08.03.2003 12:12
"Hundert Prozent Seide"
Mamor,
Palisander, Gold und Seide: Für die Renovierung der Albertina - nur die edelsten
Materialien. Denn das Palais ist keine Hütte.
Marmor, Granit, Travertin. Palisander, Kirsch- und
Eichenholz. Gold, Seide und satiniertes Glas: Für die Renovierung der Albertina,
die am 14. März wiedereröffnet wird, wurden nur die edelsten Materialien
verwendet. Und kein Wellblech. Denn das Palais ist keine Hütte.
Ein Museum mit Weltgeltung nach einem Jahrzehnt bloß wiederzueröffnen,
wäre wohl unter der Würde eines Klaus Albrecht Schröder. Der Direktor spricht
daher immerzu von einer - mehr oder weniger - "Neugründung der Albertina".
Lautet doch sein Motto, mit dem er, in erhabene Pose geworfen (Stand- und
Spielbein, den einen Arm ganz locker auf die Türschnalle gelegt, den anderen
noch lockerer in der Hosentasche versenkt), Printwerbung für einen
Versicherungskonzern macht: "Vor mir die Kunst, Großes noch größer zu machen."
Und die Albertina ist ziemlich groß. Mit über einer Million Drucke und
Hunderttausenden Zeichnungen die größte Institution ihrer Art.
Dass die
Albertina am 14. März wiedereröffnet wird: Daran besteht kein Zweifel. Auch wenn
selbst eine Woche vor dem Staatsakt auf der Augustinerbastei das pure Chaos
herrscht. Allerorts werken Tischler, Maurer und Monteure, Glaser, Tapezierer und
Restauratoren. Viele werden auch danach weiterarbeiten. Denn trotz der
Verschiebung der Eröffnung um ein halbes Jahr wird so manches Vorhaben nicht
rechtzeitig umgesetzt sein. Wer sich dieser Tage der Albertina nähert, glaubt
sogar ein Manifest der Niederlage erkennen zu können. Die Burggartenseite des
Palais ist eingerüstet. Von Schanigarten keine Spur. Er müsse auch künftig Druck
machen, sagt Schröder, "extremen Druck". Denn spätestens Anfang April haben die
45 Zwerglinden gepflanzt zu sein.
Die dem Hrdlicka-Mahnmal zugewandte
Seite hingegen ist zwar so gut wie fertig. Aber doch ganz anders, als es sich
Schröder erträumt hatte. Denn der Direktor wollte den klassizistischen Zustand
wiederhergestellt wissen. Und der besagt, dass entlang der Augustinerstraße eine
Rampe auf die Bastei führt. Sie war, obwohl nicht beschädigt, nach dem Weltkrieg
abgetragen worden. Von dieser Idee hatte sich Schröder schon bald verabschieden
müssen. Auch aufgrund der enormen Kosten. Die ursprüngliche Gliederung der
Fassade hingegen brachte er durch. Und statt des massiven Balkons aus Beton, den
man in den 50er-Jahren fälschlicherweise im Erdgeschoß des Palais angebracht
hatte, gibt es nun wieder einen originalgetreu rekonstruierten aus geschmiedetem
Eisen - im mondänen Piano nobile.
Ob der fehlenden Rampe lagen in den
letzten Jahrzehnten die beiden Kellergeschoße bloß. Sie liegen es auch jetzt.
Wenn auch anders: Hans Hollein markierte die Trennungslinie zum Palais mit einem
schweren Gesims. Und schnitt darunter eine Reihe plumper Bullaugen ins
Mauerwerk. Dass ihm diese Lösung widerstrebt, würde der Direktor öffentlich nie
zugeben. Das Bundesdenkmalamt hätte auf dieser Lösung bestanden. Und er,
Schröder, sei der Letzte, der nicht zu der Entscheidung steht.
Immerhin
betritt man die Albertina jetzt wieder durch den Haupteingang auf der Bastei.
Und nicht durch den Keller. Beziehungsweise: Man durchstößt die Bastei mit Lift
oder Rolltreppe, um die Albertina durch den Haupteingang betreten zu können. Und
wird selbst bei Regen nicht nass werden: Denn weit über die Bastei hinaus soll
ein Flugzeugflügel-ähnliches Dach aus Titan kragen, das Hollein gestaltete. Doch
das Wunderwerk der Technik, 64 Meter lang, ließ sich bisher nicht realisieren.
Es werde nun in Russland produziert, sagt man, und soll ab Herbst über der
Bastei schweben.
Zu Schröders Ärger hat der Burghauptmann kein Geld für
die Bepflasterung springen lassen. Billiger Asphalt umgibt das Reiterstandbild
von Erzherzog Albert, dem Gründer der Albertina. Und auf billigem Asphalt muss
man sich dem Tempel der Musen nähern. Doch dann, hat man den gläsernen Windfang
passiert, steht man inmitten der Pracht. Inmitten der "kostbarsten, wertvollsten
Materialien", sagt Schröder. "Wir haben uns auch bei der zeitgenössischen
Architektur" - der Direktor betont immer das Zeitgenössische der Architektur -
"am Anspruch des Palais mit seinen Prunkräumen orientiert. Und greifen nicht
zurück auf Wellblech." Die Albertina ist schließlich keine Hütte. Daher
schwarzer Granit aus China, laut Schröder der "nero assoluto". Zudem grün-roter
Marmor aus Ostanatolien, der "rosso levante". Und das 15 Meter lange Foyer - man
könnte auch Schlauch sagen - ist ausgekleidet mit hellem Travertin. 28 Tonnen
Stein hat man insgesamt verarbeitet.
Am Ende des Tunnels (neu errichtet,
da dieser Teil beim Bombenangriff 1945 völlig zerstört wurde) wartet das Licht:
Den Innenhof, Schröder nennt ihn "Court", hat man überdacht und in den Zustand
von 1850 gebracht. Nun herrscht wieder die alte Anordnung der kleinteiligen
Fenster, selbst die Farben, Apricot und Elfenbein, seien
originalgetreu.
Linkerhand gelangt man ins Do&Co-Restaurant. Arkan
Zeytinoglu, von dem die Bar Italia stammt, hat es designt. Ein mächtiger
Palisander, in Scheibchen geschnitten (insgesamt 600 Quadratmeter), bildet die
Oberfläche der Bar, der Wände, der Toiletten. "Das schönste Restaurant von
Wien", sagt Schröder. Es lebe der Superlativ. Vis-à-vis der Museumsshop des
britischen Innenarchitekten Callum Lumsden. Die Möbel sind aus Kirschholz,
schwarz lasiert, und rosa Glas. "Sehr elegant", sagt Schröder.
Geradeaus
geht es in die ovale Minerva-Halle, 1822 von Joseph Kornhäusel errichtet. Ab der
Göttin der Weisheit, die selbstbewusst in einer Nische thront, schreitet man auf
weißem Marmor zu den Ausstellungsbereichen. Eine Rolltreppe führt hinunter in
die neue Basteihalle. "Convenience ist alles", sagt Schröder. "Die Rolltreppe
habe ich gewollt und geplant." Das Design zumindest stammt von den Architekten
Erich G. Steinmayr und Friedrich H. Mascher: Der Schacht ist mit
Milchglasscheiben - Schröder sagt natürlich "satiniertes Glas" - verkleidet,
hinter denen Batterien von Neonröhren leuchten. Eine Himmelfahrt in den
Untergrund. Dort geht es weiter auf Eichenparkett: "Dunkel gebeizt, raffiniert
verlegt, extrem widerstandsfähig", sagt Schröder. Der White Cube mit vielen
Gestaltungsmöglichkeiten ist groß. Wie groß? "1000 m²", sagt Schröder. "800
Quadratmeter", sagen die Architekten.
Von der Minerva-Halle kann man aber
auch geradeaus weitergehen: durch den Säulengang bis zur Sphinxstiege. Dabei
passiert man die Pfeilerhalle. Hier hätte ursprünglich der Lift eingebaut werden
sollen. Als Schröder im Herbst 1999 zum Direktor berufen wurde, war der Schacht
bereits ausgehoben. Welch Frevel! Schröder ließ ihn zuschütten, um die Halle in
ihrer Integrität zu erhalten. Nun nutzt er sie für Wechselausstellungen. Nebenan
das Kinderatelier mit fünf Räumen: Gleichzeitig können mehrere Schulklassen
betreut werden. "Das hat kein anderes Museum", sagt Schröder.
Über die
viergeschossige Sphinxstiege führt der Weg ins Piano nobile mit den
restaurierten Prunkräumen. Kurioserweise ist die Innenausstattung älter als der
Gebäudetrakt: Sie war 1780 für Schloss Laecken angefertigt worden. Und Erzherzog
Albert nahm sie mit, als er 1792 vor den Franzosen floh. Nun strahlen diese
Räume wieder, die jahrzehntelang auch als Depots genutzt worden waren. 32
Kilometer Leisten wurden restauriert und vergoldet. Und die Wandbespannungen
konnten perfekt rekonstruiert werden. Denn in jedem Saal hätten sich Reste von
diesen erhalten gehabt. Daher konnte man sie wie einst von Rubelli in Venedig
weben lassen. "Hundert Prozent Seide", sagt der Direktor. "Mit der originalen
Musterung."
Dass die Albertina "das schönste klassizistische Palais
Mitteleuropas" ist: Wer würde das infrage stellen? Das Vestibül. Das
Konversations- oder Kaminzimmer. Die Garderobe von Erzherzog Carl, dann dessen
Schlafzimmer, das Goldkabinett, der Teesalon, das Billardzimmer. Der Musensaal,
der allein zwei Millionen Euro kostete. "Ich bin sehr stolz", sagt Schröder. Das
Lesezimmer, in Gelb gehalten. "In Gold", verbessert Schröder. Der Audienzsaal in
Purpur. "In Kardinalsrot", sagt Schröder. "Das ist schon eine Pracht." Dann das
Rokokozimmer, das so heißt, weil die Einrichtung jüngeren Datums ist: Mathilde,
die Tochter von Albrecht, rauchte heimlich, fing Feuer wie Paulinchen und
verendete kläglich. Die Wände sind daher nicht mit Seide ausgekleidet, sondern
mit Satin. Zum Schluss das Wedgwoodkabinett in Lila und das Spanische
Appartement.
Die Klimaanlagen, die 400 Kilometer
Lichtwellenleiterverkabelung: alles versteckt in Wandnischen und Kaminen. "Wir
haben ein Palais des 18. Jahrhunderts auf dem technischen Stand des 21.
Jahrhunderts", sagt Schröder. Nagelneu auch die Propter-Homines-Halle im
Augustinerkloster, eigentlich ein Rundgang mit zehn Sälen. "Radikale
Modernisierung", sagt Schröder immer wieder. Das gilt ganz besonders für diesen
Bereich: Der Direktor ließ Kaminmauern und Bibliotheksgang niederreißen, um
Platz für die Wechselausstellungshalle zu schaffen. Wie groß sie ist? "Knapp
1000 Quadratmeter", sagt Schröder. "Rund 800 Quadratmeter", sagen die
Architekten. (DER STANDARD Printausgabe, ALBUM, vom 8. März 2003)