umfassen.
Zwei Themenstraßen, Electric Avenue und
transeuropa, bilden die Hauptachsen, die auf einer Länge von
mehreren hundert Metern begehbar sein werden. Zwei Käseglocken,
unter denen verschiedene Kulturinitiativen in Pavillonstruktur
untergebracht sind: Büros für Mode, Netzaktivismus, Videokunst oder
Futurologie. Der Vision Waldners entspricht es, dass in diesen
beiden Straßen möglichst viel "Leben und Aktivitäten" einziehen
sollen. Dabei glaubt der MQ-Chef, dass das Ganze finanziell
selbsttragend sein wird, zumal die beiden Themenstraßen, nicht
zuletzt wohl, weil sie mit braven, integrierenden Labels versehen
wurden, auch vom Bund unterstützt
werden.
Veranstaltungshallen wie die "Erste Bank Arena"
sollen von Nutzern und von Außenstehenden für Veranstaltungszwecke
angemietet werden können. Hier scheint aber bereits einer der Haken
der ganzen Konstruktion verborgen zu sein: Zu einer für den
prominenten Standort an sich niedrigen Miete von 5,5 Euro pro
Quadratmeter für nichtkommerzielle Nutzer kommt ein
Betriebskostenaufwand in fast gleicher Höhe - was Mietkosten ergibt,
die bei größeren Räumen erhebliche finanzielle Mittel erfordern. Und
diese können nur über Sponsorenverträge eingebracht
werden.
So will etwa der Künstler Robert Jelinek - mit seinem
Projekt "spoiler", einer Art Netzwerkstelle für DJ-Culture, mit
Plattenladen und Musikarchiv, das rund 300 Quadratmeter beansprucht
- mit einer Autofirma kooperieren, um in mobilen schwarzen Vans
Musik-Kultur unter die Leute zu bringen. Ein so genannter "math.
space" wiederum, "Zentrum zur Popularisierung von Mathematik", kann
sich das Q 21 erst leisten, wenn die fixe Zusage eines großen
Wirtschaftsunternehmens vorliegt.
Käseglocke
Es ist nicht weiter
verwunderlich, dass die Electric Avenue eine Plattform für Neue
Medien sein wird - nicht nur, weil es irgendwie hip und innovativ
erscheint, sondern auch, weil in den neuen Technologien viel
Werbegeld drinsteckt. Eine fröhliche Flaniermeile, bei der man den
jungen Kreativen beim Werken über die Schulter schauen darf:
digitales Geblubber hier, mediales Flackern der Monitore
da.
Die zweite Straße transeuropa heißt nicht so, weil dort
vorwiegend Europäisches geboten würde, sondern weil hier
österreichische Bundesländer eine Plattform erhalten sollen.
Finanziell massiv unterstützt wird "transeuropa" von der schwarzen
Kulturpolitik Niederösterreichs. An die zwanzig "unabhängige
Kulturanbieter" sitzen nun fix im Q21, eröffnet wird im
September.
Problematisch an der Struktur erscheint
einerseits, dass die weitere Organisation noch nicht genau geklärt
ist - so sollen die einzelnen Gruppierungen irgendwann dem
Selbstmanagement überlassen werden. Andererseits darf auch
angezweifelt werden, ob unter den staatlichen Käseglocken
Programmmacher aus der Subkultur und ein Verein, der etwa ein
"Lehrlingskulturfestival" im MQ organisieren möchte, so einträchtig
nebeneinander auskommen werden. Alles ein Trend der Zeit?
Getrübt
Der Enthusiasmus der
beiden Hauptverantwortlichen Waldner und Weh konnte bisher
allerdings nicht von allen Mietern im Museumsquartier geteilt
werden: Zu markant war auf der Pressekonferenz die Präsenz des
Leiters der Internet-Plattform Public Netbase, Konrad Becker, der
nun definitiv nicht mehr ins Museumsquartier einziehen wird, obwohl
er zum MQ-Urgestein gehört hatte.
Klar ist: Wer drinnen ist
im Q21, freut sich, wer draußen ist, regt sich auf. Becker, der sich
mittlerweile auf ein SPÖ-unterstütztes Gelände am Spittelberg
zurückgezogen hat und von dort aus die Manöver gegen das MQ
weiterführt, wirft Waldner "unfähiges Management" und Wortbruch vor.
Nach zwei Raumangeboten, die dieser abgelehnt habe, sei der Zug für
Becker abgefahren, kontert Wolfgang Waldner und konzediert jenem
"unseriöse Vorgangsweise".
Polemiken, Dementis oder scharfe
Kommentare gehören längst zum verbalen Alltag im Museumsquartier.
Kein Wunder, geht es dabei doch auch um handfeste kulturpolitische
Interessen. Denn die SPÖ-dominierte Stadt Wien, mit 25 Prozent
Anteil an der Trägergesellschaft des Museumsquartiers, muss
versuchen, ihren Einfluss im Bezirk gegenüber dem Bund, der mit 75
Prozent beteiligt ist, nicht zu verlieren. Das Q21 ist weder gut
noch böse, es ist ganz einfach der Ausdruck einer neuen
kulturpolitischen Mentalität.
Wenn hier von Kreativität
gesprochen werden kann, dann tatsächlich im Sinne von Franz Moraks
viel beschworenen "Creative-Industries". War bisher nie ganz klar,
was mit "Kreativität" in einer ÖVP-dominierten Kulturpolitik gemeint
war, kann man es sich nun in etwa vorstellen: Event-Kunst,
Flexibilität, digitales Brimborium, Public Relations, Spektakel und
Showeffekte. Die Inhalte werden, wenn überhaupt, über einzelne
Projekte definiert und über die Sponsoren - Kultur an der
Schnittstelle zur Wirtschaft. Ob in so einem Konzept Public Netbase
oder auch andere früher unabhängig im MQ angesiedelte Initiativen
überhaupt noch etwas verloren hätten, darf bezweifelt werden.
Autor: Patricia Grzonka
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